Dracula ist kein Rumäne. Der Fürst der Finsternis ist eine britische Erfindung, geboren aus dem unternehmungslustigen Geist des angelsächsischen 19. Jahrhunderts, das dem Horror nachspürte und den Balkan, der allmählich aus der osmanischen Oberhoheit ausschied, als primitiven Abenteuerspielplatz wahrnahm. Da macht es dann auch kaum etwas aus, dass der Ire Bram Stoker seinen 1897 veröffentlichten Schauerroman „Dracula“ in Transsylvanien spielen lässt, also dem damals österreichisch-ungarischen Siebenbürgen, dessen Eisenbahnfahrpläne er mit Hilfe des Baedekers für die Doppelmonarchie genau nachzeichnete. Dabei herrschten Vlad Dracul, der Drache, und sein Sohn Vlad Drachensohn, genannt der Pfähler, von denen Stoker den Namen seines Blutsaugers klaute, im Spätmittelalter in einem ganz anderen Donaufürstentum, dem der Walachei, jenseits der Karpatenberge entlang der Donau gelegen. Damit ist man dann auch schon mittendrin in der verwickelten Geschichte Rumäniens, das 2028 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist und auf deutsche Leser trifft, die von kaum einer Gastlandkenntnis angekränkelt sind. Lauter Nobelpreise Aber bis sich das Land, das dann vielleicht schon den Euro eingeführt hat, Lesern aus aller Welt präsentiert, um sein internationales Buchmarktglück zu machen, ist ja noch Zeit, Kenntnisse aufzufrischen, in Erinnerungen zu kramen und mit Freunden zu sprechen, die sich auskennen. Vielleicht haben sie Mircea Cărtărescu gelesen, den 1956 in Bukarest geborenen Verfasser der „Orbitor“-Trilogie, der seit Jahren zu den Nobelpreiskandidaten gerechnet wird, oder Gabriela Adameșteanu, 1942 in Târgu Ocna zur Welt gekommen, deren Roman „Verlorener Morgen“ 2019 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Oder Autoren wie Mircea Eliade, den Dadaisten Tristan Tzara und Eugène Ionesco, den Klassiker des absurden Theaters, die beide vom hierzulande kaum bekannten Urmuz lernten, der sich 1923 in einem Bukarester Park durch einen Schuss in die Schläfe das Leben nahm. Sein 130 Seiten umfassendes Gesamtwerk kam 1983 auf Deutsch heraus, übersetzt vom Büchnerpreisträger Oskar Pastior, der wie Nobelpreisträgerin Herta Müller in Rumänien aufwuchs. Aber da ist noch viel mehr, von der rumänischen Königin aus Deutschland, die unter dem Künstlernamen Carmen Sylva dichtete, über Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger aus der Bukowina bis zu Entdeckungen der Gegenwart. 2028 erfährt man mehr.
