FAZ 26.01.2026
13:21 Uhr

Scharaa und die SDF: Warum die kurdischen Kräfte in Syrien jetzt alleine dastehen


Die syrischen Kurden waren wichtige Alliierte der USA im Kampf gegen den IS. Danach haben sie sich offenbar verkalkuliert.

Scharaa und die SDF: Warum die kurdischen Kräfte in Syrien jetzt alleine dastehen

Der Waffenstillstand wurde verlängert, aber die Konfrontation zwischen der Führung in Damaskus und der kurdischen Autonomieregierung ist nicht entschärft. Das syrische Verteidigungsministerium teilte am Samstagabend mit, die Verlängerung um 15 Tage sei Unterstützung für die amerikanischen Bemühungen, Tausende gefangene Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) aus der Krisenregion in den Irak zu verbringen. Am Mittwoch hatte das amerikanische Militär damit begonnen, um einem massenhaften Ausbruch vorzubeugen. Von 7000 Extremisten war die Rede. Die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den „Syrian Democratic Forces“ (SDF), den kurdisch dominierten Milizen der Autonomieführung, hatten Washington beunruhigt. Sowohl Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa als auch der SDF-Kommandeur Mazloum Abdi sind Partner der Vereinigten Staaten im Kampf gegen den IS. Doch nun stehen sie sich als Kriegsparteien gegenüber. In der vergangenen Woche sind im Zuge der Kämpfe bereits Dutzende IS-Extremisten aus einem Gefängnis freigekommen. Beide Seiten rüsten sich für den Showdown Die Fronten im Machtkampf zwischen Damaskus und den kurdischen Kräften schienen am Sonntag weiter verhärtet. Beide Seiten rüsten sich für den Showdown. Noch immer liegen die 14 Punkte auf dem Tisch, die Damaskus nach einem schnellen Vormarsch seiner Truppen als Bedingungen für einen Waffenstillstand diktiert hatte. Sie sehen die Auflösung der Autonomieregierung und der SDF vor – und Abdi hatte das Dokument zähneknirschend unterzeichnet. Doch ähnlich wie im Fall einer ersten Vereinbarung aus dem März wird die Umsetzung blockiert. Die Autonomieregierung und die SDF wollen sich und ihr Herrschaftsgebiet nicht in den neuen syrischen Staat eingliedern lassen. Sie misstrauen Scharaa, einem früheren Dschihadistenführer, und seiner von Islamisten dominierten Führungsmannschaft. Zudem wollen sie ihre Macht und politische Eigenständigkeit nicht aus der Hand geben. Lange Zeit fühlten sie sich als Partner Washingtons im Antiterrorkampf offenbar gut genug geschützt. Seit Assads Sturz ist alles anders Doch auf die Rückendeckung von Donald Trump können sie sich nicht mehr verlassen. Dessen Syrien-Sonderbeauftragter und Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, machte das vor einigen Tagen deutlich. Er würdigte auf der Plattform X zwar die Rolle der SDF, die sich am Boden als der „effektivste Partner“ im Kampf gegen den IS erwiesen hätten. Zugleich schrieb Barrack: „Heute hat sich die Lage fundamental verändert.“ Es sei nicht mehr wie unter der Herrschaft des Assad-Regimes. Inzwischen habe Syrien eine anerkannte Regierung, die Teil der internationalen Koalition gegen den IS sei. Die Sonderrolle der SDF, so die Botschaft, gehöre der Vergangenheit an. Barrack soll das Abdi zuvor hinter verschlossenen Türen sehr deutlich gesagt haben. Amerikanische Frustration über den Widerwillen der SDF, sich auf einen Deal mit Damaskus einzulassen, herrscht laut übereinstimmenden Angaben von Diplomaten und amerikanischen Experten schon länger. Vertreter der US-Regierung und des amerikanischen Militärs gaben demnach der kurdischen Seite die Schuld daran, dass die Verhandlungen nicht vorangekommen seien. Die IS-Zeitbomben Zuletzt kam es zu Irritationen, als die Kurden der amerikanisch geführten Anti-IS-Koalition vorwarfen, ihre Hilferufe ignoriert zu haben, als IS-Terroristen aus einem Gefängnis entkamen. Die Konfliktparteien machten sich gegenseitig verantwortlich. Amerikanische Regierungsmitarbeiter wiesen die kurdischen Vorwürfe zurück. Im Pentagon herrscht laut Diplomaten zudem Ärger darüber, dass die SDF ihr Personal aus dem Lager al-Hol abzogen, in dem Tausende Familien von IS-Extremisten interniert sind. Der Schritt sei eine