FAZ 11.01.2026
16:29 Uhr

Schalko über sein Heimatland: Österreich, wo Selbstmitleid zur Touristenattraktion wird


Österreicher sind nicht gut im Gewinnen. Sie teilen gern mit, was ihnen fehlt. Ihr Humor ist ein Umgehungshumor. Aus dieser Mischung aus Verlustgefühl, Verdunkelungskunst und Selbstmitleid entsteht eine Kunst des Verlierens.

Schalko über sein Heimatland: Österreich, wo Selbstmitleid zur Touristenattraktion wird

Das Thema dieser Vorlesung lautet also: Die Kunst des Verlierens. Ich kenne mich da aus, denn ich komme aus einem Land, das ans Verlieren gewöhnt ist. Österreich verliert im Fußball und in beinahe jeder anderen Sportart – außer beim Skifahren, das außerhalb von Österreich kaum jemand wahrnimmt. Österreich verliert alle Kriege und oft auch die Contenance – vor allem politisch. Österreich ist nicht gut im Gewinnen – in zweierlei Hinsicht. Erstens hat sich die gesamte österreichische Mentalität aufs Verlieren eingestellt (und das macht viel); zweitens, wenn jemand ausnahmsweise mal gewinnt, dann kann er es selbst kaum glauben und muss es sofort relativieren, oder die eigene Hybris bringt ihn zu Fall, wenn es nicht schon die eigenen Landsleute tun. Denn in Österreich ist wohl nichts verpönter, als der eigenen Horde zu entrinnen, außer man geht ins Ausland, aber dann soll man am besten gleich dortbleiben. Die meisten, die es dann in Hollywood „geschafft“ haben, blicken dementsprechend „verächtlich“ von außen auf das kleine, hinter sich gelassene Land, das noch immer die zweitgrößte deutschsprachige Stadt beherbergt und dementsprechend zwiegespalten ist zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Das Wort Totschweigen hat in Österreich eine besondere Bedeutung Dazwischen wird gern verschwiegen, was es zu verschweigen gibt. Das Wort Totschweigen hat in Österreich eine ganz besondere historische Bedeutung. Der Österreicher ist ein Verdunkelungskünstler, was sich auch im berühmt-berüchtigten österreichischen Humor verdeutlicht. Dieser ist nicht nur schwärzer als der deutsche, sondern auch einer, der die Dinge nicht ans Licht holt, sondern die Außenstehenden gerne im Unklaren darüber lässt, wie etwas gemeint ist. Besonders gemeint damit ist der Deutsche. Denn die Abgrenzung zum Nachbarland ist ein wichtiger Teil der österreichischen Identität. Am Schmäh halten ist dafür der Wiener Ausdruck, wenn der deutsche Tourist glaubt, dass es sich bei „Küss die Hand“ und charmanten Komplimenten tatsächlich um Freundlichkeiten handelte. In Wien als Nichtwiener: schwierig Wer in Wien keinen Schmäh hat, ist ähnlich verloren wie ein Japaner, der beim Karaoke versagt. Der sogenannte österreichische Humor ist in Wahrheit eine Chiffre, eine Art Milieusperre, die zuordnet, wer dazugehört und wer nicht. In Wien kann man als Nichtwiener nie wissen, wie etwas tatsächlich gemeint ist. Alles wird in der Schwebe gehalten. Man beleuchtet durch Humor keine Wahrheiten, sondern führt in die Irre. Nichts wird direkt angesprochen. Alles verkleidet sich als etwas anderes. Wenn man in Wien von einem Langen spricht, ist oft ein kleiner Mensch gemeint. Und wenn wie in meinem Roman „Schwere Knochen“ – die Gangstersprache zielt naturgemäß auf das Verdunkeln ab – von Charakteren wie dem Geschwinden oder dem Notwehr-Krutzler gesprochen wird, dann ist mit ziemlicher Sicherheit das Gegenteil davon gemeint. Die österreichische Artikulationskultur im Alltag ist zudem stark getragen von einem ständig anwesenden kollektiven Verlustgefühl, nicht nur die eigene weltweite Bedeutung betreffend. Der Österreicher teilt gerne mit, was ihm alles fehlt. Es ist nicht so laut wie das Jammern, eher ein leises Seiern, der Wiener kennt dafür so viele Ausdrücke wie der Ire für Grün. Sudern. Raunzen. Granteln. Ein selbstmitleidiges Bedauern der eigenen Conditio, das inzwischen zu einer Touristenattraktion