Erinnern Sie sich an Gigabell? Das Frankfurter Unternehmen, das 1999 an die Börse ging, den Aktienkurs vervierfachte und mit Internettelefonie reich werden wollte? Es meldete ein Jahr später Insolvenz an. Die auch Voice over IP genannte Technologie schien revolutionär und machte Telefonate, vor allem internationale, viel günstiger, weil sie nicht über teure Leitungen, sondern über das Internet liefen. Ein richtiger Hype entstand um Gigabell wie um viele andere Internetkonzerne zu Zeiten des Neuen Marktes. Das Problem: Schnelle und stabile Internetverbindungen waren damals selten, die Menschen nutzten oft noch ein Modem. Auch für die großen KI-Unternehmen herrscht derzeit eine Faszination, besonders um Nvidia. Das wertvollste Unternehmen der Welt hat die Erwartungen der Analysten im dritten Quartal übertroffen. Gedeih und Verderb des gesamten Aktienmarktes schienen für viele davon abzuhängen, ob der Chip-Designer weiter profitabel wachsen kann. Die Situation von Nvidia ist eine ganz andere als die von Gigabell. Nvidia erwirtschaftete im dritten Quartal Erlöse von 57 Milliarden Dollar, der Nettogewinn stieg auf fast 32 Milliarden Dollar. Die Marktbewertung liegt bei mehr als fünf Billionen Dollar. Das sind Zahlen, bei denen Anlegern zurecht schwindelig werden kann. Und die Frage, ob das immer so weitergeht, ist berechtigt. Warum Nvidia anders ist Ein großer Unterschied zu Gigabell und den Luftnummern am Neuen Markt: Nvidia hat eine zahlende Kundschaft. Was banal klingt, ist bei der Frage nach einer Blase entscheidend. Der Google-Mutterkonzern Alphabet etwa kauft Nvidia die Chips ab, die für das aufwendige Training von KI-Modellen verwendet werden, auch für ChatGPT. Und eine Krankenkasse, die mit KI ihre Durchlaufzeiten für Leistungsansprüche verkürzen will, braucht die Modelle ebenso wie eine Versicherung zur Schadenbearbeitung durch Bilderkennung. Gigabell verfügte kaum über zahlende Kunden. Der kurze Erfolg an der Börse basierte auf Wünschen und Versprechungen für die Zukunft. Gigabell schrieb nie Gewinne – ein weiterer großer Unterschied zu Nvidia und Co. Dass Investoren die hohen Kurse von Nvidia argwöhnisch beäugen, ist dennoch richtig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis hat sich zwar reduziert, liegt trotz der Rekordzahlen aber noch bei 42. Anleger zahlen also das 42-Fache des Jahresgewinns je Aktie. Damit gelten die Titel als sehr teuer. Gewinnmitnahmen wie zuletzt bei Starinvestor Peter Thiel können eine gute Idee sein. Aber der Rummel um einen möglichen Kollaps ist übertrieben. Selbst wenn es zu einer Kurskorrektur kommt – Nvidia wird nicht unendlich lange so weiter wachsen können – ist das nicht automatisch ein Börsenbeben. Korrekturen können sogar gesund sein. Crashgefahr entsteht erst, wenn die Fantasie die Substanz ersetzt.
