FAZ 07.01.2026
14:23 Uhr

Russisches Bildungssystem: Was wahr und moralisch ist, bestimmt der Staat


Exilwissenschaftler erforschen in Bayern die systemische Indoktrination in Russlands Bildungssystem, die immer ausgeklügeltere Formen annimmt. Intellektueller Widerstand kann sich nur noch auf Umwegen artikulieren.

Russisches Bildungssystem: Was wahr und moralisch ist, bestimmt der Staat

Der Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine vor nahezu vier Jahren war auch der Startschuss für eine neue, radikale Phase des Umbaus der russischen Gesellschaft und, als einer tragenden Säule, des Bildungssystems. Die Staatsmacht vollzog einen Bruch mit europäisch-aufklärerischen Traditionen, der zuvor über Jahre mit dem vom Justizministerium verliehenen Schandmal „Ausländischer Agent“ für freigeistige Wissenschaftler und Intellektuelle vorbereitet worden war, und unterzog neben der Wirtschaft auch Schulen, Hochschulen, ja Kindergärten einer konsequenten Militarisierung. An Universitäten wird der Pflichtkurs „Grundlagen der russischen Staatlichkeit“ gelehrt, den manche scherzhaft mit dem sowjetischen Pflichtfach „Geschichte der KPdSU“ vergleichen. Die Schulwoche beginnt mit dem Hissen der Fahne und der ideologischen Pflichtstunde „Gespräche über Wichtiges“, die Kinder marschieren im Stechschritt und hantieren mit Maschinenpistolen. Von welch ausgeklügelter Perfidie das System ist, untersucht seit vergangenem Herbst das Forschungsprojekt „Systemische Indoktrination und ihre ideologischen Grundlagen in Russland“ an der Katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt, das von dem Bildungsphilosophen Krassimir Stojanov geleitet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über drei Jahre gefördert wird. Die maßgeblichen Autoren, die durch eine russische Soziologin, die anonym bleiben muss, unterstützt werden, sind das russischstämmige Ehepaar Fedor Korochkin und Polina Vasineva, die Bildungsphilosophie beziehungsweise Philosophiegeschichte an einer großen Petersburger Universität lehrten, bis sie 2022 einsehen mussten, dass sie ihren Beruf nicht mehr würden ausüben können, und das Land verließen. Die Indoktrinierung von Schulkindern durch Lehrer, von denen nur einige Überzeugungstäter, viele hingegen Karrieristen oder Konformisten seien beziehungsweise Angst vor Repressionen hätten, sei nur die Elementarstufe, wie Kindern ein geschlossenes Weltbild eingeimpft werde, erklärt Vasineva. Auch den Pädagogen werde das Recht genommen, eigene Gedanken und Überzeugungen zu formulieren. Doch sie seien besonders vulnerabel, ergänzt Korochkin, bei nichtkonformer Lehrtätigkeit drohten ihnen Denunziation, der Verlust von Boni oder gar der Arbeitsstelle. Höchst programmatisch hat Präsident Putin schon vor zwei Jahren erklärt, Kriege würden nicht von Armeekommandeuren, sondern von Schullehrern gewonnen. Doktrin der „Russischen Welt“ Zur systemischen Indoktrination gehört indes eine vielstufige Subordinationspyramide. Lehrer und Hochschuldozenten agieren innerhalb von ideologisch strikt ausgerichteten Institutionen: in Schulen, wo Teilnehmer des Ukrainefeldzugs Vorträge halten, oder in formell freiwilligen Stunden, die de facto obligatorisch sind, die militärischen Großtaten der jeweiligen Region durchgenommen werden; beziehungsweise in Hochschulen, wo, wie Korochkin berichtet, Dozenten Power-Point-Präsentationen zum Thema „Fake News“ abhalten müssen, wofür westliche Medienberichte aus dem Ukrainekrieg als Beispiele dienen, und wo Ukraine-Veteranen beziehungsweise ihre Kinder ohne Aufnahmeprüfung Studienplätze erhalten. Diese Institutionen sind den regionalen Bildungsbehörden unterstellt, die ihrerseits dem Gouverneur unterstellt sind, der wiederum vom Moskauer Zentrum eingesetzt wird. Alle übergeordneten Funktionsträger können die jeweils nachgeordneten sanktionieren oder entlassen, betont Korochkin. Die Schüler geraten an den untersten Rand dieser Schichttorte. Russlands staatliche Ideologie ist mittlerweile höchst elaboriert, obwohl es sie der Verfassung zufolge eigentlich nicht geben dürfte. Ihre Grundlage bildet die Doktrin von der „Russischen Welt“, die Menschen auch jenseits von Russlands Staatsgrenzen für die Erweiterung der russischen Einflusssphäre mobilisieren soll, und die seit dem „russischen Frühling“ und der Krimannexion 2014 zum revanchistischen politischen Projekt wurde. Sie beinhaltet ein Bekenntnis zu „traditionellen Werten“, als welche im Strategiepapier für nationale Sicherheit von 2021 Religion, Ehe, Familie, Patriotismus, Sittlichkeit, historisches Gedächtnis, aber auch Kollektivismus aufgezählt werden, also Dinge, die eigentlich jeder wertschätzt, die indes, wie das Dokument behauptet, durch „Übergriffe“ seitens der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten sowie durch die „Verwestlichung“ der Kultur bedroht würden, was die kulturelle Souveränität des Staates insgesamt bedrohe. Als anthropologische