FAZ 19.11.2025
17:47 Uhr

Russischer AngriffsKrieg: Ein Gazadeal für die Ukraine?


Russland greift weiter die ukrainische Zivilbevölkerung an. Hinter den Kulissen sollen die USA und Russland über ein Abkommen verhandeln – nach dem Vorbild Nahost.

Russischer AngriffsKrieg: Ein Gazadeal für die Ukraine?

Bei einem russischen Luftangriff auf die westukrainische Stadt Ternopil sind am Mittwochmorgen mindestens 25 Menschen getötet und 115 verletzt worden, unter ihnen 16 Kinder, teilte der staatliche Rettungsdienst des Gebiets Ternopil mit. Auf von Behörden veröffentlichten Bildern war ein Wohnhochhaus zu sehen, von dessen obersten Etagen nur noch Trümmer übrig waren, während aus den unteren Stockwerken Flammen schlugen. „Es gibt erhebliche Zerstörungen“, sagte ein Sprecher des Rettungsdienstes dem Portal Ukrainska Prawda. Auf Handy­videos war zu sehen, wie Feuerwehrleute versuchten, das Feuer zu löschen, während Rettungskräfte Verletzte aus den zerstörten Wohnungen trugen und Tote bargen. Vor dem Gebäude lagen die schwarzen und weißen Leichensäcke nebeneinander. Priester segneten die Toten. Polen lässt Kampfflugzeuge aufsteigen Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Mittwoch auf Telegram, dass Russland in der Nacht zum Mittwoch sein Land mit 476 Drohnen und 48 Raketen verschiedenster Bauart angegriffen habe. Laut der ukrainischen Luftwaffe seien 442 Drohnen und 41 Raketen abgefangen worden, während sieben Raketen und 34 Drohnen an 14 verschiedenen Orten einschlugen. Der Angriff galt vor allem Gebieten im Westen der Ukraine, die mehr als 500 Kilometer entfernt von der Front liegen. In Lemberg (Lwiw) waren wegen der Angriffe mehrere Feuer ausgebrochen; Bilder zeigten enorme Rauchwolken über der Stadt. Wegen des Großangriffs nahe der Grenze ließ Polen abermals Kampfflugzeuge aufsteigen und schloss vorsorglich die Flughäfen Rzeszów und Lublin, um der Luftwaffe Operationsfreiheit zu bieten. Bereits gegen Mitternacht hatte Russland mit Drohnen zudem die ostukrainische Großstadt Charkiw angegriffen. Dabei seien mindestens 46 Menschen verletzt sowie ein Hochhaus, ein Krankenhaus und eine Schule beschädigt worden, sagte der Gouverneur des Gebiets. Darüber hinaus meldete das größte private ukrainische Energieunternehmen DTEK Schäden an einem Wärmekraftwerk. Es sei bereits der fünfte Angriff auf Kraftwerke des Unternehmens seit Oktober gewesen. „Jeder dieser dreisten Angriffe zeigt, dass der Druck auf Russland unzureichend ist“, sagte Selenskyj am Mittwoch in An­kara. Zuvor hatte er angekündigt, die im Frühjahr begonnenen, von den USA vermittelten Verhandlungen mit Russland wiederzubeleben. Zuletzt waren beide Seiten vor vier Monaten ergebnislos auseinandergegangen, als Russland einen Waffenstillstand abgelehnt hatte. Selenskyj traf am Mittwoch zunächst den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die Türkei versteht sich als Vermittler zwischen den Kriegsparteien. Kremlsprecher Dmitrij Peskow teilte mit, dass Russland keinen Vertreter in die Türkei entsandt habe. Dennoch sei man offen für Verhandlungen über ein Ende der Kämpfe. Ein Gazadeal für die Ukraine? Darüber hinaus wollte Peskow einen Medienbericht nicht kommentieren, laut dem Washington und Moskau über ein Ende des Krieges in der Ukraine verhandelten. Dem amerikanischen Portal Axios zufolge arbeiten die Vereinigten Staaten an einem am Gazadeal angelehnten Plan, der einen Waffenstillstand und Sicherheitsgarantien für die Ukraine vorsieht. Er soll auch Sicherheit für Europa bringen sowie die künftigen Beziehungen zwischen den USA und Russland regeln. Angeblich sollen Trumps Sondergesandter für den Nahen Osten, Steve Witkoff, und Putins Sonderbotschafter Kirill Dmitrijew darüber diskutiert haben, zuletzt bei einem Besuch Dmitrijews in Miami Ende Oktober. Das Portal zitiert den Russen mit den Worten: „Wir haben den Eindruck, dass die russische Position wirklich gehört wird.“ Zudem soll Witkoff den Plan mit dem ukrainischen Sicherheitsberater Rustem Umjerow besprochen haben. Aus der ukrainischen Regierung hieß es, man wisse, dass „die Amerikaner an etwas arbeiteten“. Ein für Mittwoch in der Türkei geplantes Treffen zwischen Witkoff und Selenskyj wurde jedoch verschoben.