geworden ist. Oder, um den großen österreichischen Literaten Josef Roth zu zitieren: Man sieht die Dinge erst, wenn sie verschwinden. Der Blick des Österreichers ist von Natur aus in die Vergangenheit gerichtet. „Die Welt von gestern“ von Stefan Zweig ist vermutlich das Standardwerk dieser Verlustelegie. Übertreiben, um den Unrat an die Oberfläche zu spülen Die Schizophrenie und das Verlustgebeutelte des österreichischen Daseins haben allerdings eine umfassende eigenständige Literatur von Thomas Bernhard, Peter Handke, Heimito von Doderer, Elias Canetti, Ingeborg Bachmann über Elfriede Jelinek hervorgebracht – um nur einige zu nennen. Aber auch gnadenlose Filmwerke der Selbstnabelbeschau von Ulrich Seidl, Michael Haneke oder Jessica Hausner. Auch der weltberühmte Wiener Aktionismus ist ein Synonym fürs „In-sich-selbst-Suhlen“. Der Österreicher liebt es, im eigenen Unrat herumzuwühlen. In einer Verschwiegenheitskultur waren vor drei Jahrzehnten auch noch große Theater-Skandale wie angesichts „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard möglich, der das Stilmittel der Übertreibung wählte, um den Unrat an die Oberfläche zu spülen. Die infektiöse Sprache Thomas Bernhard Die Übertreibung und das „An-Österreich-wahnsinnig-Werden“, der Verlust des Verstandes spielen bei Thomas Bernhard häufig eine Rolle. Er gilt nicht nur deshalb als einer der konturenstärksten österreichischen Schriftsteller: kaum ein österreichischer Autor, der nicht irgendwann versucht war, Bernhard zu imitieren (mich eingeschlossen). Seine infektiöse Sprache bohrt sich in Form ständiger Wiederholungen als endlose Spirale in den Verstand – vielleicht sogar mit dem Ziel, einen um den Verstand zu bringen. Was die österreichische Kunst vermutlich bis heute eint, ist die Verachtung von Heroismus. Wenn man ChatGPT sagt: „Nenne mir Beispiele im österreichischen Film oder in der Literatur von aktiven Helden oder heroischen Taten“, kommt als Erstes Bertolt Brechts Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“. Nun war Brecht viel, aber nur zweitrangig Österreicher. Als Zweites erscheint: „Indien“. Ein Film, in dem es um zwei verlorene Beamte geht, die Wirtshäuser inspizieren. Ergo: Die Maschine beginnt wie wild zu halluzinieren. Wenn ich meine eigene Arbeit betrachte, und sie ist in ihrem Wesen vermutlich sehr österreichisch, kann ich mich davon nicht ausnehmen. Im Fokus stehen meistens passive Verlierer wie der Bürgermeister des maroden Ortes Braunschlag, der mit einem erfolglosen Discobesitzer eine Marienerscheinung fingiert, aber an seiner eigenen Gier scheitert. In „Aufschneider“ mit Josef Hader (einer Ikone des österreichischen Antiheroismus) wird ein Krankenhaus aus der Pathologenperspektive erzählt, die stets von allen ungesehen bleibt. Im Keller des Spitals sitzt quasi Österreich. Und in „Altes Geld“, das im Wiener Reichenmilieu spielt, spielt der Verlust von Empathie die geheime Hauptrolle. Es gibt keinen einzigen Charakter, mit dem man sich identifizieren möchte. Der österreichische Film und auch die Literatur suchen oft nach drastischer Kontur. Entweder in den Bildern, beispielsweise von Ulrich Seidls „Tierliebe“, oder in der Sprache, wie zum Beispiel in Werner Schwabs Fäkaliendramen. Peter Handke verliert sich in der Peripherie und erklärt sie zum Zentrum seines Schreibens – seine Kontur ist eine stillere, dabei aber nicht weniger drastisch. Schließlich hat er über Jahrzehnte alle klassizistischen Erzählstrukturen in Österreich beinahe im Alleingang zerschlagen und wurde zur Galionsfigur einer neuen Nachkriegsgeneration von Autoren. Die Omnipräsenz des Zihalismus Die Lust an der Sprache und vor allem auch der Verlust derselben sind Grundkonturen des österreichischen Erzählens. In kaum einer europäischen Erzählkultur wird das Verschlagen von Sprache, die Verunmöglichung des