Tobias Reiter sah es kommen. Bis März trainierte der Bayer noch das deutsche B-Team im sogenannten IBU-Cup, der „zweiten Liga“ des Biathlon-Sports, ehe er zum Bundestrainer aufstieg. Was er dort auch sah: einen gewissen Johan-Olav Botn und seine jungen norwegischen Kollegen, die gemeinsam die Wettkämpfe dominierten. Sie lauerten darauf, spätestens in dieser Saison in den Weltcup vorzustoßen, um den vakanten Platz des fünfmaligen Olympiasiegers Johannes Thingnes Bö einzunehmen, der seine Karriere im März beendet hat. Über dem Saisonauftakt vergangene Woche in Schweden schwebte die Frage, wer die Lücke füllen könnte, die Bö an der Weltspitze hinterlassen hat – ein Franzose, ein Schwede oder doch ein Deutscher? Der überragende Athlet in Östersund war: Johan-Olav Botn, 26 Jahre alt, Sieger des Sprint- und Einzelrennens, ein Athlet, der offensichtlich nicht nur am Schießstand und in der Loipe ein hervorragendes Timing hat. Erstmals gehört er gleich zu Saisonbeginn dem norwegischen A-Team an, bekam die Chance und nutzte sie. Hätte Tobias Reiter auf einen Norweger wetten müssen, wäre es wohl dieser gewesen: „Mir war klar, dass es so kommt“, sagt der Bundestrainer. Schon im IBU-Cup habe der norwegische Nachwuchs der Konkurrenz Bauchschmerzen bereitet und werde das auch im Weltcup weiter tun: „Das sind keine Eintagsfliegen, die sind so gut. Die haben so eine Masse an Athleten, die Druck auf die Etablierten ausüben. Und die werden auch nicht lockerlassen.“ „Ein brutales Niveau drin“ Reiters Athleten konnten in Östersund ganz vorn nicht mithalten, selbst, wenn sie am Schießstand alle Scheiben trafen. Eigentlich wollten sie sich von dem Vergleich mit anderen freimachen, mehr auf sich schauen. Doch der Blick auf die Konkurrenz war notwendig, weil er eine bittere Erkenntnis brachte: „Es ist gerade ein brutales Niveau drin, da ist es echt schwer, vorzukommen. Mit dem Schießergebnis würde ich mir schon vornehmen, in die Top Ten zu kommen“, sagte etwa Philipp Nawrath, der im Sprint fehlerfrei schoss und doch nur Zwölfter wurde. Philipp Horns achter Platz im Einzel und der vierte Platz der Staffel waren die besten Ergebnisse, die das deutsche Team vom Saisonauftakt mitnehmen konnte. Wie weit die Athleten selbst ihre Ansprüche heruntergeschraubt haben, zeigt, dass Horn nach zwei Schießfehlern im Einzel von einem „grandiosen Saisonstart“ sprach. Was für diese Einschätzung spricht: Er erfüllte mit seiner Top-Ten-Platzierung auf Anhieb die nationale Norm für die Olympischen Spiele im Februar. Die Musik bei der Siegerehrung spielte aber, wie schon so oft im vergangenen Jahr, für andere. Nun gehört es zu den Aufgaben von Sportfunktionären und Trainern, in weniger guten Ergebnissen das Positive zu erkennen. Sich auch dann vor die Mannschaft zu stellen, wenn es keine Blumen und Medaillen gibt. Felix Bitterling ist geübt darin. Dem Sportdirektor für die Disziplin Biathlon beim Deutschen Skiverband blieb am vergangenen Sonntag, während im Hintergrund die Musik für Norweger und Franzosen spielte, nichts anderes übrig, als zu sagen: „Wir sind sicherlich noch nicht da, wo wir sein wollen. Aber ich denke, wir haben viel Solides gesehen.“ Lieber drei Sekunden mehr Tobias Reiter ist noch nicht so lange in der Rolle des Vorstehers, doch dass er die Leistungen von Östersund nicht schönreden muss, um damit zufrieden zu sein, nimmt man ihm ab. Mit dem Sprint der Männer beginnt an diesem Freitag (11.25 Uhr/ARD und Eurosport) in Hochfilzen/Österreich der zweite Weltcup dieser olympischen Saison. Resigniert ist Reiter nicht aus Schweden abgereist: „Mich stimmt Östersund positiv, auch wenn das vielleicht nur wenige von außerhalb verstehen“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Wenn man in die Details geht, bin ich nicht so unzufrieden. Am Schießstand haben schon viele Dinge gut funktioniert.“ Das sei wichtig, weil die verkorkste vergangene Saison eine große Verunsicherung im Team hinterlassen habe. „Das hat man bis in den Sommer gemerkt. Wir wollen jetzt die Sicherheit und das Selbstvertrauen wieder reinkriegen, das kommt im Wettkampf über die Treffer.“ Der Fokus beim Schießen liege nun darauf, sichere Treffer zu setzen: „Lieber investieren wir drei Sekunden mehr am Schießstand, treffen dafür aber und werden mutiger“, lautet Reiters Plan. Und er bleibt dabei: „Nicht auf die anderen schauen, sonst stressen wir uns.“ Das ist eine Abkehr von dem System, das Reiters Vorgänger Uros Velepec in den vergangenen Jahren versucht hat, im deutschen Team zu etablieren. Unter der Führung des Slowenen galt: schnell und risikoreich schießen, so wie es die führenden Nationen vormachen. Ein Vorhaben, an dem die Deutschen scheiterten. Von der diesjährigen WM kehrten sie ohne Einzelmedaille zurück. Der letzte deutsche Einzel-Olympiasieger und -Weltmeister bleibt Arnd Peiffer in den Jahren 2018 und 2019. „Mit Sicherheit sind die Ansprüche über die letzten Jahre ein bisschen heruntergeschraubt worden“, sagt Reiter. Er steht, wie vor ihm Velepec, vor der Herausforderung, dass der Großteil seiner Athleten über 30 Jahre alt ist und gewohnte Routinen und Abläufe, gerade bei der technischen Disziplin Schießen, nicht so einfach aufzubrechen sind. „Wir dürfen nicht den Fehler machen und glauben“, warnt Reiter, „dass wir das, was wir in den letzten Jahren verloren haben, jetzt mit einem Fingerschnippen wieder aufholen. Es ist ein Prozess, da wieder hinzukommen, wo wir waren.“ Allerdings: In acht Wochen beginnen die Olympischen Spiele in Antholz. Viel Zeit bleibt nicht für einen längeren Prozess. Reiter verfällt trotzdem nicht in Panik: „Eine Enttäuschung im Team nehme ich nicht wahr. Man hat im Wettkampf sehen können, was wir im Sommer gemacht haben, einiges konnten sie schon adaptieren. Wenn wir das step by step so beibehalten, kommen auch die Platzierungen.“