Folge der „Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft“ gegenüber dem IS-Problem gewesen, lautete die Begründung. Tatsächlich hatten die SDF seit Jahren gewarnt, die Gefängnisse und das Internierungslager al-Hol seien Zeitbomben. Westliche Regierungen – auch die deutsche – sträubten sich, die IS-Terroristen, die aus ihren Ländern stammen, zurückzuholen. Zugleich waren die Anstalten für die SDF immer auch ein Druckmittel und eine Art Überlebensversicherung. Aus den jetzigen Vorwürfen spricht Verzweiflung. Unter Diplomaten und Experten herrscht die Lesart vor, dass die SDF ihr Ende kaum noch abwenden können. Der Traum eines unabhängigen Quasistaats scheint ausgeträumt. Erzählung von Freiheitskampf und Verrat SDF-Kader und ihre Sympathisanten verbreiten nun die Erzählung, die Kurden seien verraten worden im Kampf ihres freiheitlichen Gemeinwesens gegen eine extremistische Regierung und deren mordlüsterne Streitkräfte. Doch die Realität ist vielschichtiger. Das zeigt ein Blick auf die jüngere Geschichte des syrischen Nordostens. Als sich 2011 der Aufstand gegen Baschar al-Assad in Syrien ausbreitete, hielten sich die Kurden im Nordosten zurück. Über Jahrzehnte hatten sie unter Repression und Diskriminierung durch das Regime gelitten, doch die dominierenden Kräfte verfolgten offenbar ein anderes Kalkül. Sie waren eng mit der kurdischen Separatistenorganisation PKK verbandelt und wurden als deren syrischer Ableger beschrieben. Die allgegenwärtigen Porträts des PKK-Anführers Abdullah Öcalan zeugten davon. Die kurdischen Kader ließen sich auf einen Handel ein: Das Regime zog ab, die Kurden verhielten sich neutral. Die „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) übernahmen die Kon­trolle. Später wurden sie – um arabische Milizionäre erweitert – zu den SDF. Nach 2013 Partner Washingtons Als der IS mit seinen Eroberungszügen 2013 den Norden Syriens in Atem hielt, wurden die YPG, die sich dem Vormarsch der Dschihadisten entgegenstellten, zu engen Partnern Washingtons, das über die Verbindungen zur PKK hinwegsah und die Milizen mit Geld und Waffen unterstützte. Anders als arabische Rebellenbrigaden waren sie nicht vom Kampf gegen das Regime abgelenkt. Kurdische Freischärler, Männer wie Frauen, führten verlustreiche Abwehrschlachten. Sie bildeten auch die Speerspitze im mühsamen, nicht minder blutigen Rückeroberungskrieg, um das Dschihadistenkalifat von der Landkarte zu tilgen. Allerdings brachte die kurdische Kaderorganisation dabei auch Gebiete unter ihre Kontrolle, in denen die Bevölkerung mehrheitlich arabisch war. Dabei sicherte sie sich zugleich die Kontrolle über große Teile der syrischen Ölvorkommen und machte gute Geschäfte mit dem Assad-Regime. Das Bild von freiheitlichen Befreiern bekam Risse. Amnesty International kritisierte 2015 „umfangreiche Vertreibungen und Zerstörungen“, die nicht durch Kampfhandlungen verursacht worden seien. Es gebe „eindeutige Beweise für eine gezielte, koordinierte Kampagne kollektiver Bestrafung von Zivilisten in Dörfern, die zuvor vom IS eingenommen worden waren oder in denen eine kleine Minderheit verdächtigt wurde, die Gruppe zu unterstützen“. Als die Kurden einrückten Ein Kommandeur einer islamistischen Rebellengruppe berichtete vor Jahren im persönlichen Gespräch, wie kurdische Einheiten in seinen Heimatort einrückten und dabei von russischen Luftangriffen profitierten. Die Befreier wurden in den Augen der arabischen Bevölkerung zu Fremdherrschern, die der Freiheit enge Grenzen setzten. Die SDF galten als „Besatzer aus den Kandil-Bergen“, eine Anspielung auf den Rückzugsort der PKK. Der misstrauische, von PKK-Kadern durchsetzte Apparat griff mit harter Hand durch. Ein Bericht der European Union Agency for Asylum aus dem Jahr 2023 hielt fest, die SDF seien in außergerichtliche Tötungen, willkürliche Festnahmen sowie – teils tödliche – Folter verwickelt. Bis 2022 seien auch Kinder zwangsrekrutiert worden. Während eines Besuchs der F.A.Z. in Raqqa 2022 zeigte sich die örtliche Verwaltung zwar offen. Eine unverschleierte Funktionärin sprach rauchend von „Transparenz“, „Frauenrechten“ und einer „demokratischen Regierung“. Aus der Bevölkerung hieß es damals hingegen, die Regierung sei korrupt und diebisch, der Apparat repressiv und übergriffig. Eine junge, verschleierte Apothekerin wurde wenige Tage nach einem kritischen Interview festgenommen. Sie sei in Drogenhandel verwickelt gewesen, hieß es zur Begründung, was stark nach einem Vorwand klang. Als sie Wochen später freikam, wies ihr Körper Spuren von Misshandlung auf. Stammesführer aus der Stadt kokettierten offen mit Aufstandsgelüsten. Trotz allen Unmuts galt die autoritäre Autonomieregierung im Vergleich zum Assad-Regime jedoch als das geringere Übel. Mit dem Sturz des Gewaltherrschers im Dezember 2024 änderte sich nicht nur das Kalkül der Regierung in Washington. In den arabisch dominierten Regionen unter SDF-Herrschaft herrschte die Sympathie für die neuen arabisch-sunnitischen Machthaber, deren erzkonservative religiöse Weltsicht vielen näherstand als die weltliche Ideologie der kurdischen Kader. Bittere Erfahrungen mit arabischen Milizen Als Scharaa die SDF vor gut einer Woche mit einer Militäroffensive überrumpelte, erhoben sich die Stämme; arabische Kämpfer der SDF desertierten oder liefen über. Syrische und westliche Beobachter sagten, die Kurden seien Geiseln ihrer Verbindungen zu den Ideologen der PKK gewesen. Sie stehen nun auch in ihrem Stammland unter Druck. Die strategisch wichtige Stadt Kobane etwa ist eingekreist. Westliche Hilfsorganisationen zeigen sich besorgt über die sich verschlechternde humanitäre Lage und Berichte, die Stadt sei von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Die Angst der Kurden vor arabischen Brigaden ist nicht unbegründet, auch wenn Gewaltorgien gegen die Bevölkerung bislang ausblieben. Es wurden Misshandlungen von kurdischen Milizionärinnen gemeldet, außerdem sollen Grabmäler geschändet worden sein. Islamisten unter dem Banner der Regierung hatten zuvor Massaker an anderen Minderheiten – Alawiten und Drusen – angerichtet. Auch Kurden haben schon bittere Erfahrungen mit arabischen Milizen gemacht, die als Hilfstruppen für die Türkei kämpften. Ankara ist die Präsenz PKK-treuer Kräfte im Grenzgebiet seit jeher ein Dorn im Auge. Mehrere türkisch geführte Offensiven richteten sich gegen die kurdischen Kräfte und Kantone. Die islamistischen arabischen Helfer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan mordeten und plünderten. Kurdische Bevölkerung wurde vertrieben, um arabische Syrer anzusiedeln. Trump fiel ihnen schon einmal in den Rücken Im Dezember 2018 fiel Trump den SDF während seiner ersten Amtszeit in den Rücken: Er kündigte überraschend den Abzug amerikanischer Truppen aus Nordostsyrien an und machte damit der Türkei den Weg frei. Damals luden die von türkisch-arabischen Angriffen bedrängten SDF das Assad-Regime zur Hilfe ein. Schon damals warnten sie, sie könnten nicht garantieren, dass die gefangenen IS-Terroristen hinter Gittern blieben. Trump behauptete damals auf Twitter: „Die Kurden könnten dabei sein, einige freizulassen, um uns zum Eingreifen zu zwingen.“ Inzwischen sind die türkeitreuen Brigaden, die unter Ankaras Regie agierten, in den offiziellen Sicherheitsapparat inte­griert worden. Ein berüchtigter Kommandeur war nach Informationen der F.A.Z. maßgeblich daran beteiligt, den Aufstand der Stämme zu organisieren. Die Beziehungen zwischen Scharaa und Ankara sind eng. Der Übergangspräsident war Juniorpartner der Türkei, als er noch an der Spitze der radikal-islamistischen Allianz „Hayat Tahrir al-Scham“ über die Nordwestprovinz Idlib herrschte. Nun steht Scharaa kurz davor, als Staatschef dem machtbewussten Autonomieprojekt der PKK-treuen Kurden den Todesstoß zu versetzen. Dem Nordosten Syriens dürften selbst im Fall eines militärischen Sieges oder eines Deals unruhige Zeiten bevorstehen. Denn die dortigen Stämme sind gespalten. Teile hatten sich mit den SDF arrangiert, andere auf bewaffnete Assad-Gegner gesetzt. Wie auch immer der Machtkampf mit den Kurden ausgeht – es dürfte Gewinner und unzufriedene Verlierer in der arabischen Bevölkerung geben.