FAZ 21.01.2026
06:47 Uhr

Rohstoffe Auf Grönland: Die Schatzinsel


Grönland ist aufgrund seiner Ressourcen zum Spielball der Weltpolitik geworden. Nicht zum ersten Mal. Es hat zwar vieles zu bieten, es lässt aber einiges auch vermissen.

Rohstoffe Auf Grönland: Die Schatzinsel

Warum Schatzinsel? Weil Grönland viele wirtschaftlich wichtige Bodenschätze hat und eine Insel ist – und zwar die größte der Welt. Sie ist mit 2,16 Millionen Quadratkilometern größer als Deutschland, Polen, Frankreich, Spanien und Italien zusammen. Vier Fünftel ihrer Fläche liegt unter bis zu 3000 Meter dicken Schnee- und Eisdecken. Die eisfreien Flächen erstrecken sich entlang der zerklüfteten Küste. Sie sind mit 410.000 Quadratkilometern zwar immer noch größer als Deutschland, aber nur sehr dünn besiedelt. Wie dünn? Grönland zählt gerade einmal 56.700 Bürger, etwas weniger als die Ostseeinsel Rügen. Die Hauptstadt Nuuk hat 20.000 Einwohner, die übrigen leben in etwa 20 kleineren Städten und 60 größeren Siedlungen. Es gibt insgesamt kaum hundert Kilometer Straße, 16 kleinere Häfen, zwei Dutzend Flug- und 46 Hubschrauberlandeplätze. Aber es existieren keine Autobahn, Fernverkehrs- oder Schienenwege. Und die Wirtschaft? Die jährliche Wirtschaftsleistung der Insel beträgt umgerechnet 3,2 Milliarden Dollar. Mit einem BIP je Einwohner von rund 58.000 Dollar liegt Grönland über dem EU-Durchschnitt, aber unter den Durchschnitt des US-Bundesstaats Alaskas. Der kommt auf 92.000 Dollar. Der wichtigste Industriezweig Grönlands ist die Fischerei. Sie macht 90 Prozent des Exports aus. Eine der wichtigsten Einnahmen des Landes sind die Beihilfen der einstigen Kolonialmacht Dänemark. Sie umfassen umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro je Jahr. Und der Bergbau? Der Bergbau spielt für Grönland bislang keine große Rolle. Das Land hat zwar viele Bodenschätze, doch die werden kaum abgebaut. Derzeit arbeiten nur zwei Minen. Zwei weitere werden entwickelt. Darüber hinaus gibt es zwar zahlreiche Test- und Probebohrungen. Seit zehn Jahren gibt es sprunghafte Anstiege der Explorationsgenehmigungen. Bis solche Projekte zu einer Förderung führen, vergehen aber Jahre oder Jahrzehnte. Große Investoren stehen auf der Bremse. Warum die Zurückhaltung? Das hat mehrere Gründe. Erstens: die inselweit unterentwickelte Infrastruktur, die für Firmen massive Transportprobleme nach sich zieht. Zweitens: die dünne Besiedlung, die einen Mangel an Fachkräften mit sich bringt. Drittens: die schwierigen klimatischen und geologischen Verhältnisse. Und viertens: die großflächige Ausweisung von Schutzgebieten und strenge Umweltgesetze. Darüber hinaus hat die Insel eine bewegte Geschichte. War sie doch anderthalb Jahrhunderte lang ein Spielball der einstigen Kolonialmacht Dänemark. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts schlug sie dann jene Wege ein, die zum heutigen Status eines autonomen Teils des Königreichs Dänemark führten. Das heißt? Die Insel hat eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament. Die gebieten seit 2009 vollständig über die Gesetzgebung und Verwaltung der eigenen Bodenschätze. So können etwa Ausländer nicht ohne weiteres Land erwerben. Auch ist Grönland trotz seiner Verbindung zu Dänemark kein Mitglied der EU. Um Teile der Insel gerieten vor hundert Jahren Dänemark und Norwegen aneinander. Kurz darauf machte sich auch Nazideutschland daran, nach Grönland zu greifen. Die USA verhinderte das, sie hatte eigene Begehrlichkeiten. Grönland hat, was andere brauchen. Die Insel hat auf ihrem Boden nicht nur ein paar der erdgeschichtlich ältesten Gesteine der Welt. Sie hat auch große Mengen vieler industriell wichtiger Rohstoffe. Darüber hinaus liegt Gold im Wert eines zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrags im Boden – und nicht nur das macht Grönland zu einer Schatzinsel. Nämlich? Der bekannteste seiner Rohstoffe ist wohl Kryolith. Das auch Eisstein genannte Mineral wurde schon 1854 auf Grönland erstmals abgebaut. Später sollte es wichtig für die Herstellung von Aluminium und den Flugzeugbau im Zweiten Weltkrieg werden. Daher stand die Mine der halbstaatlichen dänischen Firma Kryolitselskabet Øresund im grönländischen Ivigtût unter dem besonderen Schutz des US-Militärs. So errichtet die Navy dort 1943 einen Stützpunkt. Dabei war Dänemark von den Deutschen besetzt. Zum ersten Jahrestag der Besetzung des Königreichs hatte der dänische Botschafter in Washington, Henrik Kauffmann, im April 1941 quasi im diplomatischen Alleingang die USA als De-facto-Protektor für Grönland gewonnen. Im Namen seines Königs unterzeichnete er eine entsprechende Vereinbarung mit US-Außenminister Cordell Hull. Präsident Roosevelt stimmte zu. Die Grönländer begrüßten das, Politiker im besetzten Kopenhagen protestierten. Die Amerikaner ließen die Ivigtût-Mine mit 600 Soldaten sichern und boten Dänemark nach Kriegsende 100 Millionen Dollar für die Insel an. Kopenhagen sagte Nein. Und das Schicksal der Ivigtût-Mine? Die ist seit 1987 geschlossen. Schon im Krieg hatten die Amerikaner zu erkunden begonnen, was noch alles im Boden Grönlands stecken könnte. Seit dem 18. Jahrhundert hatte man dort Kohle abgebaut, seit Mitte des 19. Jahrhunderts Kupfer und Graphit. 1929 fand man Fluorite, 1931 Platin. Seit 1936 baute man Marmor ab, seit 1938 Blei, Zink und Silber. 1944 stießen die Amerikaner auf substanzielle Vorkommen an Uran. Anders als Norwegen oder Schweden aber etablierte sich auf Grönland nie eine florierende Bergbauindustrie. Was heißt das? Im Lauf der letzten zweieinhalb Jahrhunderte wurden auf der Insel kaum tausend Erkundungs- und Abbaulizenzen an nicht mehr als 250 Unternehmen vergeben. Zum Vergleich: Allein in Nordschweden waren während des sogenannten Eisenerzbooms um das Jahr 1900 rund 500 Konzessionen vergeben worden. Was geschah nach dem Krieg? Nach dem Krieg wurde Grönland genauer erkundet. Dafür wurden private, staatliche und halbstaatliche Einrichtungen wie KØ , AEK/Risø oder die Nordisk Mineselskab A/S des Großreeders Knud Lauritzen eingespannt. Später kamen Nunaoil und Nunaminerals dazu. Das Eis und die zerklüfteten Küsten aber machten den Geologen zu schaffen. Sie brauchten ein halbes Jahrhundert, um ihre Arbeit zu beenden. Heute schätzt man, dass elf Prozent aller Öl- und Gasvorkommen der Arktis in und um Grönland liegen. Die Insel hat eines der weltgrößten Uranvorkommen, zwei der größten Lagerstätten für Seltene-Erden-Metalle (SEM) und 25 der 34 Rohstoffe, welche die EU-Kommission als wichtig für Europas Industrien einstuft. Nämlich? Der Osten Grönlands ist reich vor allem an Kupfer, Molybdän und Wolfram; der Westen hat viel Chrom, Graphit, Blei, Zink und Silber, im Norden liegt Eisenerz, im Süden liegen Uran, Tantal und Seltene-Erden-Metalle. Laut dem amerikanischen Center for Strategic and International Studies sind in Grönland heute zwar insgesamt 147 Lizenzen vergeben, aber nur zwei Minen sind in Betrieb und zwei weitere Minen werden aktiv entwickelt: die SEM-Mine von Kvanefjeld und die SEM-Mine von Tanbreez. Beide sorgen schon für Schlagzeilen. Ja. Weil sie relativ neu und vor allem weil sie sehr groß sind. Kvanefjeld ist seit 2007 erkundet, vorbereitet und entwickelt worden. Hier sollen neun Millionen Tonnen an Seltenen-Erden-Oxiden (SE-Oxiden) schlummern. Für Tanbreez legte die maßgebende Rimbal Pty Ltd . des Geologen Gregory Barnes im vergangenen Jahr eine erste wirtschaftliche Machbarkeitsstudie vor. Demnach wird das Vorkommen auf nicht weniger als 27 Millionen Tonnen SE-Oxiden veranschlagt. Damit könnte Tanbreez einer der größten