Ein Parkplatz im Süden von Moskau. Ein weißer Kia steht dort, ein Viertürer, eigentlich nicht besonders auffällig. Doch auf Bildern in russischen Medien ist der vordere Teil des Autos zerstört, Splitter liegen herum, die Scheiben anderer parkender Autos sind gesprungen. Die Polizei hat die Stelle mit rot-weißem Absperrband gesichert. Um kurz vor sieben Uhr Ortszeit war am Montag auf dem Parkplatz eine Bombe explodiert. Der Generalleutnant, dem der Kia gehörte, war gerade losgefahren, als der Sprengsatz detonierte. Fanil Sarwarow wurde an den Beinen und im Gesicht so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Sarwarow war ein ranghoher Militär und leitete die Abteilung für operative Ausbildung im russischen Generalstab. Das staatliche Ermittlungskomitee teilte mit, ein Strafverfahren wegen Mordes unter Verwendung einer gefährlichen Methode und wegen illegalen Handels mit Sprengstoffen sei eingeleitet worden. Man untersuche auch, ob die Ukraine an dem Anschlag beteiligt gewesen sein könnte. „Die Ermittler prüfen verschiedene Versionen des Mordes. Eine davon ist die Version, dass das Verbrechen mit den ukrainischen Geheimdiensten zusammenhängt“, schrieb die Sprecherin, Swetlana Petrenko, auf Telegram. Aus Kiew gab es bisher keine Stellungnahme. Sarwarow galt als bestens informiert Die Explosion ereignete sich den Ermittlern zufolge am Morgen des 22. Dezembers auf einem Parkplatz in der Jasenewaja-Straße im Süden der russischen Hauptstadt nahe einem Wohnhaus. Demnach war ein Sprengsatz unter dem Fahrzeug angebracht worden. Laut Informationen der Zeitung „Kommersant“ wurde für die Explosion eine Magnetmine verwendet. Der russische Exilsender „Doschd“ schreibt, aus geleakten Daten gehe hervor, dass Sarwarow seit dem Jahr 2013 als Besitzer eines Kia Sorento registriert gewesen sei. Dieselben Daten zeigen laut dem Medium auch, dass der Generalleutnant Miteigentümer einer Wohnung in der Jasenewaja-Straße war. Laut dem Medium „Agenstwo“ ist in der Nähe des Tatorts auch ein Haus, in dem mehrere Mitarbeiter des russischen Militärnachrichtendienstes GRU wohnen. Der 56 Jahre alte Sarwarow war dem russischsprachigen Dienst der BBC zufolge einer der führenden Köpfe des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Zu seinen Aufgaben gehörte es demnach, die Bereitschaft der Heereskommandeure und der Bodentruppen zur Umsetzung des Generalplans zu überprüfen. Er galt als Vertreter des Stabschefs vor Ort und als bestens über die operative Lage informiert. „Er war das wichtigste Bindeglied zwischen dem ‚Gehirn‘ des russischen Generalstabs und den Kommandeuren einzelner Frontabschnitte“, so die BBC. Sarwarow wurde 1969 im Gebiet Perm geboren und schlug früh eine militärische Laufbahn ein. Dem Investigativmedium „Projekt“ zufolge war er zwischen 1992 und 2003 im Konflikt zwischen Inguschen und Osseten sowie im Tschetschenienkrieg im Einsatz. In den Jahren 2015 und 2016 war er für Operationen in Syrien verantwortlich. Danach wurde er der Leiter der Ausbildungsabteilung. Sarwarow wurde mehrfach für seine „Verdienste“ ausgezeichnet. Die Liste getöteter Militärs wird länger Obwohl die genauen Hintergründe noch unklar sind: Sarwarow ist nicht der erste ranghohe Militärangehörige, der seit Russlands Großangriff bei einem Attentat ums Leben kam. Zu einigen bekannte sich Kiew, bei anderen wird nur ein Zusammenhang mit ukrainischen Geheimdiensten vermutet. So war erst im April dieses Jahres der Generalleutnant Jaroslaw Moskalik im Moskauer Vorort Balaschicha getötet worden. Der 59 Jahre alte Moskalik kam ums Leben, als er an einem geparkten VW Golf vorbeiging, in dem eine zuvor deponierte Bombe explodierte. Einen Tag später nahm der russische Inlandsgeheimdienst FSB einen Tatverdächtigen fest. Im November wurde ein aus Russland stammender Mann wegen des Mordes an Moskalik zu lebenslanger Haft verurteilt. Er soll angeblich von der Ukraine für die Tat bezahlt worden sein. Im vergangenen Dezember kam Igor Kirillow bei einem Bombenanschlag vor seinem Wohnhaus ums Leben. Ermittler stuften die Explosion als Terroranschlag ein. Der ukrainische Geheimdienst bekannte sich zu der Tat. Die Detonation wurde durch einen Sprengsatz verursacht, der in einem Elektroroller versteckt worden war. Der 54 Jahre alte Kirillow war Generalleutnant der russischen Streitkräfte, der die Spezialkräfte zum Schutz gegen Strahlung, Chemie- und Biowaffen leitete. Er wiederholte seit Russlands Großangriff öffentlich Moskaus Erzählung, dass die Vereinigten Staaten „Biolaboratorien“ in der Ukraine eingerichtet hätten. Der ukrainische Geheimdienst steckt hinter mehreren Taten Im November 2024 wurde der russischen Marinekapitän Walerij Trankowskyj auf der von Russland annektierten Krim von einer Autobombe getötet. Laut der „Ukrainska Prawda“ steht der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU hinter der Tat. Im Juli desselben Jahres detonierte in Moskau ein Sprengsatz unter einem Toyota Land Cruiser, der einem Offizier des GRU gehörte. Er und seine Frau überlebten den Anschlag. Der 30 Jahre alte Jewgenij Serebrjakow gestand die Tat. Er habe mit dem Anschlag den Krieg beenden wollen, sagte er. Ein Gericht verurteilte ihn zu 25 Jahren Haft. Nicht nur Militärangehörige, sondern auch Überläufer und Propagandisten geraten immer wieder ins Visier der Ukraine. Im Dezember 2023 wurde in der Nähe von Moskau der frühere ukrainische Abgeordnete Ilja Kiwa, der sich nach Russland abgesetzt hatte, erschossen. Auch zu dieser Tat bekannte sich der SBU. Kiwa hatte dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im russischen Staatsfernsehen zuvor vorgeworfen, Schuld am Krieg in der Ukraine zu sein. Im April 2023 wurde der russische Militärblogger Maxim Fomin, besser bekannt als Wladlen Tatarskij, getötet. In einem Café in Sankt Petersburg wurde ihm eine goldfarbene Büste aus Gips überreicht, die später explodierte. Das „Geschenk“ übergab ihm die damals 26 Jahre alte Antikriegsaktivistin Darja Trepowa. Britischen Medienberichten zufolge könnte es auch hier eine Verbindung zum SBU geben.
