FAZ 07.05.2026
17:05 Uhr

SC Freiburg im Halbfinale: Ginter ist ein Anführer ohne Kapitänspatent


Er gilt als Vorkämpfer mit dem Gespür für das richtige Handeln: Nun steht Matthias Ginter mit dem SC Freiburg vor der Erfüllung eines Fußballtraums. Gegen Braga winkt der Einzug ins Europapokalfinale.

SC Freiburg im Halbfinale: Ginter ist ein Anführer ohne Kapitänspatent

Auf dem Platz lässt er sich zu keinerlei Torheiten hinreißen. Gründlich, kontrolliert und nachvollziehbar arbeitet er Spiel für Spiel daran, dass ihm und seiner Mannschaft kein Malheur widerfährt. Dazu besitzt der Freiburger Innenverteidiger Matthias Ginter das Gespür für das Momentum, Spiele selbst entscheiden zu können – mit seiner Kopfballstärke und seiner raumgreifenden Gabe, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Der 32 Jahre alte gebürtige Freiburger ist nach seiner Rückkehr vor vier Jahren zum SC Freiburg eine verlässliche Stütze für seine Mannschaft. Unter der Anleitung von Christian Streich sowie seines früheren Mannschaftskollegen und jetzigen Trainers Julian Schuster übernimmt er wie selbstverständlich die von ihm erwartete Führungsrolle in der Mannschaft des derzeitigen Bundesliga-Siebten. Wie viel Energie, Kraft und Führungsqualität dieser Vorkämpfer mit dem Gespür für das richtige Handeln mobilisieren kann, um seinem Team einen Schub zu geben, hat er in unzähligen Bundesligaspielen und darüber hinaus in den internationalen Kraftproben dieser Europa-League-Saison bewiesen, in der die Freiburger erstmals bis ins Halbfinale vorgedrungen sind. An diesem Donnerstagabend (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League und bei RTL) winkt ihnen nach der 1:2-Niederlage in letzter Minute beim portugiesischen Topklub Sporting Braga bei einem Sieg mit mindestens zwei Toren Vorsprung erstmals der Einzug in ein europäisches Fußballendspiel am 20. Mai in Istanbul. Es wäre, auch dank der hilfreichen Zutaten dieses Anführers ohne Kapitänspatent, eine weitere Belohnung für den Südbadener, der nach acht Jahren bei Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach froh darüber ist, daheim am nationalen wie internationalen Reifeprozess seines Heimatklubs nach besten Kräften mitzuarbeiten. Dabei scheut sich der auf den ersten Blick leise und zurückhaltend anmutende Abwehrchef mit offensiven Zusatzaufträgen nicht davor, auch mal deutlich zu werden. So zu Beginn der Bundesliga-Rückrunde, als er nach einem 2:2 der Freiburger in Augsburg frank und frei feststellte: „Das Spiel mit dem Ball ist unser ganz großes Problem.“ Sprach da schon der Trainer in spe? Mag sein. Eher klang bei einem Satz wie diesem schon der hohe Anspruch dieses Profis mit internationalen Meriten durch. Weltmeister ohne Einsatzminute Schließlich ist Matthias Ginter einer der deutschen Weltmeister von 2014, auch wenn der damals zwanzigjährige jüngste Spieler im Kader des Freiburger Bundestrainers Joachim Löw in Brasilien keine Minute mitspielen durfte. Wie auch bei der vier Jahre späteren WM in Russland, bei der der Titelverteidiger schon nach der Gruppenphase nicht mehr dabei war. Im dritten WM-Anlauf 2022 in Qatar unter Bundestrainer Hansi Flick durfte er beim dritten Gruppenspiel gegen Costa Rica in der Nachspielzeit acht Minuten lang mitkicken, ehe ein weiteres frühes Aus für den viermaligen Weltmeister trotz eines 4:2-Erfolgs besiegelt war. Kein Wunder also, dass der über die Jahre weiter gereifte Fußballprofi Ginter in aller Öffentlichkeit hart darum kämpft, für die diesjährige WM in den USA, Kanada und Mexiko auf den letzten Drücker berufen zu werden, nachdem sein Name im vorläufigen Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht aufgetaucht war. „Ich liebe es, Verantwortung zu übernehmen“ In eigener Sache hart um seine Chance zu kämpfen, gehört zu den Wesensmerkmalen von Ginter, der nie aufgibt, wo immer er eine Karrierechance wittert. Sein Comeback nach jahrelanger Länderspielpause scheint nach Lage der Dinge für den einundfünfzigmaligen Nationalspieler längst nicht mehr aussichtslos, auch weil er mit überzeugenden Auftritten für sich und seine Zuverlässigkeit beim SC Freiburg seit Monaten verlässlich geworben hat. „Ich liebe es, Verantwortung zu übernehmen und voranzugehen“, hat er einmal gesagt, ohne damit zu übertreiben. Weil der jederzeit anspruchsvolle Ginter aber auch ein kritischer Beobachter ist und nach enttäuschenden Spielen wie der unnötigen Last-Minute-Niederlage in Braga sogar zum Wüterich werden kann, mutet er gelegentlich bei aller Qualitätsarbeit für sein Team wie ein Einzelgänger an. Mag sein, dass er auch deshalb seit seiner Rückkehr zum SC Freiburg kein Kandidat für das Kapitänsamt oder den Mannschaftsrat war. Was nicht bedeutet, dass er unbeliebt wäre. Der noch nie mit einer Roten oder Gelb-Roten Karte bedachte Abwehrspezialist mit Abschlussqualitäten ist eben anspruchsvoll, was seine Vita im nationalen wie internationalen Fußball belegt. In seine Heimatstadt Freiburg und zu seinem Heimatverein, dem SC Freiburg, zurückgekehrt zu sein, genießt dieser reflektierte Profi. „Ich hatte nie den Drang, unbedingt in einem bestimmten Land oder einer anderen Liga zu spielen“, hat Ginter nach seiner Heimkehr gesagt. Bodenständig zu sein, würde er indes niemals mit Genügsamkeit verwechseln. Also sagt er mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit: „Es ist mein Anspruch, mit guten Leistungen voranzugehen.“ Auf dass sich der SC Freiburg an diesem Abend in Ginters Heimatstadt unter tätiger Mithilfe seines Abwehrchefs einen Fußballtraum erfüllen kann.