FAZ 04.02.2026
12:20 Uhr

Sara Doorsoun im Gespräch: „In den USA werden Spielerinnen als Marken gesehen“


Nach acht Spielen in Amerika kehrt Sara Doorsoun zurück zur Eintracht. Im Interview erklärt sie, warum der Wechsel dennoch kein Fehler war und ein bisschen US-Show dem deutschen Frauenfußball guttäte.

Sara Doorsoun im Gespräch: „In den USA werden Spielerinnen als Marken gesehen“

Frau Doorsoun, Ihren Transfer zum Angel City FC haben Sie als einen Kindheitstraum bezeichnet. Nun sind Sie schneller zurückgekehrt als erwartet. War der Wechsel in die USA ein Fehler? Es war genau richtig, in die USA zu gehen. Bereits in Vertragsgesprächen mit Eintracht Frankfurt habe ich klar formuliert: Wenn Los Angeles anfragt, möchte ich mir diesen Traum erfüllen. Dass Angel City FC wenige Monate später tatsächlich anklopft, damit habe ich nicht gerechnet. Hätte ich den Schritt nicht gemacht, hätte ich mich immer gefragt: Was wäre gewesen, wenn? Ich bereue Entscheidungen selten. Aus Rückschlägen, Fortschritten und Erfolgen habe ich stets etwas mitgenommen. Alles hat mich zu der Spielerin gemacht, die ich heute bin. Der Wechsel nach Los Angeles hat mir den Blick über den Tellerrand ermöglicht. Ich habe zuvor nie außerhalb Deutschlands gespielt, das war eine Herausforderung – positiv wie negativ. Es war nicht alles gut, nicht alles schlecht. Aber es war eine Erfahrung, für die ich dankbar bin. Alles, was ich dort gelernt habe, nehme ich mit nach Deutschland. Für mich steht fest, dass es kein Fehler war. Was waren die Gründe für die schnelle Rückkehr? Der Kontakt zur Eintracht ist nie abgerissen. Im November bin ich von einer Auswärtsfahrt zurückgekommen. Ich habe drei Stunden geschlafen und mir den Wecker für halb fünf gestellt, damit ich das Spiel von Frankfurt in Wolfsburg schauen konnte. Nachdem die Saison in den USA im November vorbei war, bin ich nach Deutschland zurückgekommen und habe mir die Spiele in Hoffenheim und gegen Bayern im Stadion angeschaut. Das positive Feedback von allen Seiten – sportlich und menschlich – hat mich berührt. Es hat mir gezeigt, warum der Verein für mich besonders ist und warum mir der Abschied im Sommer schwergefallen ist. Eigentlich war alles vorbereitet für die Rückkehr nach Los Angeles. Dann rief Niko Arnautis (der Trainer der Eintracht-Frauen, d. Red.) an, wir hatten einen sehr guten Austausch, und ich habe schnell gesagt: Ich komme nach Hause. Haben Sie die Eingewöhnung in den USA unterschätzt? Wer mich kennt, weiß, wie ehrgeizig ich bin. Meine Messlatte mir selbst gegenüber ist sehr hoch. Ich habe mir viel Druck gemacht und mir Fehler in der Liga nicht leicht verziehen, weil ich mir gesagt habe: Das kannst du besser, das musst du besser machen. Es brauchte einen Moment, bis ich akzeptiert habe: Es ist in Ordnung, wenn du Zeit brauchst, um anzukommen. Ich stand auch mit Felicitas Rauch (deutsche Nationalspielerin bei North Carolina Courage, d. Red.) im Austausch, die schon länger in den USA spielt. Sie sagte, dass die Eingewöhnung manchmal ein halbes Jahr dauern kann. Diese Zeit wollte ich mir aber zunächst nicht geben. Mit etwas Abstand sehe ich: In meinen acht Spielen gab es eine klare Leistungssteigerung. Es wäre spannend gewesen, eine komplette Saison dort zu spielen. Das ist – auch mit 34 Jahren – mein größtes Learning: dass es manchmal etwas länger dauert, sich zu adaptieren. Gab es eine Szene, die Sie besonders geprägt hat? Ja, im Spiel gegen Racing Louisville. In Frankfurt habe ich meist rechts verteidigt, was auch ich bevorzuge, weil ich um die Stärken meines rechten Fußes weiß. Alexander Straus (Trainer von Angel City FC, der zuvor die Frauenmannschaft des FC Bayern betreut hat, d. Red.), der mich aus der Bundesliga kennt, hat mich aber links aufgestellt. Das verändert das Spiel und das Selbstverständnis. Beim Stand von 0:0 habe ich links den Ball bekommen, wollte