Miteinandersprechens, das Aneinandervorbeireden, das beklemmende Schweigen innerhalb eines sich schleppenden Gesprächs so oft thematisiert wie in Österreich. Das liegt bestimmt an der Totschweigekultur des Landes, aber auch an der Omnipräsenz des Zihalismus – der Beamtensprache, die Österreich seit der Monarchie durchdringt und prägt. Doderer und Musil sind eindeutige Kinder dieses Zihalismus, aus dem der Österreicher sehr viel Humor generiert. Denn der österreichische Humor ist ein Umgehungshumor. Alles wird über die Bande gespielt. Nichts eindeutig angesprochen. Und das hat ganz gewiss mit der Zensur der Monarchie und der Umschreibungskunst der österreichischen Beamtensprache zu tun. „Unter verdünnter Freiwilligkeit übergab der Vize-Kanzler sein Handy“ Ein Beispiel aus der Gegenwart: Nachdem Polizeibeamte dem ehemaligen Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache im Rahmen des Ibizaskandals sein Handy abgenommen hatten, weigerte sich dieser, ihnen den Code mitzuteilen. Ein junger Beamter kam auf die Idee, dem FPÖ-Mann das Telefon vor das Gesicht zu halten, worauf sich das Display öffnete. Im damaligen Protokoll stand: „Unter verdünnter Freiwilligkeit übergab der Vize-Kanzler sein Handy.“ Das Beamtentum kommt natürlich aus der großen Zeit Österreichs, und seitdem spielt der Bedeutungsverlust zunehmend eine Rolle. Manchmal hat man den Eindruck, dass ein Land mit diesem Bewusstsein sich über eine besonders drastische Kunst internationales Gehör verschaffen muss. Insofern kann man den Verlust auf vielen Ebenen als eine österreichische Kulturkontur bezeichnen. Neuere Vertreter dieser Gattung sind beispielsweise Clemens J. Setz oder Raphaela Edelbauer, bei der das Verlieren der Vergangenheit eine große Rolle spielt und die damit quasi die Zukunft Österreichs beschreibt. Hat der ständige Umgang mit dem Verlieren den Österreicher zu einem besseren Verlierer gemacht? Oder gilt vielmehr der Satz von Karl Kraus: „Die Österreicher sind das einzige Volk, das aus Erfahrung dümmer wird“? Zumindest scheint der Österreicher eine Art Stoiker geworden zu sein. Oder um es nochmals mit Karl Kraus zu sagen: „Der österreichische Stoizismus ist Fatalismus mit Humor.“ Auch hier ein kleines Beispiel – nicht aus der Kunst. Als man den Nationalspieler Pfeffer 1999 beim Halbzeitstand von 0:5 gegen Spanien nach einer kurzen Analyse fragte, lautete dessen Antwort: „Hoch werden wir es nicht mehr gewinnen.“ Österreich hat das Verlieren genauso wenig erfunden wie den Tod Österreich hat das Verlieren lange geübt und damit vielleicht eine Art stoizistischen Mentalitätsvorsprung erworben, aber Österreich hat das Verlieren genauso wenig erfunden wie den Tod, auch wenn das einige glauben möchten. Das Verlieren ist inzwischen zum internationalen Trend geworden. Noch nie hat das Verlieren eine so große Rolle gespielt und noch nie gab es so viele Verlierer. Im Vergleich zu 1896 treten heute fünfzigmal so viele Läufer beim 100-Meter-Olympialauf an, und fünfzigmal so viele verlieren. Seit die Konkurrenz im Arbeitsleben unser Denken und Wollen beherrscht und Reichtum als Erlösung unserer Leiden empfunden wird, ist der Lauf nach Geld, Ruhm und Medaillen zum Massensport geworden. Fast ein jeder nimmt heute in Anspruch, auf irgendeine Weise zum Star zu werden. Die Gewinner-Gesellschaft produziert 99 Prozent Verlierer, und trotzdem hegt jeder die Erwartungshaltung, am Ende zu den Gewinnern zu gehören. Ein buddhistischer Super-GAU, könnte man sagen. Die tägliche Selbstromantisierung in Sozialen Medien Der Ursprung liegt vielleicht sogar in der Kunst, nämlich in der Erfindung des Romans – ergo in der Romantisierung des Lebens, heutzutage oft des eigenen Lebens, wie der Boom der Autofiktion verdeutlicht. Aber wir müssen dafür gar nicht literarische Autofiktion strapazieren. Wir finden das Phänomen der Selbst-Romantisierung