Herr Müller, ist das deutsche Stromnetz ausreichend geschützt oder ist ein ausreichender Schutz eigentlich gar nicht möglich? Absoluter Schutz ist in der Tat nicht möglich. Man muss sich ja nur ansehen, wo unsere Umspannwerke überall stehen. Abgelegen in der Landschaft, im Wald, an Orten, an denen selten Publikumsverkehr herrscht. Auch unsere Leitungen laufen zum Teil durch sehr verlassene Regionen. Nach meiner Wahrnehmung ist das deutsche Stromnetz trotzdem sehr gut geschützt. Klingt widersprüchlich. Uns schützen zum einen im Voraus durchdachte Konzepte. Die haben wir. Auch die jüngsten Anschläge auf das Stromnetz haben nie zu einem Zustand geführt, in dem die Stromversorgung gefährdet war. Wir befanden uns auch nach dem Ausfall der Kraftwerke jederzeit in einer Netzsituation, in der ein weiterer Leitungsausfall ohne Versorgungsunterbrechung hätte kompensiert werden können. Im Fachjargon nennen wir dieses Prinzip N-1. Das zweite große Standbein, das uns schützt, sind gut ausgebildete Betriebsmannschaften, die schnell reagieren und reibungslos mit Polizei und Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten. Auch das hat vergangene Woche vorbildlich funktioniert. Der mutmaßliche Angreifer, der vergangene Woche an verschiedenen Orten in Deutschland Anschläge auf das Stromnetz verübt haben soll, wurde nun anscheinend gefasst. Können Sie aufatmen? Wir haben dennoch Sorge vor Nachahmern und Trittbrettfahrern. Wir beobachten die Situation weiterhin besonders aufmerksam. Salopp gesagt: Unsere Netzführung zieht sich wärmer an, um im Zweifel mehr Reserven im Netz zu haben. Können Sie einmal für Laien erklären, was in Ihrer Leitstelle passiert, wenn mehr als drei Gigawatt Kraftwerksleistung mit einem Mal vom Netz gehen, so wie es vergangene Woche in Nordrhein-Westfalen nach einem der Angriffe passiert ist? Es ist keine grundsätzlich neue Situation. Im Alltag fällt immer mal ein Kraftwerksblock aus technischen Gründen aus. 3,2 Gigawatt sind aber schon eine Hausnummer. Gleichzeitig haben wir im Stromsystem ein sehr hohes Schutzniveau – nicht zuletzt dank der engen Zusammenarbeit in Europa. In einer solchen Lage greift eine Art Kaskade. Als Erstes springen schon laufende Kraftwerke automatisiert ein, die innerhalb von einer Millisekunde ihre Leistung erhöhen. Danach werden weitere Kraftwerke aktiviert, die ebenfalls sekundenschnell reagieren können, im Wesentlichen Pumpspeicherkraftwerke. Auf der dritten Stufe beschaffen dann die Kollegen in der Leitwarte die sogenannte Minutenreserve, die von Kraftwerken kommt, die innerhalb von 15 Minuten aktiviert werden können. Am Ende dieser Kaskade haben wir dann wieder einen stabilen Zustand. Vergangene Woche hat das super funktioniert. Die Stromversorgung war jederzeit gesichert. Sie sind dafür auch sehr gelobt worden. Aber kann man denn im Umkehrschluss sagen: Weil es keinen Stromausfall gab, war die Situation auch nicht gefährlich? Nein, das kann man nicht. 3,2 Gigawatt Ausfall sind keine Kleinigkeit – das nehmen wir sehr ernst. Zu beziffern, wann genau das System kippt, ist aber nicht möglich. Eine bestimmte Gigawattzahl zu nennen, wäre daher nicht seriös, denn es hängt auch immer stark von der jeweiligen Netz- und Erzeugungssituation ab. Aber auch für diese extremsten Situationen sind wir vorbereitet. Hat sich die Gefährdungslage aus Sicht der Übertragungsnetzbetreiber denn in den vergangenen Jahren verschärft und gibt es durch die Energiewende auch mehr Cybersicherheitsrisiken? Normalerweise kämpfen wir nur gegen Wetter und allgemeine technische Unwägbarkeiten. Aber ein wirklicher, krimineller Wille, das System in die Knie zu zwingen, ist schon etwas anderes als ein Orkan. Insofern nehmen wir die Bedrohungslage sehr ernst. Mit Blick auf Cybersicherheit muss man sagen, dass die Zahl der Erzeugungsanlagen, die datentechnisch über das normale Internet an die Infrastruktur angeschlossen sind, sehr stark gestiegen ist. Aber andersrum können auch wir mit Blick auf unsere Cybersicherheitsmaßnahmen sagen: Wir haben enorm aufgerüstet. Und wir halten Teile unseres Systems aus dem Internet heraus. Was ist denn die eine Maßnahme, die sie politisch sofort durchsetzen würden, wenn sie dürften, um besseren Schutz herbeizuführen? Es gibt nicht die eine Maßnahme, aber einen ganzen Strauß kleinerer Dinge, die man tun kann. Das