FAZ 22.12.2025
11:31 Uhr

Rumäniens Geschichtspolitik: Fatale Entlastungslogik


Wie sich die nicht aufgearbeitete Geschichte eines Tätervolkes rächt: Die Geschichtspolitik des rumänischen Präsidenten Nicușor Dan sorgt für Verstörung.

Rumäniens Geschichtspolitik: Fatale Entlastungslogik

Außer Deutschland war kein anderes Land in Judenmassaker solchen Ausmaßes verstrickt.“ Mit diesem Satz definierte Raul Hilberg in seinem Hauptwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ das Land, in dem ich geboren wurde, als Täterstaat. Rumänien war demnach der einzige Verbündete des Deutschen Reiches, der eigenständig Massentötungen von Juden in einer mit Deutschland vergleichbaren Größenordnung beging. Hilberg bezieht sich vor allem auf die von Rumänien besetzten Gebiete östlich des Pruth. Dort, „im Raum Odessa und Golta“, schreibt er, „töteten die Rumänen (...) etwa 150.000 einheimische Juden“ – der Kreis Golta lag im ehemaligen Gouvernement Transnistrien und befindet sich heute überwiegend im Gebiet der ukrainischen Oblast Mykolajiw. Gemeint sind Mordaktionen, die nicht von deutschen Einsatzgruppen organisiert wurden, sondern von rumänischen Behörden sowie Militär- und Polizeieinheiten. Die rumänischen Behörden deportierten Juden in eigener Regie Rumäniens Sonderweg in den 1941 von der Sowjetunion zurückeroberten Provinzen Bessarabien und Bukowina sowie im rumänischen Besatzungsgebiet Transnistrien verlief parallel zur bürokratisch industriellen Vernichtungspolitik Nazideutschlands. Die rumänischen Behörden verzichteten weitgehend darauf, Juden an die Deutschen zu übergeben, und deportierten sie in eigener Regie. Sie ließen sie auf Todesmärschen und in Durchgangslagern sterben oder ermordeten sie unmittelbar. Deutsche Stellen sollen dieses Vorgehen in Einzelfällen sogar beklagt und bremsend eingegriffen haben. Die Rumänen, so Hilberg, handelten „zu schnell für die deutsche Bürokratie“. In Bessarabien, der Bukowina und angrenzenden Gebieten lebten vor dem Krieg mehr als 300.000 Juden. Bis Mitte 1942 war diese Bevölkerung nahezu vollständig verschwunden. Erschießungen, Deportationen, Lagersterben und Massaker reduzierten sie auf wenige Zehntausend Überlebende. Zusammengenommen mit den Morden in Transnistrien ergibt sich nach Hilberg eine Opferzahl von rund einer Viertel- bis Drittelmillion Juden, für deren Tod der rumänische Staat unter seinem Militärdiktator Marschall Ion Anto­nescu verantwortlich war. Antonescu wurde am 23. August 1944 durch den königlichen Staatsstreich abgesetzt, der den Frontwechsel Rumäniens einleitete und den Weg für die zunehmende sowjetische Kontrolle des Landes öffnete. Nach seiner Rückführung aus sowjetischem Gewahrsam wurde er am 1. Juni 1946 nach einem Urteil des außerordentlichen, an alliierte Kriegsverbrechertribunale angelehnten Bukarester Volksgerichts hingerichtet, unter anderem wegen Kriegsverbrechen und der Verantwortung für das nationale Desaster. Wer von den Verbrechen wissen wollte, musste nur Celan lesen Von dieser deutsch-rumänischen Geschichte hätte auch während der kommunistischen Ära erfahren können, wer wirklich wollte. Paul Celan etwa verklammert damit sein Gedicht „Nähe der Gräber“ (1944). Es beginnt mit den Worten: „Kennt noch das Wasser des südlichen Bug, / Mutter, die Welle, die Wunden dir schlug?“ Und es schließt mit der Anklage: „Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim, / den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?