Die Nachricht aus Berlin verbreitete sich am Donnerstag nicht nur im Sauerland in Windeseile. Am 22. Dezember – und damit deutlich früher als lange erwartet – kann die erste Hälfte der Talbrücke Rahmede der Autobahn 45 bei Lüdenscheid eröffnet werden. „Es ist geschafft!“, sagte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) laut einer am Morgen veröffentlichten Mitteilung. „Wir entlasten die Anwohnerinnen und Anwohner vom Durchgangsverkehr und stellen die Sauerlandlinie A 45 wieder her.“ Die Brücke musste am 2. Dezember vor vier Jahren wegen akuter Einsturzgefahr ohne jede Vorwarnung gesperrt werden. Seither herrscht in der Region ein fürchterliches Verkehrschaos. Auf den wenigen Ausweichrouten sind in der berg- und talreichen Region täglich Tausende Autos und Lastkraftwagen unterwegs. Anwohner finden kaum noch Nachtruhe. Unternehmer klagen über den stockenden Warenstrom und die Abwanderung von Mitarbeitern, die es nicht mehr schaffen, zu ihren Betrieben zu pendeln. Nach bisherigen Berechnungen entsteht in der Zeit der Vollsperrung ein Schaden von 1,8 Milliarden Euro in Südwestfalen, der drittstärksten deutschen Industrieregion. Auch auf den überregionalen Verkehr sind die Auswirkungen enorm. Denn die A 45 zählt zu den zentralen deutschen Verkehrsachsen – sie verbindet das Ruhrgebiet mit dem Rhein-Main-Gebiet. Hendrik Wüst spricht von „Rekordgeschwindigkeit“ Die Brücke in Südwestfalen ist über die Grenzen Deutschlands hinaus zum Symbol dafür geworden, wie groß der Sanierungsbedarf vor allem im Westen der Bundesrepublik ist. Umso wichtiger ist Bundesverkehrsminister Schnieder am Donnerstag, die vorzeitige Eröffnung für eine Botschaft zu nutzen: „Wir können Tempo in Deutschland.“ Auch Kanzler Friedrich Merz werde zur Eröffnung kommen, kündigte Schnieder an. Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer (SPD), der von Schnieders Amtsvorgänger Volker Wissing (damals FDP) zum „Brückenbeauftragten“ ernannt worden war, freute sich „gemeinsam mit allen in Lüdenscheid und der ganzen Region“, dass man die Freigabe noch vor Weihnachten feiern könne. Von „Rekordgeschwindigkeit“ sprach der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mit Blick darauf, dass die Arbeiten an dem komplexen Neubau erst seit Oktober 2023 laufen – fünf Monate, nachdem die alte Brücke gesprengt worden war. Auch die Sozialdemokraten, die im Landtag die größte Oppositionsfraktion stellen, sprachen von einem schönen Weihnachtsgeschenk – und gossen sogleich Wasser in den Wein. Nach Einschätzung von Gordan Dudas, dem Lüdenscheider Abgeordneten und verkehrspolitischen Sprecher der SPD, wird die Region die Sperrung lange nicht vergessen, auch weil die Folgen noch lange sichtbar sein würden. Die vielerorts stark beschädigten Ausweichstraßen müssten nun zügig saniert werden. Mehr als 4000 Brücken in Deutschland müssen modernisiert werden Längst noch nicht abgeschlossen ist auch die politische Aufarbeitung der Causa, für die es im Landtag den Untersuchungsausschuss „Brückendesaster und Infrastruktur“ gibt. Seine Aufgabe ist es, mögliche Fehler bei Genehmigung, Aufsicht, Bau, Sanierung und Abriss von Brücken aufzuklären. Im Kern steht die Frage, warum der eigentlich schon 2014 beschlossene Neubau der Rahmedetalbrücke immer wieder verschoben wurde. Beim nächsten Sitzungstermin am kommenden Montag sollen zwei ehemalige Bundesverkehrsminister als Zeugen aussagen: Volker Wissing und Andreas Scheuer (CSU). Viel zu tun bleibt auch in Sachen Sanierung. Allein an der A 45 gibt es 60 Talbrücken. Sie stammen wie die meisten der anderen Problembrücken im Westen Deutschlands aus der Zeit Ende der Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre und mussten oder müssen allesamt ersetzt werden. Wegweisende Erfindungen im Stahlbetonbau machten Materialeinsparungen möglich, weshalb nur mit geringen statischen Reserven gebaut wurde. Zugleich hat sich der Güterverkehr seit 1980 mehr als verdoppelt, die Lastwagen wurden immer schwerer, weshalb die Schäden an den Brücken immer größer und gefährlicher wurden. Mehr als 4000 Brücken in Deutschland sind modernisierungsbedürftig. Jederzeit könnte es zu einem neuen „Lüdenscheid“ kommen. Erst vor Kurzem machte in der Region Gummersbach die Schreckensnachricht die Runde, die an der A 4 gelegene Wiehltalbrücke müsse möglicherweise gesperrt werden. Anfang Dezember gab die für den Autobahnbau zuständige bundeseigene Autobahn GmbH Teilentwarnung. Im kommenden Sommer werde eine Wiege- und Schrankenanlage installiert, um zu schwere Lastwagen rechtzeitig ableiten zu können. Solche Anlagen kamen unter anderem schon in Wiesbaden oder Duisburg zum Einsatz. Sie haben sich bewährt. Doch vor ihnen kommt es zu langen Staus.