SE-Abbaustandorte der Welt werden. Zum Vergleich: Das Vorkommen des Weltmarktführers im chinesischen Bayan Obo beträgt 40 Millionen Tonnen. Allerdings gibt es in Grönland diesbezüglich einiges an Schwierigkeiten. Welche Probleme gibt es beim Abbau? Bei Förderung dieser Erze tritt auch Uran zutage. Dafür hatte 2021 die Regierung in Nuuk aus Sicherheits- und Umweltgründen einige Hürden aufgestellt. Das bremste Investoren zwar, stoppte sie aber nicht. Denn für sein weiteres Vorgehen gewann Barnes im Herbst die amerikanische Critical Metal Corp . Er verpflichtete sie auf ein erstes Investment von mindestens zehn Millionen Dollar in Tanbreez und gab ihr im Gegenzug die Option, ihren Projektanteil von 42 auf 92 Prozent zu erhöhen. Gibt es auf Grönland auch Gold? Ja. Nach allem, was bislang bekannt ist, liegen dort bis zu 400 Tonnen Gold im Boden. Auf Teile der Vorkommen waren Wissenschaftler des dänischen Kernforschungszentrums auf der Suche nach Uran schon in den Sechzigerjahren gestoßen. Der Wert der heute bekannten Vorkommen beziffert sich zum derzeitigen Marktpreis auf 60 Milliarden Dollar. Allerdings ist der Abbau kompliziert und teuer. Das größte grönländische Vorkommen ist die sogenannte Skaergaard-Intrusion im Osten der Insel. Nach Angaben des australischen Projektentwicklers Platina Resources Ltd. (PRL) könnte es bis zu 350 Tonnen Gold enthalten. PRL verkaufte das Projekt 2020 an die kanadischen Major Precious Metal Corp, die das Vorhaben weiterentwickelt. Wird Gold auf Grönland abgebaut? Ja, im Süden. Das Gold dort war 1992 bei Testbohrungen durch die nationale Ölgesellschaft Nunaoil entdeckt worden. Die Ader ist 1700 Meter lang und stellenweise bis zu zwei Meter breit. Dafür erhielt 2004 dann die Nalunaq Gold Mine AS das Abbaurecht und nahm ein Bergwerk in Betrieb. Trotz der spärlichen Infrastruktur? Die wurde zum Problem. Der Abbau war zu teuer und zu schwierig. Konnte das geförderte Erz doch nicht vor Ort verarbeitet werden, da es keine Anlagen gab. So wurde es über einen eigens errichteten Hafen nach Spanien und Kanada verschifft. Das aber trieb die Kosten in die Höhe. Sie lagen mit weit mehr als tausend Dollar deutlich über den Erlösen von damals 850 Dollar je Feinunze. Daraufhin wurden die Arbeiten 2008 ausgesetzt. Im Sommer 2009 kaufte Angel Mining PLC die Goldmine samt Lizenzen, Rechten, Maschinen und Hafen. Angel fuhr den Betrieb 2010 hoch, musste ihn 2013 aber wieder einstellen. Die Mine wechselte mehrfach den Eigentümer. 2019 trat Amaroq Minerals auf den Plan, fuhr einen Probebetrieb an und fördert seit 2024 wieder aktiv Gold. Der Abbau lohnt sich nur, weil der Preis für Gold um 150 Prozent auf mehr als 4700 Dollar je Feinunze gestiegen ist. Was steht neben SE-Metallen und Gold noch auf der Agenda? Auf den Weltmärkten ist derzeit alles gesucht, was in Grönland im Boden liegt. Briten, Australier und Kanadier halten seit Jahren zahlreiche Explorationsrechte, ohne sie wirklich zu nutzen. Auch China hält sich nach wie vor zurück. Es verfolgte in Grönland bislang nur ein Bergbauprojekt. Das Unternehmen Jiangxi Zhongrun hatte sich 2011 an den Abbau von Kupfer gemacht, brach das Vorhaben aus Kostengründen aber ab und gab die Lizenz wieder zurück. Andere chinesische Firmen wurden von Grönlands Regierungen begrüßt, aber von Dänemark blockiert, möglicherweise auf Druck Amerikas. So nahm Kopenhagen bis 2018 mehrere chinesische Angebote vom Tisch, die Infrastruktur der weltgrößten Insel zu modernisieren, so die Basis für eine moderne Bergbauindustrie zu legen. Die Voraussetzung für ein prosperierendes Grönland. Denn Wissenschaftler ermittelten, dass das Land 20 aktive Minen mit 60.000 qualifizierten Bergarbeitern bräuchte, um zu prosperieren und wirtschaftlich vollständig unabhängig von der einstigen Kolonialmacht zu werden.