FAZ 21.09.2026
15:27 Uhr

SMA Solar: Neue Solarfabrik soll Energienetze sicherer machen


Der nordhessische Tech-DAX-Konzern SMA Solar hat Hunderte Stellen abgebaut – und doch eine neue Produktionshalle gebaut. Hier sollen Wechselrichter für Kraftwerksbetreiber entstehen.

SMA Solar: Neue Solarfabrik soll Energienetze sicherer machen

Von außen betrachtet ist sie einfach ein großer weißer Zweckbau auf der grünen Wiese. Doch die Fabrik, die SMA Solar am Donnerstag in Niestetal bei Kassel eröffnet hat, soll dem kriselnden Unternehmen im Kampf gegen chinesische Wettbewerber neue Perspektiven eröffnen. Und damit einen Beitrag dazu leisten, dass für die Steuerung von Solaranlagen wichtige Komponenten – Wechselrichter – auch künftig noch in Deutschland gebaut werden. „Wir entwickeln Wechselrichter, aber was Sie kaufen, sind eigentlich gar keine Wechselrichter – Sie investieren in Sicherheit“, sagte SMA-Finanzchef Kaveh Rouhi bei der Einweihungsfeier an die Adresse der geladenen Kunden. Um diese Botschaft zu unterstreichen, organisierte das Unternehmen eine Podiumsdiskussion, an der unter anderen der frühere US-General Ben Hodges teilnahm, bis 2017 Kommandeur der amerikanischen Landstreitkräfte in Europa. Hodges wies auf die Zunahme von Sabotageakten auf kritische Infrastrukturen in Deutschland hin. Zwar ist nach den jüngsten Anschlägen auf Umspannwerke im brandenburgischen Jänschwalde und in Bergheim bei Köln ein Deutscher festgenommen worden, der in Bekennerschreiben den Klimaschutz als Motiv genannt hatte. Doch Hodges spannte den Bogen weiter: Allein im vergangenen Jahr habe das Bundeskriminalamt mehr als 300 Sabotageakte auf Einrichtungen der kritischen Infrastruktur registriert. Deren Zunahme sei „direkt verbunden damit, was in der Ukraine passiert und was Russland versucht, um uns zu verunsichern“. Nötig sei, „in Resilienz zu investieren“. Mit Wechselrichtern können Solaranlagen auch abgestellt werden Über mit Wechselrichtern verbundene Sicherheitsrisiken wird schon länger diskutiert. Hauptfunktion dieser Komponenten ist zwar, den von Solarmodulen erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom für den Haushalt umzuwandeln. Wechselrichter speisen Strom aber auch ins öffentliche Netz ein – und können bei Sicherheitsproblemen die Solaranlage vom Netz trennen. Viele Hersteller behalten sich, allein schon zu Wartungszwecken, einen Onlinezugriff auf die Geräte vor, weshalb sie als mögliches Einfallstor für Manipulationen oder auch Cyberangriffe gelten. Die USA haben Ende Juli den Import von im Ausland gefertigten Wechselrichtern verboten – was hauptsächlich chinesische Hersteller trifft. SMA Solar lässt große Anlagen für US-Kunden von einem Partner in den Vereinigten Staaten zusammenbauen. Der Tech-DAX-Konzern aus Niestetal ist laut einem im Juni aktualisierten Ranking des Marktanalyse-Unternehmens Wood Mackenzie der international wichtigste Wechselrichter-Anbieter nach den chinesischen Marktführern Sungrow und Huawei. Die Konkurrenz aus China hat SMA in den vergangenen Jahren schwer zu schaffen gemacht. Das Unternehmen hat in den vergangenen zwei Jahren dreistellige Millionenverluste eingefahren und mehr als 800 Stellen abgebaut: Ende 2023 zählte die Belegschaft international fast 4400 Beschäftigte, jetzt sind es 3500. SMA setzt auf Großkunden und Großanlagen Noch 2023 hatte das Unternehmen Mitarbeiter rekrutiert, denn nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine 2022 war mit den Gas- und Strompreisen auch die Nachfrage nach Solaranlagen für Hausdächer gestiegen. Nach der Stabilisierung der Energiekosten ebbte sie aber wieder ab, und ein Überangebot an Produkten – die meisten davon aus China – drückte die Preise für Solarmodule und Wechselrichter. SMA setzt jetzt verstärkt auf das Geschäft mit zahlungskräftigeren Großkunden, die ganze Solarparks errichten und dafür maßgeschneiderte Lösungen suchen. Das Unternehmen hat dafür eine Anlage namens „Sunny Central Flex“ im Programm, die nach dem Baukastenprinzip aus mehreren Modulen zusammengesetzt wird. Die Integration all dieser zum Teil schrankgroßen Bauteile war in der bisherigen Fertigungsanlage nicht machbar – in der neuen Fabrik mit mehr als 20.000 Quadratmeter Hallenfläche ist Platz für Kräne, die auch diesen letzten Fertigungsschritt ermöglichen. Die fertigen Anlagen sind so groß wie ein Lkw‑Container. Bis zu fünf davon könnten in einer Schicht gefertigt werden, sagte der für das Großkundengeschäft zuständige SMA-Manager Florian Bechtold. Bei voller Auslastung könnten in der neuen Fabrik eines Tages Wechselrichter für Solarparks mit einer Leistung von 60 Gigawatt gebaut werden. Zum Vergleich: Die Leistung aller bislang in Deutschland installierten Solaranlagen lag Ende 2025 laut Bundeswirtschaftsministerium bei knapp 120 Gigawatt. Noch befindet sich die gemäß den ehrgeizigen Zielen als „Gigawatt Factory“ bezeichnete Fabrik allerdings im Hochlauf. Voraussichtlich Mitte nächsten Jahres werden die letzten der 200 Mitarbeiter, die mit dem Bau der Großanlagen befasst sind, von der alten Produktionsanlage auf der gegenüberliegenden Straßenseite in die neue wechseln. Auf rund 80 Millionen Euro beziffert SMA die Investitionskosten für die Gigawatt Factory. Eine steigende Nachfrage nach großen Zentralwechselrichtern erwartet das Unternehmen auch, weil mit dem Ausbau von Solar- und Windkraft künftig mehr große Batteriespeicher errichtet werden dürften, um Schwankungen bei der Stromerzeugung auszugleichen. Auch für solche Batteriespeicher werden Wechselrichter benötigt. Zum Einsatz kommen könnten große Zentralwechselrichter außerdem in Elektrolyseuren, die Wasserstoff produzieren.