erste Thema ist: Die Menge an Daten über unsere Infrastruktur, die frei im Internet abrufbar sind, ist atemberaubend. Auf öffentlichen Plattformen können Sie genau nachvollziehen, welche Leitung mit welcher Spannung wo liegt. Wir müssen diese Daten aus dem Netz herausnehmen. Das wird erst über die Zeit einen Effekt haben, das Internet vergisst erst mal nicht und man muss warten, bis die Daten veralten. Aber wenn wir zwei Jahre später damit anfangen, dann dauert es zwei Jahre länger. Das ist eine Forderung, die in der Branche immer wieder auftaucht. Haben Sie weitere? Videoüberwachung. Ich finde es grotesk, dass ich den Zaun von einem Umspannwerk nur von der Innenseite bewachen darf. Ich wünsche mir, dass 20 bis 50 Meter im Umfeld solcher kritischen Anlagen videoüberwacht werden darf. Wenn es da Sorgen gibt mit Blick auf den Datenschutz, dann würde ich sagen: Bitte gehen Sie woanders spazieren; der Wald ist doch groß genug. Aber es reicht ja nicht, die Umspannwerke zu schützen. Die jüngsten Angriffe erfolgten alle auf Stromleitungen. Das ist das nächste Thema: Drohnen. Ich würde Drohnen erst einmal als Chance sehen. Die Idee, regelmäßig unsere Leitungen mit Drohnen abzufliegen und zu kontrollieren, ist längst keine Science-Fiction mehr. Schon heute setzen wir Drohnen bei der Kontrolle unserer Leitungen ein. Wegen der rechtlichen Rahmenbedingungen dürfen wir sie aber nur im unmittelbaren Sichtfeld der Piloten fliegen lassen. Das würden wir gerne erweitern. Die meisten Diskussionen ranken sich aber nicht um Überwachungsdrohnen, sondern um die Gefahr, die davon ausgeht, dass Umspannwerke von Drohnen angegriffen werden könnten. Fordern Sie denn auch, dass Übertragungsnetzbetreiber Drohnen selbst abschießen dürfen? Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen bewaffnet um unsere Anlagen herumlaufen. Da habe ich grundsätzliche Bedenken, schon beginnend mit der Arbeitssicherheit. Abschießen hört sich auch so einfach an, aber es ist ein großes Risiko. Unsere Anlagen würden sehr empfindlich reagieren, wenn plötzlich Teile abgeschossener Drohnen vom Himmel auf sie herunterfielen. Drohnenabwehr ist nicht die Aufgabe von Netzbetreibern. Das fällt aus meiner Sicht unter das Gewaltmonopol des Staates. Wie sieht es aus mit Drohnenstören – würden Sie das übernehmen wollen? Auch hier sehe ich zunächst den Staat in der Verantwortung. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir da nicht in so ein wechselseitiges Zuständigkeiten-hin-und-her-Schieben geraten würden. Weil zusätzlicher Schutz auch teuer wäre? Hans-Walter Borries vom Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen hat gesagt, man müsste eigentlich das vier- bis sechsfache der Summe in die Hand nehmen, die heute für Infrastrukturschutz ausgegeben wird. Erst mal ging es bei dieser Aussage um die gesamte deutsche Infrastruktur und nicht rein um die Stromnetze. Außerdem: Die Maßnahmen, die ich genannt habe – weniger Transparenz im Internet, bessere Nutzung der vorhandenen Videoüberwachung –, das kostet fast nichts. Es wären kleine Stellschrauben, aber sehr wirksame. Es gibt übrigens auch ein Positivbeispiel. Nordrhein-Westfalen hat kürzlich das Baurecht geändert. Für Umbauten an unseren Anlagen brauchen wir jetzt keine Baugenehmigung mehr. Das heißt: Wir können zum Beispiel den Zaun um ein Umspannwerk einfach höher ziehen ohne bürokratischen Aufwand. So etwas hilft enorm. Mit Baumaßnahmen entstehen dann natürlich auch Kosten. Wie viel Geld steckt denn bislang schon in Schutzmaßnahmen für kritische Strominfrastruktur – und würden die Netzkosten weiter steigen, wenn nun auch noch aufwendige Drohnenabwehr darin enthalten wäre? Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Zahlen beziffern. Unsere wichtigsten Schutzmaßnahmen, das N-1-System und unsere Betriebsmannschaften, brauchen wir sowieso, um uns gegen normale Netzschwankungen, technische Defekte oder Wetterereignisse zu schützen. Insofern kann man das nicht auseinanderdividieren. Diese Debatte über Kosten des Schutzes halte ich aktuell auch nicht für zielführend. Ich würde mich freuen, wenn wir uns erst mal auf die Dinge konzentrieren, die kurzfristig umsetzbar sind, gar nicht so viel kosten und schon ein substanzielles Mehr an Schutz bringen. Dann hätten wir schon viel erreicht. Aber ja, Sicherheit kostet am Ende auch Geld.
