FAZ 23.12.2025
12:57 Uhr

Russlands Schattenflotte: Kiew setzt auf „kinetische Sanktionen“


Die Ukraine greift neuerdings Tanker der Schattenflotte mit Drohnen an. Auch Russland will die Wirtschaft des Kriegsgegners schwächen – mit Angriffen auf die Verkehrsinfrastruktur in der Südukraine.

Russlands Schattenflotte: Kiew setzt auf „kinetische Sanktionen“

Die Ukraine nimmt neuerdings Tanker der russischen Schattenflotte ins Visier. Die oftmals maroden und unzureichend versicherten Schiffe transportieren Öl und werden so von Moskau zur Um­gehung westlicher Sanktionen genutzt. Rund 600 Tanker wurden bereits von der EU sanktioniert, transportieren oft aber mit veränderten Eigentumsverhältnissen und Flaggenstaaten weiterhin russisches Öl. Kiew hatte bislang von Angriffen auf zivile Schiffe, die unter der Flagge von Drittstaaten fahren, abgesehen. Wohl auch aus Sorge vor Umweltschäden und der Kritik westlicher Partner. In den ersten Kriegsjahren galten ukrainische Angriffe deshalb vor allem Kriegsschiffen der Schwarzmeerflotte oder solchen, die unter russischer Flagge Treibstoff für die Armee transportieren. Für die neuen Angriffe auf Tankschiffe, die ukrainische Vertreter in Gesprächen gern als „kinetische Sanktionen“ bezeichnen, zeigt sich der Inlandsgeheimdienst SBU verantwortlich. Der Dienst vermeldete in den vergangenen Wochen Angriffe mit Schwimmdrohnen auf Tanker im Schwarzen Meer. Zu Vorfällen an Afrikas Westküste und an der Küste der Türkei bezog der Dienst hingegen vorerst nicht Stellung. Seit einigen Tagen bekennt sich der SBU aber sogar zu Drohnenangriffen in internationalen Gewässern, weit von der Ukraine entfernt. Leerer Tanker im Mittelmeer angegriffen Nach dem jüngsten Angriff auf ein Schiff, das unter qata­rischer Flagge im Mittelmeer fuhr, stach der Dienst auch ein Video an interna­tionale Medien durch, das den Einschlag kleiner Kopter-Drohnen zeigen soll. Zugleich hob der SBU hervor, dass man den Tanker im unbeladenen Zustand angegriffen habe. Wohl auch, um Umwelt­bedenken bei den Partnern zu begegnen. Schon lange gibt es wegen der Schattenflotte große Sorgen vor Havarien, auch da die öltransportierenden Schiffe mitunter ohne Versicherungsschutz und mit ausgeschalteten Transpondern unterwegs sind. Ein Angriff auf einen voll beladenen Öltanker könnte verheerende Folgen für die Umwelt haben. Die Angriffe auf Tankschiffe sind Teil des ukrainischen Versuchs, die russische Energiewirtschaft zu schwächen. Seit Jahresbeginn greift Kiew vermehrt Raffinerien in Russland an. Dadurch sollen der Rohstoffexport gestört und Staatseinnahmen verringert werden. Die Angriffe auf zivile Tankschiffe starteten allerdings erst Ende November, als Kiew von den Amerikanern zur Zustimmung zu einem sogenannten 28-Punkte-Plan gedrängt wurde. Daraufhin griff die Ukraine Anfang Dezember auch Ölplattformen im Kaspischen Meer an. Auch Russland hatte immer wieder zivile Handelsschiffe getroffen, die im Hafen von Odessa anlandeten. Gezielt beschoss Moskau aber vor allem die Häfen und die Transportwege, weniger die Schiffe selbst. Trump hat offenbar nichts dagegen Der amerikanische Präsident Donald Trump hat die Angriffe bislang nicht kritisiert. Obwohl er zur Beendigung des Krieges vor allem Druck auf Kiew ausübt, scheint er das Vorgehen gegen Russlands Ölwirtschaft zu billigen. Trump verhängte Sanktionen gegen die Ölfirmen Rosneft und Lukoil, amerikanische Geheimdienste assistieren wohl auch bei den Angriffen auf russische Raffinerien. Der russische Machthaber Wladimir Putin hingegen bezeichnete die Angriffe auf die Schiffe bereits Anfang Dezember als „Piraterie“. Dem könne man nur ein Ende setzen, indem man die Ukraine vom (Schwarzen) Meer abschneide. Tatsächlich haben die russischen Angriffe auf die Infrastruktur der Südukraine zuletzt stark zugenommen. Offenbar hatten sie auch das Ziel, Logistikketten zu unterbrechen und Exporte zu stören. Der südwestlichste Teil des Gebiets Odessa ist nur über zwei Verkehrsverbindungen mit dem Rest des Landes verbunden. Dazwischen liegt ein breiter Mündungsarm des Flusses Dnister, der zum Schwarzen Meer führt. Die Brücke an dieser Stelle wurde seit Kriegsbeginn mehrfach durch rus­sische Luftangriffe beschädigt. Für den zivilen Fahrzeugverkehr ist sie seit 2022 gesperrt. Die andere Verbindung nach Bessarabien, den südwestlichen Teil des Landes, führt mehrere Kilometer durch mol­dauisches Gebiet. Da die Straße den Dnister-Liman quert, führt auch sie über Brücken. Seit der russischen Kündigung des Getreideabkommens, das den Warenexport über das Schwarze Meer ermöglichte, kommt den Donauhäfen ganz im Westen eine hohe Bedeutung zu. Viele Export­waren werden seither mit Lastwagen zu den Donauhäfen transportiert und von dort aus verschifft. Beide Verkehrsadern westlich von Odessa hat Russland in den vergangen Tagen abermals mit Drohnen und Raketen beschossen. Zudem nahm die Luftwaffe Windkraftanlagen, Solaranlagen und Umspannwerke in Bessarabien unter Beschuss. Zuvor wurde die Energieinfrastruktur von Odessa massiv dezimiert. Russland will die ukrainische Wirtschaft treffen Die Auswirkungen sind verheerend. Zum einen gibt es im Gebiet Odessa Stromausfälle, die weitaus länger andauern als die in anderen Gebieten üblichen stundenweisen Stromabschaltungen. Die Sperrung der beschädigten Brücken führt außerdem zu logistischen Problemen. Ei­ne Umfahrung auf moldauischem Gebiet ist nicht möglich, da die schnellste Alternativroute durch die unter russischem Einfluss stehende Pseudorepublik Transnistrien führen würde. Vizeministerprä­sident Olexij Kuleba besuchte Odessa am Wochenende. Er sagte in einem Videobriefing vor Journalisten, es gehe den Russen darum, die ukrainische Wirtschaft zu schwächen, insbesondere den Getreidekorridor. Kuleba äußerte, man habe zur Überquerung des Dnister-Limans Pontonbrücken eingerichtet und werde sich prioritär der Schaffung von Verkehrswegen widmen. Im Schienenverkehr wurde schnell eine Lösung gefunden. Erstmals seit 2022 verkehrte am Wochenende wieder ein direkter Zug von Odessa in die moldauische Hauptstadt Chi­ᶊi­nǎu.