War es nur dem orthodoxen Weihnachtsfest geschuldet, dass die ersten Reaktionen Moskaus auf die Aufbringung eines unter russischer Flagge fahrenden Tankers durch die amerikanische Marine so auffällig zurückhaltend waren? Das russische Außenministerium benötigte nach den ersten Nachrichten über die Operation fast 24 Stunden, um einen harten Protest dagegen zu formulieren. Russland konnte nicht überrascht sein Dabei konnte es von dem Geschehen nicht überrascht sein. Die russische Regierung hat die Entwicklung um das Schiff aus der Schattenflotte seit Wochen genau verfolgt. Und sie hat einiges unternommen, um es zu schützen: erst, indem sie den Tanker durch Umflaggung auf hoher See zu einem russischen Schiff machte, und dann durch diplomatische Interventionen in den Vereinigten Staaten. Das legt die Vermutung nahe, dass nicht die russischen Feiertage der Grund für die langsame Reaktion waren. Moskau hat gerade große Schwierigkeiten, eine Linie im Umgang mit Washington zu finden. Seit Donald Trumps Amtsantritt versucht es, ihn mit Freundlichkeiten und Schmeicheleien zu umgarnen, damit er die Ukraine und ihre europäischen Verbündeten fallen lässt. Um Trump bei Laune zu halten, hat der Kreml in den vergangenen Monaten vieles – etwa die Angriffe auf Iran – mit einer früher kaum vorstellbaren Zurückhaltung hingenommen. Doch diese Politik kommt gerade an Grenzen.
