Eine präzise Übersetzung des russischen Wortes, mit dem Wladimir Putin die europäischen Regierungen bedacht hat, ist schwierig: Es bezeichnet Tiere, die nicht mehr Ferkel und noch nicht ausgewachsenes Schwein sind, halbstarke Wilde, deren Schicksal der Schlachthof ist. Der Ausdruck fiel in Putins Schlusswort der jährlichen Sitzung des sogenannten erweiterten Kollegiums des russischen Verteidigungsministeriums. Auf diesen Treffen trägt der Verteidigungsminister in Anwesenheit des Präsidenten der versammelten Militärführung vor, wie sich die Streitkräfte im zurückliegenden Jahr entwickelt haben und was die wichtigsten Vorhaben für die nächste Zukunft sind. Die Veranstaltung wird als Demonstration der Stärke inszeniert. Dieses Jahr war die Botschaft, die Putin und sein Verteidigungsminister Andrej Belousow verbreiteten, besonders markig: Niemand mehr könne es militärisch mit Russland aufnehmen. Durch die Erfahrungen in den Kämpfen gegen die Ukraine hätten die russischen Streitkräfte eine solche Stärke gewonnen, sagte Putin, dass die Truppe heute eine ganz andere als noch vor wenigen Jahren sei: „Auf der Welt gibt es keine weitere solche Armee, so etwas existiert einfach nicht.“ Russland bereit für einen Krieg mit der NATO? Das war nicht Putins einziger Superlativ. 92 Prozent der Atomstreitkräfte seien auf dem neuesten technischen Stand: „So etwas gibt es in keiner anderen Atommacht auf der Welt“. Russland habe vollkommen neue Waffen: „So etwas hat niemand anderes auf der Welt, und wird es so bald auch nicht haben.“ Der Marschflugkörper „Sturmvogel“ und die Seedrohne „Poseidon“, die laut Putins Darstellung dank eines nuklearen Antriebs eine unbegrenzte Reichweite haben, „sichern Russlands globale Position auf Jahrzehnte hinaus“. Die staatliche Propagandaagentur Ria Nowosti überschrieb ihren Kommentar zu der Sitzung: „Europas Spiel ist zu Ende: Russland ist bereit für einen Krieg mit der NATO.“ Trotz des unaufhaltsamen Aufstiegs seiner Streitkräfte sei Russland weiterhin bereit, die in den vergangenen Jahren aufgekommenen Probleme in Gesprächen friedlich zu lösen, so Putin. Die amerikanische Regierung sei dazu bereit, und auch mit Europa werde es zu einem solchen Dialog kommen: „Es ist unwahrscheinlich, dass das mit den gegenwärtigen politischen Eliten möglich ist, aber in jedem Fall wird das im Maße unserer weiteren Ertüchtigung unausweichlich sein, wenn nicht mit den jetzigen Politikern, dann bei einer Auswechslung der politischen Eliten in Europa“. Eine entsprechende Botschaft hatte Putin auch für die Ukraine bereit, deren Armee – so seine Behauptung – von Russlands Truppen zermalmt werde. Wenn es seinen Willen nicht auf diplomatischem Weg bekomme, dann „erkämpft Russland die Befreiung seiner historischen Länder auf militärischem Weg“. Welche Gebiete er genau damit meint, ließ Putin offen. In den Gesprächen mit der Trump-Regierung bezieht Moskau das auf die schon 2014 besetzte Krim und die vier Regionen im Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson im Süden und Osten der Ukraine; Russland hat sie im September 2022 annektiert, kontrolliert sie aber nicht vollständig. Führende Vertreter des Kreml-Regimes bezeichnen indes auch Kiew, Charkiw und Odessa regelmäßig als „unsere russischen Städte“ und sprechen von der Ukraine als „ehemalige Ukraine“. Entsprechend unklar bleibt auch, was Putin im Sinn hat, wenn er von der „Schaffung und Ausweitung einer Sicherheitspufferzone“ spricht. Wie viel kostet der Krieg gegen die Ukraine? Als eigentlichen Gegner sieht Putin freilich nicht die Ukraine: „Im Grunde genommen war es der Westen selbst, der den Krieg begonnen hat.“ Wie oft in den vergangenen Monaten griff er zustimmend Donald Trumps Behauptung auf, mit ihm an der Macht gäbe es den Krieg in der Ukraine nicht: „Vielleicht ist es so. Denn die vorherige Regierung hat die Sache bewusst bis zum bewaffneten Konflikt geführt.“ Entsprechend sind die von Putin und Belousow am Donnerstag genannten Prioritäten für die Modernisierung der russischen Armee darauf ausgerichtet, aus den Erfahrungen im Krieg gegen die Ukraine Lehren für einen Konflikt mit der NATO zu ziehen. Als Priorität nannte Putin allem voran die „Vervollkommnung“ der strategischen Nuklearstreitkräfte. Die Aufrüstung der NATO-Staaten wird von der russischen Führung als Vorbereitung auf eine Aggression dargestellt: „Nicht wir drohen, wir werden bedroht“, sagte Verteidigungsminister Belousow. Das lässt außer Acht, dass jeder einzelne Schritt zur Stärkung der NATO-Ostflanke und zur Erhöhung von Verteidigungsausgaben eine Reaktion des Bündnisses auf vorhergehende Schritte Russlands war. Auch Putins Darstellung, der Westen sei seit dem Ende der Sowjetunion gegen Russland stets „mit gewaltsamen Mitteln“ vorgegangen, entspricht nicht den Tatsachen. Die Politik vieler westlicher Staaten war bis in die ersten Herrschaftsjahre Putins von großer Rücksichtnahme auf russische Empfindlichkeiten geprägt. Dass Moskau das gesamte nukleare Arsenal der Sowjetunion übernehmen konnte, verdankt es den USA, die Anfang der neunziger Jahre mit massivem Druck die Ukraine, Belarus und Kasachstan dazu bewegt haben, die dort lagernden sowjetischen Atomwaffen an Russland abzugeben. So wie die Narrative des Kremls sind auch seine Machtdemonstrationen mit Vorsicht zu betrachten. Dass das Regime trotz diktatorischer Kontrolle über das Land unter Druck steht, wurde an einem Punkt deutlich, an dem Belousow eine gemischte Botschaft aussandte: Einerseits nannte er erstmals eine Zahl zu den Kosten des Kriegs gegen die Ukraine: 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also mehr als das Ziel, das sich die NATO-Staaten für ihre Verteidigungsausgaben gesetzt haben. Das entspricht laut der Berechnung russischen Exilmedien etwa 116 Milliarden Euro. Das soll offensichtlich zeigen, dass die Ukraine selbst dann bedeutend weniger Geld hat, wenn sie die in der EU eingefrorenen russischen Guthaben erhält. Andererseits betonte er, dass der sonstige Verteidigungshaushalt dank Sparmaßnahmen sogar kleiner geworden sei – von 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 2,2 Prozent. Denn die Gefahr ist real, dass die Russen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch den Krieg bald direkt zu spüren bekommen.