“ Die Biographie dahinter ist eindeutig: Celans Eltern wurden aus Czernowitz in ein Zwangsarbeitslager nach Mychajliwka deportiert. Dort starb der Vater an Typhus, die Mutter wurde erschossen. Das Lager lag im von Rumänien verwalteten Gouvernement Transnistrien, zwischen Dnister und Südlichem Bug. Der geographische Bezug wird zur poetischen Chiffre: Der Südliche Bug steht auch für die Nähe rumänischer Mittäterschaft. Die Volksrepublik Rumänien unter Gheorghe Gheorghiu-Dej und später die Sozialistische Republik Rumänien unter Nicolae Ceaușescu lehnten eine systematische Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit ab und formten historische Erzählungen gezielt um. In Schulbüchern wurden die von Corneliu Zelea Codreanu gegründete Legionärsbewegung, die radikal-nationalistische und faschistische Politik an orthodox-religiösen Mystizismus knüpfte, sowie die staatlich organisierte Gewalt gegen Juden und Roma nicht als eigenständige Verbrechen behandelt, sondern in den Klassenkampf eingeordnet. Der Abschlussbericht der Internationalen Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien, der sogenannten Elie-Wiesel-Kommission (2004), verweist etwa auf das von Mihail Roller verfasste Schulbuch „Geschichte Rumäniens“ für die achte Klasse (1947): „Obwohl das Lehrbuch die Existenz der Lager in Transnistrien nicht verschweigt, wird die ethnische Identität der inhaftierten Juden und Roma nirgends genannt. Den Schülern bleibt nur der Schluss, dass die ‚organisierte‘ Deportation und die Morde in den Lagern sich gegen die politischen Gegner des Regimes, vor allem Kommunisten, richteten.“ Damit deutet die antifaschistische Geschichtsschreibung die Opfer von rassisch zu politisch Verfolgten um und verharmlost den Holocaust. Die Auslassung der Opferidentität folgte politischen Vorgaben. Der Faschismus wurde als Werkzeug des „monopolistischen Kapitals“ definiert und nicht als einheimisches, tief verwurzeltes politisches Phänomen verstanden. So ließen sich rassisch motivierte Diskriminierung, Deportation und Mord zu Gewalt gegen „volksfeindliche Kräfte“ verallgemeinern. Der anti­faschistische Gründungsmythos Rumäniens überlagerte alles Unter Ceaușescu verfestigte sich diese Erinnerungspolitik, indem sich der anti­faschistische Gründungsmythos mit einem nationalkommunistischen Geschichtsbild verband. Nationale Größe und staatliche Kontinuität rückten in den Vordergrund, während die eigene Verantwortung für antisemitische und antiziganistische Verbrechen systematisch ausgeblendet wurde. Die Holocaustforschung spricht hier von einer „Grammatik der Entlastung“ (Jeffrey K. Olick und Daniel Levy), die Schuld externalisiert und relativiert – ein Konzept, das die Wiesel-Kommission auch auf Rumänien anwandte. Diese Entlastungslogik wirkte bis in die postkommunistische Zeit fort. Schulbücher stellten die Rolle der Eisernen Garde und des Antonescu-Regimes verkürzt dar, der Holocaust blieb marginalisiert. In einem Geschichtsbuch von 1998 etwa wird der Pogrom von Iași mit mehr als 13.000 Opfern als Ausnahmefall behandelt, wobei die Verantwortung staatlicher Stellen vage bleibt. Erst auf der Grundlage des Berichts der Wiesel-Kommission von 2004 erkannte Rumänien seine Beteiligung am Holocaust offiziell an. Doch der Bericht kam spät und setzte sich gegen jahrzehntelang tradierte Entlastungserzählungen nur begrenzt durch. Diese Leerstelle wirkt politisch fort. Die Popularität Călin Georgescus etwa, der im ersten, später annullierten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2024 