mich aus dem Druck lösen. Mit rechts hätte ich lang geklärt. Mit links habe ich es spielerisch versucht und den Ball nahe am eigenen Strafraum verloren. Eine Flanke, und wir lagen 0:1 hinten. Ich habe mir große Vorwürfe gemacht. Gleichzeitig gilt: Fehler passieren. Das war der Punkt, an dem ich mir vorgenommen habe, nicht zu hart mit mir selbst zu sein. Frauenfußball entwickelt sich in den USA rasant. Was sind die größten Unterschiede zwischen der National Women’s Soccer League (NWSL) und der Bundesliga? Die Athletik und das Tempo sind in den USA enorm. Wenn man vorn mehrere schnelle Spielerinnen hat, nutzt man das. In den USA haben viele Teams drei, vier, fünf dieser schnellen Spitzen. Dementsprechend wird häufiger direkt gespielt, um die Stärken im Laufduell zu nutzen. Ich bin eine Spielerin, die in Frankfurt gerne die Kette hochschiebt, teils über die Mittellinie. In den USA muss man das anpassen: Lässt man zu viel Raum, sind die Stürmerinnen weg. Der Ko-Trainer sagte vor jedem Spiel: Das ist die schnellste Spielerin der Liga. Und ich dachte: Das hast du letzte Woche auch schon gesagt. Sie sind alle sehr schnell. Das ist der Hauptunterschied. Was macht den Mädchen- und Frauenfußball in den USA anders, und was kann sich Deutschland davon abschauen? In den USA ist Sport ein Lifestyle. Überall sieht man Kinder und Jugendliche Sport treiben – von der Grundschule über die Highschool bis zum College. Der Wettbewerbsgedanke und das Miteinander-Gegeneinander prägen die Haltung. Diese Spielerinnen haben ein Selbstverständnis, treten mit breiter Brust auf und sagen: Wir sind die Besten. Das lernt man früh, das kann man sich nicht später einfach aneignen. Das Marketing ist dort anders: Spielerinnen werden als eigene Marken gesehen. Medienauftritte werden gesondert bezahlt, nicht nur über den Verein. So entsteht Reichweite. Ich habe mit Christen Press (zweimalige Weltmeisterin mit den USA, d. Red.) zusammengespielt – ein Superstar. Egal welches Stadion, welche Fans: Sie ist eine Ikone, die entsprechend aufgebaut wurde. In Los Angeles haben wir vor 12.000 bis 15.000 Zuschauern gespielt, hatten Feuerwerk – und wir waren nicht einmal besonders erfolgreich. Dieses Drumherum zieht. In Frankfurt hat man gesehen, was passiert, wenn man Dinge anders macht: Beim Heimspiel gegen Bayern in der vergangenen Saison gab es einen DJ, viel Werbung, über 30.000 Menschen im Stadion. So etwas häufiger einzubauen, macht die Liga attraktiver. Diese Dinge lassen sich aber nicht eins zu eins übertragen. Die Grundwerte sollten bleiben. Aber es schadet nicht, links und rechts zu schauen und Impulse zu übernehmen. Neues wird oft belächelt oder kritisch gesehen, da braucht es Überzeugungsarbeit und die Chance, etwas auszuprobieren. Die Menschen kommen primär, um Fußball zu sehen. Schafft man aber einen attraktiven Rahmen, ist das sinnvoll. Man muss nicht die komplette US-Show kopieren, aber man kann solche Elemente öfter einsetzen. Ihr Trainer Niko Arnautis hat Sie als „Schlüssel“ bezeichnet, der der Mannschaft guttun werde. Wie können Sie konkret helfen? Ich bringe Erfahrung in die Mannschaft: drei Jahre in Wolfsburg, zehn Jahre als Nationalspielerin, dreieinhalb Jahre in Frankfurt. Durch meine Art übernehme ich gerne eine Führungsrolle. Ich bin keine stille Person, spreche klar an. Niko kann von außen nicht immer so schnell eingreifen. Früher hat er mich angeschaut, und ich wusste, was zu tun ist und wie ich das Team auf dem Platz coache. Gleichzeitig fordere ich Hilfe von allen um mich herum ein. Ich nehme die anderen Spielerinnen in die Verantwortung, damit nicht alles auf meinen Schultern liegt. Das Miteinander, das gegenseitige Helfen, die Gier, zu gewinnen, Tore zu erzielen und zu verteidigen – das will ich in den Augen sehen, und dieses Feuer versuche ich herauszuholen. Das hat die vergangenen Jahre gut geklappt, und