FAZ 07.01.2026
13:39 Uhr

Rückkehr der Apokalypse-Angst: Wir kommen nicht davon


Während die einen noch komplex denken wollen, sehen die anderen das Ende von allem kommen: Ist unser Denken auf den weltgeschichtlichen Moment, den wir gerade erleben, gut genug vorbereitet?

Rückkehr der Apokalypse-Angst: Wir kommen nicht davon

Es gibt ein Theaterstück von Thornton Wilder, das trägt im Deutschen den unverdrossenen Titel: „Wir sind noch einmal davongekommen.“ Von März an wird es am Wiener Burgtheater gespielt. Es handelt von einer Familie, die immer neue Katastrophen erlebt, sie überlebt und danach einfach genauso weitermacht wie zuvor. Eiszeiten, Fluten, Kriege – von nichts lassen sie sich unterkriegen. Wir sind noch einmal davongekommen – ist das nicht eine ganz gute Beschreibung unseres Lebensgefühls bis gestern? Hier in Deutschland, hier in Europa? Die Kriege, die Revolutionen, die passieren anderswo. Die Erschütterungen beschränken sich in unserer ­Hemisphäre auf den Wahlerfolg von Rechtspopulisten, auf eine verschärfte Migrationspolitik und auf vereinzelte Terroranschläge. Naturkatastrophen, ja, die kennen auch wir, aber so richtig gefährdet sind doch auch da die anderen. Die auf der anderen Seite der Welt. Wenn wir ehrlich sind, war das vorherrschende Gefühl bis eben: Wir kommen da durch. Ein bisschen Wirtschaftskrise hier, ein bisschen Rechtsstaats-Wackeln da, ein Krieg in Osteuropa, aber am Ende wird es schon gut gehen. Wird es Frieden in der Ukraine geben, und dann kehren wir zurück zu den alten Routinen. Das Manna der regelbasierten Ordnung Dieses Denken hat mit Denkern zu tun, die uns Sicherheit gaben: Mit Soziologen wie Arnold Gehlen und Helmut Schelsky, die uns versprachen, die Institutionen seien stärker als ihre ärgsten Verächter. Sie integrieren sozial, was sich ihnen politisch widersetzt. Daran wollen wir bis heute glauben: dass unsere Institutionen im schlimmsten Falle Versuche der „Aushöhlung“ über sich ergehen lassen müssen, aber danach wieder mit dem gefüllt werden, was vorher da war: dem Manna der regelbasierten Ordnung. Dieses Denken prägt unser Bewusstsein. Es prägt auch den Wortlaut eines Briefes, den die europäischen Staatschefs ihrer verzweifelten dänischen Kollegin jetzt unters Kopfkissen gelegt haben. Er wirkt wie ein Wunschzettel, auf dem in schön geschwungener Handschrift steht: „Lass uns noch einmal davonkommen.“ Es ist ein bemerkenswertes Dokument, weil es versucht, den Aggressor als Alliierten anzusprechen und in die eigenen Reihen zurückzuziehen. Auf fast schon impertinente Weise werden die USA mehrmals daran erinnert, dass sie ein NATO-Alliierter seien, der in diesem Bündnis die universalen Werte der territorialen Integrität und der Unverletzlichkeit von Grenzen verteidigen müsse. Gegen sich selbst also, so muss man sagen, denn der Alliierte ist in diesem Fall eben der Aggressor, der in den „nächsten zwanzig Tagen“ darüber entscheiden will, in welcher Form er sich Grönland einverleibt. Ein Aggressor, den die europäischen Spitzenpolitiker von Merz bis Meloni daran erinnern müssen, dass Grönland selbst Teil des Bündnisses ist, das sie gegen Übergriffe zu verteidigen geschworen haben. Komplex ist alles, aber auch schnell nichts Ein markanter weltgeschichtlicher Moment, auf den unser Denken nicht recht vorbereitet scheint. Jedenfalls zeugt die inflationäre Verwendung des Verlegenheitsadjektivs „komplex“ davon, dass uns die Begriffe fehlen, um die gegenwärtigen Zusammenhänge sinnhaft zu beschreiben. Komplex ist alles, aber alles kann eben immer auch schnell nichts sein. Ganz in dem Sinne, wie die dänische Ministerpräsidentin die neue Weltlage jetzt für sich gefasst hat. In einem Interview mit dem dänischen Sender TV2 ließ sie sich zu dem eindrucksvollen Satz hinreißen: Sollten sich die USA zu einer solchen Attacke entscheiden, dann sei „alles vorbei“. Im dänischen Original lautet der Satz: „Hvis USA vælger at angribe et andet NATO-land, så hører alting op.“ Så hører alting op – wörtlich übersetzt: „dann hört alles auf“. Es ist bemerkenswert, dass eine Politikerin hier die engen Bahnen der politischen Funktionsrhetorik verlässt und ins Ungefähre einer metaphysischen Redeweise eintritt. Einer Vorstellungswelt, die uns das Ende von allem – man will hinzufügen „allem Gewohnten“ – vor Augen führt und nicht versucht, das potentiell Umstürzende der Vorgänge psychologisch abzufedern. Es ist jene Urangst vor der Apokalypse, die Menschen immer schon geschreckt, aber auch diszipliniert hat, die jetzt wieder an Macht über das europäische Bewusstsein zu gewinnen scheint. Der Wunschzettel der Spitzenpolitiker ist noch im konventionellen Gegenwartston einer „komplexen“ Weltanschauung gehalten. Aus dem Ausruf der dänischen Ministerpräsidentin hingegen klingen schon die Töne einer anderen Zeit herüber. Was besser beschrieben haben wird, was uns morgen geschieht? Wir werden vor der Antwort nicht davonkommen.