täglich auf Social Media. Die Romantisierung des Lebens hat zu einer Pervertierung des Individualismus geführt, der beinahe alle als Schikanierte hinterlässt, was sich leider auch zunehmend in politischen Strömungen widerspiegelt. Oder anders gesagt: Verloren wird überall dort, wo gewonnen werden will. Und Gewinnen bedeutet nur dann gewinnen, wenn es sich um eine ex­trem knappe Ressource handelt. Es geht um die Selbsterhebung von wenigen auf Kosten der gedemütigten Massen. Nur so ergibt das Gewinnen Sinn. Und der Weg aus diesem Dilemma kann nur heißen, aus der Gewinnergesellschaft auszusteigen. Im Triebwerk einer Frustrationsmaschinerie Das erscheint aber fast unmöglich, weil wir seit beinahe 200 Jahren die Welt nach Gewinnern und Verlierern einteilen. Wir haben es Fortschritt genannt und damit die Hoffnung verbunden, dass es uns zunehmend besser gehen würde. Dieser Gedanke löst sich dieser Tage gerade in Luft auf, und die KI wird ihn vermutlich pulverisieren. Gleichzeitig haben wir Utopien, die alle zu „gleichen“ Gewinnern werden lässt, links liegen gelassen. Warum? Weil das Gewinnen nur dann Sinn ergibt, wenn es nicht alle haben können. Wir befinden uns also im Triebwerk einer Frustrationsmaschinerie, aus der es so lange keinen Ausweg gibt, wie wir uns im Leben auf das Gewinnen fixieren und wie das Gewinnen die höchste Tugend, erklärtes Lebensziel, vielleicht sogar Sinn des Daseins bleibt. Gegenwärtig können wir die Zombisierung dieses Weltbilds in den USA beobachten. Elon Musk, Peter Thiel, Donald Trump – so sehen Gewinner aus. Trotzdem halten wir an dieser Ästhetik fest. Unsere Aufmerksamkeit gehört dem Spiel, wer wann wie vom Thron gestürzt wird. Und unsere Gedankenspiralen klammern sich an die Hoffnung, am Ende zu dem einen Prozent zu gehören, das komischerweise auch keinen glücklichen Eindruck macht. Trotzdem wollen wir keinesfalls zu den Verlierern gehören. Obwohl der Verlierer stets faszinierender, interessanter und tiefgründiger ist als der primitive Gewinner, der uns mit seinem überheblichen Grinsen demütigt, und dessen Hybris stets nur die Vorhut für den Fall ist. Warum gehört unsere Aufmerksamkeit eigentlich vor allem den Beatles und nicht Pete Best, der kurz vor dem Lottogewinn als Drummer entlassen wurde? Wäre seine Geschichte nicht interessanter? Oder Ronald Wayne, der 1976 seine zehn Prozent an Apple um 800 Dollar verkaufte. Was erhoffen wir uns von einer Existenz, die alles ermöglicht? Ist sie tatsächlich „reicher“ an Erfahrungen? Geht es überhaupt um den Reichtum an Erfahrung? Warum wird überhaupt gedemütigt? Oder eher um das irrtümliche Gefühl, auf diese Weise alles aus dem Leben herausgeholt zu haben, wenn einem alles ermöglicht wird und man möglichst ohne Demütigungen durchs Leben geht? Und warum wird überhaupt gedemütigt? In meinem Roman „Bad Regina“ sagt ein Charakter einmal den seltsamen Satz: „Vermutlich hatte sogar Hitler am Ende das Gefühl, etwas versäumt zu haben.“ Es gilt aber vermutlich der Umkehrschluss: Wann hat man nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben? Gilt die Gleichung: Je mehr Möglichkeiten, desto mehr Glück? Und wäre es in einer Welt der Gewinn-Fetischisierung nicht auch mal Zeit, das Verlieren zu erlernen? Wäre es nicht wichtiger, einen Ratgeber mit dem Titel „Die Kunst des Verlierens“ zu schreiben als einen wie der Tennisspieler Brad Gilbert: „How to Win Ugly“ – der natürlich auch ironisch gemeint ist, aber trotzdem genau das meint? Kann Humor die Lösung sein, wo es keine Lösung gibt? Oder um es nochmals mit dem österreichischen Chef-Aphoristiker Karl Kraus zu sagen: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ David Schalko, Jahrgang 1973, ist ein österreichischer Schriftsteller und Regisseur. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus seiner jüngst in Münster gehaltenen Poetikvorlesung.