ich bin überzeugt, dass es wieder so sein wird. Bedeutet das, dass der Umbruch im Sommer mit zehn Abgängen – darunter viele Führungsspielerinnen – zu groß war? Nein. Alle sprechen vom Umbruch und wollen ihn, aber das bedeutet auch, dass Rollen erst gefunden werden müssen. Neue Spielerinnen aus anderen Ligen brauchen Zeit. Spielerinnen, die sich zuvor eher zurückgehalten haben, müssen den nächsten Schritt gehen und Verantwortung übernehmen. Ein Umbruch funktioniert nicht von heute auf morgen. Die Mannschaft ist trotz aller Kritik in allen drei Wettbewerben vertreten, in der Liga fehlen nur wenige Punkte zu Platz drei. Betrachtet man das Ganze, steht das Team für einen großen Umbruch nicht schlecht da. Die Eintracht hat in 15 Spielen 30 Gegentore hinnehmen müssen, deutlich mehr als in der vergangenen Saison. Woran liegt das? Ich habe viele Spiele gesehen. Als Abwehrspielerin blutet einem in solchen Momenten das Herz. Man sieht, dass es vorne Spaß macht, drei, vier, fünf Tore zu schießen. Aber man darf die Basics nicht vergessen: Abwehrverhalten, Verhalten bei Ballverlust – und das beginnt in der Spitze. Verteidigen geht nur im Kollektiv. Auf dem Platz braucht es Kommunikation und Struktur, damit nicht alles wild wird, gerade nach einem Gegentor. Ich habe vermisst, dass nach Rückschlägen ein Ruck durch die Mannschaft geht. Bei allem Offensivdrang sind die Grundlagen entscheidend. Ich bin kein Fan von reinem Sicherheitsfußball, aber wenn ich 24-mal 1:0 gewinne, werde ich Meister. Das klingt simpel, ist aber wahr. Man muss sich bewusst sein: Das ist unser Tor, und wir verteidigen es mit allem, was wir haben. Das ist eine Einstellungssache. Fehlt es also an der Bereitschaft, zu verteidigen? Es geht um Verantwortung – besonders, wenn es nicht läuft. Wer verlässt die Komfortzone und übernimmt eine Rolle, die er zuvor nicht hatte? Bei mir zählen die Taten auf dem Platz: Wenn der Ball verloren wurde, in der nächsten Aktion zu einer sauberen Grätsche ansetzen und den Ball zurückgewinnen – das pusht die Mannschaft, setzt ein Zeichen. Man muss berücksichtigen: Jella Veit etwa hat in der Vorsaison hinter erfahrenen Spielerinnen ihre Einsätze bekommen, jetzt musste sie quasi durchspielen. Mittwoch, Sonntag, Mittwoch, das ist eine andere Belastung. Von einer Zwanzigjährigen kann man nicht erwarten, sofort eine Führungsrolle zu übernehmen. Amanda Ilestedt hat Erfahrung, war aber häufiger verletzt. Mit Marthine Østenstad ist eine weitere erfahrene Spielerin fast die komplette Hinrunde ausgefallen. Dazu haben wir mit Lina Altenburg eine sehr junge Torhüterin. Deshalb darf man das nicht zerreißen, sondern muss die Leistungen realistisch – und auch kritisch – einordnen. Das Mannschaftsgefüge war in der vergangenen Saison die große Stärke der Eintracht-Frauen. Ist es durch die vielen Ab- und Zugänge ein bisschen abhandengekommen? Man hatte zum Beispiel mit Amanda und Marthine Spielerinnen mit Führungsqualitäten, aber äußere Umstände wie Verletzungen sind im Sommer nicht planbar. Beide könnten auf dem Platz problemlos vorangehen. Der Start war unglücklich, aber jetzt ist Marthine zurück, ich bin wieder da und versuche, alle aus der Komfortzone zu holen: Eine junge Spielerin wie Jella neben mir soll wissen, dass sie mich genauso coachen kann. Ich fordere das auch ein. Das gibt ihnen ein anderes Selbstverständnis, wenn sie wissen: Die braucht mich genauso. Mit welcher Erwartung gehen Sie in die restlichen Saisonspiele? Es gibt nichts anderes als Vollgas. Wenn man sein Bestes gegeben hat und es trotzdem nicht reicht, weiß ich, dass wir nicht mehr tun konnten. Jetzt sind wir Jägerinnen, und das finde ich gar nicht so schlecht. Ich habe Lust, zu jagen und den Teams über uns so viel Druck zu machen, dass sie keine Luft zum Atmen haben. Rückschläge wird es geben. Wichtig ist, nicht den Kopf zu verlieren und bei uns zu bleiben.