Er spielte schon lange nicht mehr die Hauptrollen, damals, als ich ihn sah, 2010 bei den Salzburger Festspielen: ich war Hospitant, und er war im Chor. Als einer von zwölf Männern, die Peter Stein in Erinnerung an seine legendäre „Orestie“-Inszenierung an der Berliner Schaubühne als vielgestaltige Einheit auftreten ließ und noch einmal mit großer, leidenschaftlicher Ausdauer zum präzisen gemeinsamen Sprechen animierte. „Ihr seid die eigentliche Hauptfigur“, flüsterte Stein, wenn sein berühmter Hauptdarsteller gerade nicht in der Nähe war. Und die Männer, die allesamt Mitglieder des Berliner Ensembles waren, murmelten zustimmend. Und einer murmelte ganz besonders ausdrucksstark, und das war eben Roman Kaminski. Er, der zu DDR-Zeiten am Deutschen Theater in Berlin die großen Rollen gespielt hatte, den Ferdinand in Shakespeares „Sturm“ etwa oder den Lysander im „Sommernachtstraum“, der sich zusammen mit Regisseuren wie Alexander Lang, Friedo Solter und Thomas Langhoff an jene Praxis der künstlerischen Durch-die-Blume-Kritik gewöhnt hatte, er stand nun auf der Bühne in Salzburg und ließ sich vom westdeutschen Epochen-Regisseur führen und leiten. Das fiel dem jungen Hospitanten, der ansonsten damit beauftragt war, das Regiebuch zu führen und altgriechische Vokabeln nachzuschlagen, sofort auf: mit welcher Intensität hier ein Schauspieler Anweisungen folgte und Ideen umsetzte. Wie er mit handwerklichem Stolz seine Stimme einsetzte und stets aufs Neue andere Betonungen vorschlug. Es ging nicht darum, psychologische Tiefen einer Figur auszuleuchten, große Ansagen zu Haltung und Standpunkt zu machen, sondern darum, einen aufregenden, vielstimmigen Klangkörper zu schaffen. Ein aussterbender Darstellertypus Und Kaminski, dieser ursprünglich zum Schriftsetzer ausgebildete Schauspieler, verstand es auf eindrucksvolle Weise, die Rolle des Choristen mit seinem Ausdruckskönnen zu adeln. Da er, der in vielfacher Hinsicht Erfahrene, das Spiel auch in seiner so gerahmten Weise ernst nahm, folgten auch die weniger disziplinierten und im Geheimen auf alle Einzeldarsteller eifersüchtigen jungen Schauspieler seinem Vorbild. Es war nicht einfach Disziplin, die Kaminski während jener Probenzeit im regnerischen Salzburger Frühsommer 2010 ausstrahlte, es war die Gelassenheit eines von der Geschichte geprüften und auf Wandlung hin orientierten Schauspielers. Er, der die DDR noch kurz vor dem Mauerfall verließ und bei Claus Peymann anheuerte – erst in Wien, dann in Berlin –, war der Inbegriff jenes nun langsam aussterbenden Darstellertypus aus dem Osten, dessen Spiel den eigenen Bildungsweg nie verheimlichte, sondern im Gegenteil selbstbewusst herausstellte: Schauspiel als Handwerk, nicht als Geniestreich. Gerade im Gegensatz zum berühmten Hauptdarsteller damals, zu Klaus Maria Brandauer, dessen Anziehung in der disziplinlosen Manie, dem wunderkindlichen Effekt, beruhte, wirkte Kaminski damals wie ein Fels in der performativen Brandung. Die Möglichkeiten seines Spiels waren bei ihm immer Ausdruck seines Könnens. Mit Roman Kaminski, der nun gestorben ist, geht auch ein Stück Ethos des deutschen Theaters von der Bühne: Ein Ethos, das aus dem Osten kam und sich im Westen behauptete. Trotz allem und vor allem für uns.
