Wir sind acht, wir sind zwölf, wir sind sechzehn Jahre alt und noch sind wir leicht und klein, ohne verzichten zu müssen. Es ist 1976, 1980, 2016, die Zeit immer Vier, unser Alter Olympiajahre. Von der Schule in die Halle, auf die Waage, in die Wettkämpfe an den Wochenenden. Wir sind ein Mädchen, das umgezogen in der Halle steht, umhergezogen durch das Training läuft, umerzogen in den Wettkampf springt. Amik, Protagonistin des Romans „Die Routinen“ von Son Lewandowski, ist dieses Wir, ebenso wie Izzy, Teamkollegin und auch Konkurrentin. Diese Vornamen und auch der Ort Antalya, an dem sich die Erzählung aufspannt, sind der realen Sportwelt entnommen: Amik hieß das Maskottchen der Olympischen Spiele 1976, Izzy jenes von 1996, die Europameisterschaft 2023 fand tatsächlich im türkischen Antalya statt. Das System hinter dem Einzelfall Hier muss die 32 Jahre alte Turnerin Amik, die es nicht ins Team geschafft hat, mitansehen, wie ihre halb so alte Zimmergenossin sich bei einem Sturz schwer verletzt. Am Krankenhausbett wachend erzählt Amik sich, der bewusstlosen Kameradin und uns die Geschichte ihres Turnerinnen-Lebens. Aber es ist nicht allein Amiks Geschichte, es ist auch jene von Nadia Comaneci und Kerri Strug, von Ariella Kaeslin und Simone Biles. In dokumentarisch-essayistischen Einschüben flicht die Autorin deren historisch verbriefte Erfahrungen von Gewalt im Frauenturnen ein. Dies sei ihr „total wichtig“, so Lewandowski im Gespräch, um aus „der Einzelfallerzählung“ herauszukommen, um „zu zeigen, dass das System hat und historisch gewachsen ist“. Mit einer Begabung aufwachsen, die man halten muss wie ein Versprechen. (…) An der Zuneigung kaputt gehen, die uns erst überfällt und dann achtlos liegen lässt. (…) Eine Pubertät verdrängen wie einen schlechten Traum. (…) Kein Ort hält uns so fest wie diese Halle hier. Dort ist die Tür, eine Schwelle, die sich endlos zieht. Son Lewandowski formuliert ganz wunderbare, kurze Sätze. Wenige Worte nur, die einen Raum für Vorstellungen darüber öffnen, wie es im Inneren dieses hermetischen Systems Kinderhochleistungssport aussieht. Wenige Worte, die – kennt man die Leidensgeschichten von Turnerinnen aus der eigenen journalistischen Arbeit – so verblüffend treffen, dass man geneigt ist, Namen von Turnerinnen, zum Beispiel Betroffene aus dem aktuellen Fall massiven Machtmissbrauchs am Stuttgarter Bundesstützpunkt, am Rand der Buchseite zu notieren. Die Waage, das Hungern, allgegenwärtige Essstörungen Wiederkehrendes Thema ist die Waage, das Hungern, die auf das Gewicht abzielenden Beleidigungen von Trainer Wolf, allgegenwärtige Essstörungen. All das ist Teil eingespielter und unhinterfragter Routinen. Routines, der englische Begriff für die Wettkampfübung. Sie lächele nicht, „because she is always thinking about her routines“, so hatte Trainer Béla Károlyi 1976 für die 14-jährige Comaneci auf die Frage eines Journalisten geantwortet. Nach ihrer Flucht aus Rumänien hatten die Károlyis auf ihrer Trainingsranch in Texas eine dystopisch anmutende Welt erschaffen, die sich in den essayistischen Parts durch den Roman zieht. Hier wurden Olympiasiegerinnen produziert, hier missbrauchte Teamarzt Larry Nassar über Jahrzehnte Mädchen. Sie selbst habe noch etwas „muscle memory“ aus eigener Turnerfahrung auf niedrigem Niveau, erzählt Son Lewandowski, das Interesse sei dann mit dem Nassar-Skandal, der 2016 öffentlich wurde, neu geweckt worden. Sie, die in Köln auch als Kuratorin arbeitet, kann dem sportlichen Wettbewerb durchaus auch etwas abgewinnen. Nirgends sonst in der Gesellschaft seien Konkurrenz, Vergleich und Wettbewerb „so fair wie im Sport“ geregelt, schließlich gibt es für die Rangfolge klare Kriterien. In die Materie ihres literarischen Debüts hat sich Lewandowski tief eingearbeitet, von Dokumentation über Autobiographien von Turnerinnen bis hin zu soziologischen Untersuchungen zu Grooming-Praktiken im Sport. Entsprechend klar ihre Antwort auf die Frage, warum das Turnen nicht positiver dargestellt würde: „Das ist nicht die Geschichte, die ich im Material gelesen habe.“ Und schon jetzt denken wir: Selbst schuld, wenn wir stürzen. Selbst schuld, denn wir hätten diese Muskelgruppe besser trainieren, diese Bewegung im Training öfter wiederholen, diese Abfolge im Kopf öfter durchspielen können. Selbst schuld, springt uns in die vertanen Abläufe, und wir schwitzen noch ein wenig mehr in unserer Selbstbeherrschung (…) Denn das größte Kompliment von allen ist das Staunen über den Schmerz, den wir aushalten. Wir halten ihn in der ständigen Erwartung aus, dass er sich noch auszahlt, dass er uns noch auszahlt. Wann wird aus Trainingspraktiken Gewalt? Die „Routinen“ verbleiben über rund 250 Seiten in der Welt von Amik und Izzy, der Welt des Frauenturnens mit seinen eigenen Gesetzen und sind gleichwohl eine Allegorie auf die Leistungsgesellschaft und deren Erzählungen. Dazu gehört, dass man schrecklich und ausdauernd leiden muss, um richtig gut zu werden. Und auch, dass man am Ende sagt oder glaubt, sagen zu müssen, all die Mühen und Opfer hätten sich gelohnt. Doch Romanfigur Izzy, das große, junge Bewegungstalent verletzt sich trotz all des Trainings und des literweise zum Dünnbleiben getrunkenen Zitronenwassers. In der Karriere von Amik gibt es immerhin einen guten Moment. Bei der EM 2011 in Berlin – auch dieses Romanereignis hat wirklich stattgefunden – im Balkenfinale. Für die kurze Zeit ihrer Darbietung fügt sich alles. Ebenso entrückt wie entschlossen geht Amik ganz in ihrer Konzentration auf – und gewinnt. Nur einen Moment später wird der Geruch des Mannes, der sie als Maskottchen verkleidet fest umarmt hält, so unerträglich, dass Amik sich in sein Kostüm hinein übergeben muss. Wann wird aus Trainingspraktiken Gewalt? Wann sind eingeübte Verhaltensweisen Mädchen und Frauen gegenüber übergriffig? Und vor allem: Wer hat die Macht über das Narrativ? Am Ende des Romans schimmert dann ein wenig Hoffnung – in Form eines Kettenkarussells in der Türkei und eines Gerichtssaals in den USA.