die relative Mehrheit errang, speist sich aus einem Milieu, in dem historische Verklärung anschlussfähig geblieben ist. Georgescu bedient nationalistisch mystische und verschwörungsideologische Narrative und wird von der rechtsextremen AUR unterstützt. Wenn er in einem Interview hervorhebt, dass Codreanu und Antonescu „auch gute Taten“ begangen hätten, und sie zu Märtyrern erklärt, schlägt unaufgearbeitete Geschichte in politische Gegenwart um. An diese Traditionslinie schließt sich die jüngste Enttäuschung über Präsident Nicușor Dan an. Sie entzündet sich am sogenannten Vexler-Gesetz, einem Entwurf des rumänisch jüdischen Parlamentariers Silviu Vexler zur Verschärfung der Strafbarkeit antisemitischer, faschistischer, legionärer und rassistischer Propaganda. Dan verweigerte zunächst seine Zustimmung und verlangte eine weitere begriffliche Klärung des Faschismus – ein Schritt, der auch international Irritation auslöste. Besonders scharf fällt die Kritik des ehemaligen Vorsitzenden der „Präsidialkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien“, Vladimir Tismăneanu, aus. Er wirft dem Präsidenten mangelnde Empathie vor. Befremdlich sei, dass diese Zurückhaltung von einem Staatsoberhaupt komme, das zu einer Zeit in Paris promoviert habe, als der französische Präsident Jacques Chirac Frankreichs Beteiligung am Holocaust anerkannte und um Entschuldigung bat – im Jahr 1995. Faschisten waren Faschisten Der eigentliche Bruchpunkt ist für Tismăneanu jedoch eine symbolische Geste: Präsident Nicușor Dans Auszeichnung eines hundertsiebenjährigen Kriegsveteranen am rumänischen Nationalfeiertag 2025. Der Geehrte hatte an militärischen Operationen in Räumen rumänischer Beteiligung an Deportationen und Massenmorden teilgenommen. Tismăneanu nennt diese Ehrung „in höchstem Maße verstörend“. Dabei zeichnet er Dan als „milden, leisen, im Westen ausgebildeten Mathematiker“, als EU-Bewunderer und Atlantiker. Gerade deshalb wiege dessen „prekäre historische Bildung“ schwer. Dans Neigung, antikommunistische Partisanen aus der Region Făgăraș, wo er geboren wurde, romantisierend zu betrachten, erschwere eine klare Abgrenzung gegenüber faschistischen Kontinuitäten. „Faschisten waren Faschisten“, hält Tismăneanu fest. Auf einer „fiktionalisierten Geschichtsdeutung“ lasse sich keine demokratische politische Kultur errichten. Die Auseinandersetzung um das Vexler- Gesetz zeigt schließlich, wie brüchig der Konsens über die Bewertung der faschistischen Vergangenheit geblieben ist und wie rasch sich alte Entlastungsnarrative politisch reaktivieren lassen. Der rumänische Nationalfeiertag am 1. Dezember erinnert an das Jahr 1918, als an diesem Datum in Alba Iulia, meiner Geburtsstadt, der Anschluss Transsilvaniens an Rumänien proklamiert wurde. Die Stadt beherbergt den ältesten bekannten jüdischen Friedhof Transsilvaniens. Wer ihn besucht, stößt auf die Mazewa der Familie Marcovici. Ich übersetze: „Hier wurde Seife begraben, die Nazibestien aus den Körpern jüdischer Märtyrer herstellten und mit der Inschrift RIF (Reines Jüdisches Fett) versahen während des Holocaust“, heißt es dort. Das Kürzel RIF stand ursprünglich für „Reichsstelle für indus­trielle Fette“ und verweist in seiner Umdeutung auf das vom NS-Mediziner Rudolf Spanner entwickelte Verfahren der Seifenherstellung aus den Leichen von KZ-Häftlingen im KZ Stutthof. Möge Präsident Nicușor Dan diesen Friedhof besuchen, wenn er im nächsten Jahr den rumänischen Nationalfeiertag in Alba Iulia begeht.