Husky, mit bürgerlichem Namen Dmitrij Kusnezow, hat eine der eigenwilligsten Stimmen des Rap-Genres in Russland. Geboren und aufgewachsen in Ostsibirien am Baikalsee, studierte der heute 32 Jahre alte Musiker in Moskau Journalistik und fand dort mit seinen Liedern im repetitiv klagenden Singsang und seiner nuschelnden Diktion für das Lebensgefühl chancenloser russischer Männer einen ästhetischen Ausdruck. Wiederholt arbeitete er mit Kirill Serebrennikow zusammen; sein 2020 entstandenes Lied, dessen Titel auf Deutsch etwa bedeutet „Auf was ich mir einen runterhole“, imaginiert die qualvolle Masturbation von jemandem, der in der Strafkolonie von Wladimir Putin vergewaltigt wird. Vielfach wurden seine Konzerte verboten, Clips blockiert – doch mit 1,25 Millionen monatlichen Hörern auf Yandex Music und 900.000 Streams auf VK Music bleibt ihm eine beachtliche Gefolgschaft treu. Allerdings unterstützte Husky nach 2014 die Donbass-Besetzung, er trat dort auf und drehte 2022 den Kurzfilm „Militärunternehmen Philharmonie” (TschWK Filarmonia), worin bewaffnete Musiker der Philharmonie von Luhansk durch ihre Stadt patrouillieren, von ihren Kämpfen in Mariupol erzählen und Kriegslieder singen. Es ist ein Bild des Krieges ohne Ursache und Wirkung, ohne Anfang und Ende. Der Imperativ des Krieges Ende 2025 hat Husky das Album „Partisan“ herausgebracht, dessen Titel Programm ist: Es geht um den Krieg, aber als Zustand, als andauernde Katastrophe, in dem der Held keiner Seite angehört. Das signalisiert schon das Cover, das mit altrussischen Buchstaben und Huskys auf weißem Kreis frei schwebendem Kopf einerseits an eine Art Grabikone, zugleich aber mit seinem rot-schwarz-weißen Design auch an totalitäre Embleme, etwa das der Nationalbolschewisten, erinnert. Das Gefangensein im Imperativ des Krieges vergegenwärtigt der Titel „Ich erkläre euch den Krieg“, worin Husky, beleuchtet von kirchenslawischen Buchstaben und untermalt von verzerrten Fetzen orthodoxer Chöre einsame Wuttänze gegen die russische Glamourwelt aufführt. Es ist eine Traumvision, in der dem Musiker geisterhafte Ritter erscheinen, mit denen er die Identität tauscht. „Wir sind alle Soldaten der Dummheit, vergib uns, Gott“, rappt er an einer Stelle. Kein naiver Pfannkuchen Das vielleicht stärkste Stück der Sammlung ist die schon vergangenen Sommer herausgekommene Single „Kolobok“ (Fetter Pfannkuchen), eine düstere, autofiktionale Variation des Märchens vom dicken fetten Pfannkuchen, das auch in Russland jeder kennt. Huskys „Kolobok“ ist kein naiver Pfannkuchen, der seinen Verfolgern fröhlich entwischt, sondern sein gehetztes Ich, das vom obsessiv hämmernden Refrain verfolgt wird: „Sie wollen mich fressen.“ Im Clip kneten zwei burjatisch aussehende Jugendliche – eine Anspielung auf Huskys Herkunft – in einer Wohnsiloküche Teig, aus ärmlichen Resten, wie es im Text heißt. Daraus wird die folkloristisch-dystopische Kugelmaske von Russlands ungeliebtem Sohn, in der er auf seinem kurzen Lebensweg, zum knisternd verzerrtem Retro-Sound der Jahrtausendwende, der Horrorvision, im Müll entsorgt zu werden, zu entkommen versucht. Was es heißt, ein Ork zu sein Ein Titel, der gute Chancen hat, zum künftigen Kriegslied einer ganzen Generation russischer Ukraine-Veteranen zu werden, ist „Ork sein“ (Byt’ orkom) – er nimmt das ukrainische Schimpfwort für russische Soldaten auf, das sich unterdessen bei diesen auch als zynisch-trotzige Selbstbezeichnung etabliert hat, womit sie ihre Rolle als Monster annehmen. Umspielt von Fetzen des sowjetischen Partisanenliedes aus dem Zweiten Weltkrieg – „O meine Nebel!“ – macht Huskys winselnder Singsang das Lebensgefühl vieler Ukraine-Kämpfer spürbar: Sie seien wie Schimmel, geboren aus einem Erdspalt in schwarzen Mordor-Dörfern, wo gebrauchte Spritzen unter den Füßen knirschten. Huskys Ork, der sich in Arbeitervorortzügen herumtreibt, besingt Gefechte, in denen er nicht getötet wurde. Dabei holt er aber die Stimmen der „Zweihunderter“, der Gefallenen, aus sich heraus. Im Leib ihrer weinenden Witwen stecken indes schon wie Splitter diejenigen, die einst die neuen Orks sein werden. Im Abspann skandiert der russische Nationalbolschewik und dichtende Kämpfer gegen die Ukraine, Oleg Mironow, stellvertretend für alle Orks der Invasionsarmee: „Wir sind Zeugen einer dreckigen Epoche, wir sind die Vollidioten, die unser Vaterland so sehr braucht. Also liebe uns so, wie du uns gemacht hast, du Miststück!“ Ein poetischer Trost Das lyrische Stück „Als Wind, als Schnee, als Hitze“ (Wetrom, snegom, snojem) beschreibt, gleichsam als Folge der kumulierten Kriegszerstörungen der Gegenwart, eine postapokalyptische Landschaft, durch die Huskys Held, von einem einsamen unterirdischen Bunker aus, eine Landdrohne lenkt. Zu einem leichten Beat, der gleichsam Herzschlagtöne variiert, singt seine Figur, die nur noch als fernsteuernder Operator mit der Welt in Beziehung tritt, ein entsagungsvoll zärtliches Abschiedslied an die ferne Freundin: „Wenn ich morgen nicht mehr da bin, dann bedaure das bitte nicht!“ Ohne dass der Krieg explizit erwähnt wird, ist er unterschwellig stets da, wenn es etwa zu Bildern von Skeletten im Wüstensand heißt, der Tod sei an seinem Ort versprüht wie billiges Eau de Cologne. Hier singt ein Mensch der „Economyklasse“, der sich mit dem Faktum, dass er und seinesgleichen wie Material verbraucht werden, fast schon abgefunden hat. Doch während der Musiker, stellvertretend für viele, sich schon vom Leben verabschiedet, beschwört er zugleich die Vision, dass er, aufgelöst in die Elemente der Natur, als Wind, als Schnee, als sengende Hitze die Geliebte noch einmal berühren wird. Das ist sein poetischer Trost für sie, aber auch für ihn selbst.