Matrix hat die Präsidentenadministration ein fünfstufiges Modell namens „Pentabasis“ erarbeitet, das Beziehungen und den Betätigungsradius von Menschen veranschaulicht: Dem Individuum ist die kreative Sphäre zugeordnet, der Familie die Tradition, der Gesellschaft die Harmonie, dem Staat das Vertrauen in die Institutionen. Eine irgendwie kritische Subjekthaftigkeit des Einzelnen gegenüber der Familie, der Gesellschaft oder gar dem Staat ist nicht vorgesehen, merkt Korochkin an, es gehe letztendlich um den Dienst am Staat bis hin zum Selbstopfer. Der Historiker und Geschichtspolitiker Sergej Perewesenzew schreibt dazu im Lehrbuch „Grundlagen der russischen Staatlichkeit“ für das gleichnamige Hochschulpflichtfach, gemäß der traditionellen politischen Kultur Russlands erblickten die Bürger im Staat den Träger „inspirierender geistiger Werte“, ihre eigene Machtferne betrachteten sie als normal und wünschten, dass die Staatsgewalt sich in einer Einzelperson manifestiere, ob Zar, ob Präsident, ob Generalsekretär. Zudem erklärt Perewesenzew den angehenden Akademikern ganz offen, angesichts des globalen Systemwettbewerbs reiche ein wissenschaftsbasierter Geschichtsunterricht nicht aus, vielmehr müssten, je nach Lage, historische „Fakten“ auch mal erfunden werden. Man denkt an die bekanntermaßen erdichtete Heldentat der 28 Soldaten der Panfilow-Division im November 1941 bei der Abwehr des Vorstoßes der deutschen Wehrmacht auf Moskau, der durch Denkmäler und sogar einen erst wenige Jahre alten Film gehuldigt wird. Intellektuelle Vereinsamung Konzeptuelle Signale setzte in diesem Herbst auch das von der Petersburger Staatsuniversität neu herausgegebene Bedeutungswörterbuch, das beispielsweise „Autoritarismus“ als effektivste Gesellschaftsordnung für schwierige Zeiten definiert, einen „Feind“ als den, welchen die souveräne Macht als für Volk und Staat feindlich deklariert, „Demokratie“ nur in westlichen Ländern verortet und „Einheit“ mit der angeblichen Verschmolzenheit des russischen mit dem ukrainischen Volk illustriert. Solche Begriffsbestimmungen dürften wichtig werden für öffentliche Veranstaltungen oder solche in Schulen, sagt Korochkin. Das Forschungsprojekt soll die mittelfristigen Folgen der systemischen Indok­trination für die kognitiven Prozesse bei Menschen in Russland ermitteln. Russische Studenten hätten im Vergleich zu westlichen ein quantitativ höheres Lernpensum, räumen Korochkin und Vasineva ein, dafür werde kritisches Denken konsequent beschnitten. Ein Mittel sei die Atomisierung oder intellektuelle „Vereinsamung“ beziehungsweise Entfremdung der Lernenden, etwa wenn Philosophiedozenten politische Philosophie aus verständlicher Furcht grundsätzlich mieden. Dabei könne die Entfremdung auch in einem autoritären System durch empathischen Dialog vermieden werden, sagt Vasineva. Korochkin erinnert an einen Petersburger Kollegen, der im Jahr 2021 einem Journalistikstudenten, der eine Abschlussarbeit über die Antikorruptionsstiftung des damals schon inhaftierten Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj schreiben wollte, erklärte, das sei zwar noch möglich, könne aber, angesichts der stetig sich verschärfenden Gesetzgebung, zum Zeitpunkt der Fertigstellung schon eine Strafverfolgung nach sich ziehen. Und einem anderen, der über die russische Verfassungsänderung von 2020 arbeiten wollte, riet er, zur Sicherheit eine Verfassungsänderung in einem anderen autoritär regierten Land zu wählen, die ebenfalls den Zweck verfolgte, die Herrschaft des Machthabers zu verlängern. Der Rat, das Thema zu meiden, hätte den Studenten „vereinsamt“, so Korochkin. Hingegen nehme die argumentativ begründete Empfehlung einer Alternative, die Analogien zum Ursprungsthema andeutet, den Studenten unter Vermeidung einer Gehirnwäsche aus der Gefahrenzone. Das Indoktrinationssystem solle eine manipulierbare Masse hervorbringen, sagt Korochkin. Dabei sei die individuelle Überzeugung eher unwichtig, betont Vasineva, viele junge Leute schrieben nur Briefe an Frontsoldaten oder nähmen an Kundgebungen teil, weil sie dazu angewiesen würden. Zudem könne sich die staatliche Ideologie ändern. Entscheidend sei einerseits das von unabhängigen Informationen und Fragestellungen isolierte, in sich geschlossene Weltbild, das nicht genehme Fakten etwa über den Ukrainefeldzug ausblende oder sie mit Hilfe staatlicher Desinformation als „umstritten“ wegerkläre, so Korochkin. Zweitens solle der denkende Bürger in Fragen von Wahrheit, Werten und Moral den Staat als epistemologische Autorität betrachten. Russlands Indoktrination ist für europäische Rechtspopulisten, die wie sie die Homogenität des Volkes, Exklusivität des Herrschers und eine angeblich verlorene nationale Größe postulieren sowie gegen innere wie äußere Feinde mobil machen, in vielem eine Blaupause. Umso mehr darf man gespannt sein, welche Erkenntnisfrüchte im bayrischen Eichstätt in nächster Zeit geerntet werden.