FAZ 07.03.2026
10:10 Uhr

Russell am schnellsten: „Wenn ein Auto fährt, dann fährt’s“


Zu Beginn der neuen Formel-1-Zeitrechnung hängt doch nicht alles am Ladezustand der Batterien – es kommt auf die Energieleistung der Piloten an. Mercedes fährt in der Qualifikation vorneweg.

Russell am schnellsten: „Wenn ein Auto fährt, dann fährt’s“

All die schwierigen Begriffe, die den Wortschatz der neuen Zeitrechnung in der Formel 1 bestimmen, ob sie nun „Superclipping“ oder „Boost Mode“ heißen, spielen bei der ersten Qualifikation des Rennjahres keine große Rolle. Die Generalprobe für den Großen Preis von Australien am Sonntag (5.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) war spannend, abwechslungsreich und turbulent. Beim doppelten Triumph der Silberpfeile von Mercedes konzentriert sich eben nicht, wie befürchtet, alles auf den Ladezustand der Batterien – am Ende kommt es auch auf die Energieleistung der Piloten an. George Russell verbessert sich innerhalb der Qualifying-Stunde gleich um eine ganze Sekunde und lässt zum ersten Mal das wahre Potenzial des Werksteams erkennen, sein Teamkollege Kimi Antonelli folgt ihm auf dem Fuß mit 0,363 Sekunden Rückstand. In der Mercedes-Box umarmen sie sich, vier Krisenjahre scheinen überstanden, die neue Motorenkombination wird der Favoritenrolle gerecht, auf die sich die Konkurrenz bereits bei den Testfahrten geeinigt hatte. „Es ist ein großartiger Tag für uns“, sagt Tagessieger George Russell, „wir wussten, dass wir ein großes Potenzial haben. Aber es ist nicht so einfach, das auf die Straße zu bringen. Das Fahren ist wirklich schwieriger geworden.“ Teamchef Toto Wolff freut sich über die Teamleistung und weicht vor dem Sky-Mikrofon sogar kurz von seinem üblichen Zweckpessimismus ab, als er kalauert: „Wenn ein Auto fährt, dann fährt’s.“ „Meine Mechaniker sind die wahren Helden“ Antonellis zweiter Rang ist umso bemerkenswerter, da der Italiener im Abschlusstraining einen schweren Unfall hatte, bei dem sein Dienstwagen wie ein Schrotthaufen wirkte. „Meine Mechaniker sind die wahren Helden“, frohlockt der 19-Jährige, nachdem der Boxentruppe nur zweieinhalb Stunden für die umfangreichen Reparaturen geblieben waren. Antonelli kann aber überhaupt nur am Zeitfahren teilnehmen, weil Max Verstappen im ersten Qualifikationsabschnitt plötzlich die Kontrolle über seinen Red-Bull-Rennwagen verliert, spektakulär in den Barrieren landet und die Session länger unterbrochen wird. Der Niederländer hält sich nach dem Aufprall zunächst die Hand, ist aber wohl nicht ernsthaft verletzt. Ihn plagt eher die Ungewissheit: „Keine Ahnung, was da los war.“ Möglicherweise hat der Fauxpas doch etwas mit der veränderten Fahrweise zu tun, die die neuen Hybridaggregate erfordern. Was für den Niederländer am Samstag möglich gewesen wäre, zeigt sein neuer französischer Teamkollege Isack Hadjar, der den zweiten Red Bull problemlos auf Platz drei stellt, aber schon sieben Zehntel Rückstand auf die Spitze hat. Noch schlimmer dran als der nur von Platz 20 startende Verstappen sind Lance Stroll und Carlos Sainz jr., die erst gar nicht an den Start können. Aston Martin und Williams gehören zu den Rennställen, die gewaltige Probleme mit den Neuwagen haben. Auch Rückkehrer Sergio Perez vom neuen Cadillac-Rennstall verpasst die erste Probe aufs Exempel. Startplätze zehn und elf für Audi Mit einem ordentlichen Einstand präsentiert sich das Audi-Werksteam bei seiner Premiere. Noch bevor Vorstandschef Gernot Döllner zu einer Stippvisite im Albert Park erwartet wird, machen die beiden Piloten Gabriel Bortoleto und Nico Hülkenberg den Einzug in die Top Ten unter sich aus. Überraschend hat der Jüngere die Oberhand gegenüber dem Routinier aus Emmerich. Verbessern kann sich der Brasilianer aber nicht, weil er auf der Auslaufrunde stehen bleibt. Die Startplätze zehn und elf sind angesichts der Kinderkrankheiten, die wie bei vielen anderen Autos auch den R 26 noch plagen, vielversprechend. „Es war hektisch, aber das macht Hoffnung auf mehr“, bilanziert Hülkenberg. Generelles Aufatmen herrscht rennstallübergreifend darüber, dass bei aller Komplexität der Technik die Qualifikation nicht zu einer bloßen Lotterie verkommen ist. Nicht der Zufall bestimmt, dass Titelverteidiger Lando Norris nur als Sechster hinter seinem McLaren-Kollegen Oscar Piastri startet. Der Brite allerdings kann zumindest Pech für die eher durchschnittliche Leistung mit einem Rückstand von fast einer Sekunde auf die Poleposition von Russell geltend machen. Er fährt über das Teil eines Kühlventilators, das in den Seitenkästen von Antonellis Mercedes vergessen worden war und das der Italiener dann auf der Piste verliert. Warum der Brite nicht ausgewichen ist, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls beschädigt er sich den in diesem Jahr für die Aerodynamik wieder wichtiger gewordenen Frontflügel. Ferrari bestätigt seinen bereits bei den Testfahrten erkennbaren Aufwärtstrend. Neu-Ehemann Charles Leclerc steht als Vierter in der zweiten Startreihe, der sichtlich erleichterte Lewis Hamilton schafft es auf den siebten Platz. Die richtig komplizierten Aufgaben aber liegen noch vor den 22 Piloten der Königsklasse. Vom Start weg die richtige Drehzahl zu haben, um gut wegzukommen, ist ein ebenso anspruchsvolles Vorhaben wie später die richtige Balance zwischen Aufladen und Angreifen zu finden. Die komplizierten technischen Regeländerungen zielen aber genau darauf ab, dass die Rennen unberechenbarer werden. Was allein schon dadurch wahrscheinlicher wird, dass die Rennwagen gegenüber dem vergangenen Jahr etwa ein Drittel weniger Bodenhaftung besitzen. Fahrer und Fahrzeuge werden beim Auftakt zum ersten Mal richtig an ihre Grenzen (und darüber hinaus) gebracht. Das Versteckspiel ist vorbei, die Saison kann beginnen.