FAZ 30.05.2026
12:46 Uhr

RuhrfestSpiele Recklinghausen: Vor den Vätern tanzen die Söhne


Ein Reinfall im ewigen Eis und eine grandiose Vater-Sohn-Geschichte bei den Ruhrfestspielen: „Israel & Mohamed“ und Jan-Christoph Gockels Antarktisprojekt „Polaris“ als Uraufführungen in Recklinghausen.

RuhrfestSpiele Recklinghausen: Vor den Vätern tanzen die Söhne

Israel Galván scheint kein Mann des Wortes zu sein. Er spricht wenig an diesem Abend, aber er erzählt viel. Er redet mit den Füßen, die in seltsamen Schuhen stecken, aus weißem Leder, mit einem Riemchen und Absätzen, die den Bühnenboden erzittern lassen. Er redet mit den Händen, dem ganzen Körper und einem Gesicht, das alles ausdrücken kann, ohne ein einziges Wort zu sagen. Dieses Gesicht erzählt von Stolz und Würde, von Kränkungen und Wunden, von Verzweiflung, Wut und Hochmut, und der Körper buchstabiert jedes Wort nach, denn Israel Galván ist Tänzer. Er lässt sich seine Gefühle auf dem Körper zergehen. „Israel & Mohamed“ ist eine jener Produktionen, für die man die Ruhrfestspiele lieben muss.  Man sieht etwas völlig Unerwartetes, unvergleichlich in seiner Art, anregend, virtuos, berührend. Dabei hält der Aufwand sich in Grenzen: ein sparsames Bühnenbild, zwei großartige Künstler und eine geniale Idee, das ist schon alles. Was den spanischen Flamenco-Tänzer Israel Galván und den Theatermacher Mohamed El Khatib, einen promovierten Soziologen mit marokkanischen Wurzeln verbindet, ist die Ablehnung, die sie von ihren Vätern erfahren haben. In den Augen der Welt sind sie erfolgreich, in den Augen ihrer Väter sind sie Versager. Im letzten Jahr hat Mohamed El Khatib bei den Ruhrfestspielen in „Das geheime Leben der Alten“ eine Handvoll Senioren aus ihrem Liebesleben berichten lassen, jetzt macht er die eigene Biographie und die von Israel Galván zum Thema eines Theaterabends, der im Kleinen Haus der Ruhrfestspiele als deutsche Erstaufführung gezeigt wird. Während El Khatib, Jahrgang 1980, wortreich von den Konflikten mit ihren beiden Vätern erzählt und dabei vieles kurzerhand vom Blatt abliest, im Fußballdress, weil er beinahe Profi geworden wäre, trägt der 1973 in Sevilla geborene Galván transparente schwarze Kniestrümpfe zur hellblauen Djellaba und beschränkt sich weitgehend wortlos darauf, seine Kunst sprechen zu lassen. Galván, der als Flamencotänzer Weltruhm genießt, hat einen Tanzstil entwickelt, der mit allen Traditionen des Flamenco bricht, der seine Kraft und Inspiration aus dem Widerstand gegen die Regeln bezieht. Die zahlreichen Medaillen, die er als junger Mann bei konventionellen Wettbewerben gewonnen hat, hängt er sich allesamt um den Hals, als wären sie die Ketten, in die er gelegt wurde und die ihn nicht halten konnten. „Spoilern ist lebensgefährlich“ In den Augen ihrer Väter, die in Videoeinspielungen ausführlich zu Wort kommen, haben beide ihr Talent vergeudet: Wieso geht man zum Theater und verpflichtet sich einer Hungerleiderprofession, wenn man als Arbeitersohn eine akademische Ausbildung genossen hat? Wieso wendet man sich gegen den klassischen Flamenco, wie ihn schon der Vater getanzt hat, wenn man einen Preis nach dem anderen gewinnt? Wieso ist man, neben all dem anderen, auch noch homosexuell? Man spürt die Liebe zwischen Vater und Sohn, aber diese Liebe ist klein geworden und schwach, verschüttet unter der Enttäuschung, der Ablehnung, dem Unverständnis. Die Familie ist nur ein winzig kleiner Teil der Welt, aber wer von ihr zum Außenseiter und Abweichler gestempelt wurde, spürt diesen Makel sein Leben lang. In der Antarktis ist jeder ein Außenseiter, ein Eindringling, ein Sonderling. Der Mensch hat hier nichts zu suchen, aber viel zu verlieren, nämlich seinen Verstand und sein Leben. Dem Regisseur Jan-Christoph Gockel muss die Antarktis als perfekte Projektionsfläche erschienen sein: eine schneeweiße leere Bühne, so groß wie ein Kontinent. Toll, da geht was! Sein Projekt mit dem Titel „Polaris“, das als Uraufführung in Recklinghausen gezeigt wurde, bevor es ans Deutsche Theater Berlin und ans Theatre National du Luxembourg weiterwandert, ist ein aufwendiges, um nicht zu sagen hybrides Unternehmen: Anfang des Jahres reiste der Regisseur zusammen mit den Schauspielern Julia Gräfner und Wolfram Koch und dem Dokumentarfilmer Lion Bischof für vier Wochen in die Antarktis, um auf der deutschen Forschungsstation Neumayer Recherchen zu betreiben. Der Anlass war ein skurriles Ereignis, das 2018 für Schlagzeilen gesorgt hatte: Auf einer russischen Forschungsstation in der Antarktis war ein Techniker namens Sergeij mit einem Messer auf seinen Kollegen Oleg losgegangen und hatte ihn lebensgefährlich verletzt. Sergeij, so der Befund russischer Ermittler, griff zum Messer, weil Oleg ihm immer wieder das Ende der Romane verraten hatte, die der Techniker gerade las. „Spoilern ist lebensgefährlich“, ruft Julia Gräfner als Oleg ins Publikum, nachdem sie eine Zuschauerin gefragt hatte, ob sie das Ende der Geschichte verraten könne. Es geht ganz schrecklich lustig zu in Jan-Christoph Gockels Vision vom ewigen Eis. Der Wahnsinn, der allmählich Besitz von Wolfram Kochs Sergeij ergreift, ist ein Witz, und der Messerstich am Ende nur eine Pointe. Vier Wochen Recherche, mehr als vierzig Stunden Videomaterial, von dem immer wieder Teile riesengroß auf die Bühne projiziert werden, die durchaus interessanten Gespräche mit deutschen und britischen Forschern, die Aufnahmen von Koch und Gräfner in der Station und auf Ausflügen in die eisige Umgebung: Alles verläppert nach und nach, woran  auch Anton Bermans suggestive Live-Musik nichts ändern kann. Die zahlreichen Anspielungen, von Stanislaw Lems Klassiker „Solaris“ über Melvilles „Moby Dick“ und Werner Herzogs Film „Begegnungen am Ende der Welt“, führen zu wenig oder nichts. Am Ende stehen Julia Gräfner und Wolfram Koch in Smokings wie Kaiserpinguine an der Rampe und stechen matt und müde abwechselnd aufeinander ein, während Bühnenarbeiter abräumen, was abzuräumen ist. Goethe war nie in der Antarktis, aber er wusste, was Gockel und seine Mitstreiter erst noch lernen mussten: Auch gefrorener Quark wird breit, nicht stark.