FAZ 28.01.2026
10:03 Uhr

Römer in Frankfurt: Die Göttin im Brunnen


Kostbare Kunst und heiliger Müll: Die antike Stadt Nida birgt viele Überraschungen. Nun steht gut eine Million Euro bereit, um die Grabungsstätte auf Frankfurter Stadtgebiet näher zu erforschen.

Römer in Frankfurt: Die Göttin im Brunnen

Irgendwann im dritten Jahrhundert nach Christus landete Diana im Brunnen. Tief unter ihr lagen schon drei Münzen, außerdem ein kleiner Bronzesockel mit Weihinschrift für einen Soldaten und die sterblichen Überreste einer jungen Frau. Weder Pfeil und Bogen noch ihre Lanze halfen der Göttin der Jagd zu entkommen. Mehr als 17 Jahrhunderte musste ihre etwa 15 Zentimeter hohe Bronzestatuette ausharren, bis Archäologen des Frankfurter Denkmalamts sie 2016 ans Licht holten. Seitdem gehört das fein gearbeitete Kunstwerk zu den wichtigsten Funden aus dem damals entdeckten Kultbezirk der römischen Stadt Nida auf dem Gebiet des heutigen Frankfurter Stadtteils Heddernheim. Von etwa 110 bis ungefähr 280 nach Christus an pulsierte in Nida, damals Hauptort der Verwaltungseinheit Civitas Taunensium innerhalb der römischen Provinz Obergermanien, antikes Leben. Nun kann der heilige Bezirk dieser römischen Stadt ausführlich erforscht werden. Die Mittel dafür, gut eine Million Euro, stellen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Schweizerische Nationalfonds zur Verfügung. Bei der Vorstellung dieses Projekts im Archäologischen Museum bescheinigt Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig (SPD) dem antiken Kultbezirk von Nida eine „europaweit einzigartige“ Stellung. Die Erforschung des sich über gut 4500 Quadratmeter erstreckenden, einst von einer Mauer eingefassten Heiligtums, zu dem elf Steinbauten sowie etwa 80 Erdschächte und Gruben gehörten, nannte Hartwig in mehrfacher Hinsicht bedeutend: für die archäologische Forschung, für den Wissenschaftsstandort Frankfurt und für die Stadtgesellschaft. An dem zunächst auf drei Jahre befristeten Vorhaben sind neben dem Archäologischen Museum, bei dem als Antragsteller alle Fäden zusammenlaufen, auch die Frankfurter Goethe-Universität und die Universität Basel beteiligt sowie zwei weitere Frankfurter Institutionen, das Denkmalamt und die Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts. Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) bezeichnet die Bewilligung des umfangreichen Projekts als „ein Signal, dass Stadtentwicklung und Wissenschaft sich ergänzen müssen“. Zwar sei es sein Job, nach vorne zu blicken, doch man müsse auch zurückschauen und sich vergegenwärtigen, „dass wir auf Geschichte aufbauen“. Ungeheurer Fundus an Material Zur Geschichte des Heiligtums von Nida gehört, dass es nach dem Abzug der Römer am Ende des 3. Jahrhunderts nach Christus offenbar demontiert, aber so gut wie nicht überbaut wurde: ein ungeheurer Glücksfall angesichts der ringsum im 20. Jahrhundert errichteten Ernst-May- und Nordweststadt-Häuser. Erst als hier die Errichtung der Römerstadtschule geplant wurde, setzten die Archäologen den Spaten an. Und wo jahrzehntelang der zentrale Marktplatz, das Forum von Nida, vermutet worden war, kam unter anderem Diana zum Vorschein. Schon 2018/19 wurde die Statuette mit den innerhalb Deutschlands wichtigsten Grabungsergebnissen der vorausgegangenen Jahrzehnte in der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ im Berliner Gropius-Bau präsentiert. Derzeit kann sie in der Ausstellung „Frankfurts römisches Erbe“ im Karmeliterkloster besichtigt werden. Doch trotz ihrer Schönheit und wissenschaftlichen Bedeutung ist Diana nur ein winziger Teil des ungeheuren, vom Denkmalamt ergrabenen Materialfundus, der nun von Archäologen, Botanikern, Zoologen, Numismatikern, Bauforschern und anderen Fachleuten ausgewertet werden soll. Auf sie warten 600 Kisten mit Fundmaterial, das zu 80 Prozent aus Keramikbruchstücken und Tierknochen besteht, rund 5000 teils bemalte Wandputz-Fragmente und mehr als 150 mit Bodenproben gefüllte 20-Liter-Eimer. Dazu kommen, wie Carsten Wenzel, Kustos für die Römerzeit am Archäologischen Museum, ausführte, Weihegaben aus Metall, darunter 254 zum Teil äußerst hochwertige Münzen und 80 Gewandnadeln. Architektur- und Statuen-Teile, Fragmente von Räucherkelchen, zum Teil mit eingeritzten Inschriften, bronzene Zierleisten von Türen und Fenstern sowie Überreste von Standarten ergänzen das Bild. „Wir wollen das ganzheitlich ergründen“, so beschreibt Markus Scholz den Anspruch des interdisziplinären Teams. Der Wissenschaftler der Goethe-Universität, der maßgeblich an der Entzifferung der vor gut einem Jahr präsentierten Silberinschrift aus Nida beteiligt war, erhofft sich etwa durch eine KI-gestützte Auswertung von Keramikscherben methodologische Weiterentwicklungen innerhalb seines Fachs. Ein wichtiges Ziel sei auch, außer der Gestalt des Kultbezirks die hier einst gepflegten Abläufe und Praktiken zu erforschen. Dazu zählten der in Dutzenden Gruben entsorgte „heilige Müll“ genauso wie rituelle römerzeitliche Zerstörungen, die vielleicht etwas über das Ende des Heiligtums verraten. Die Tatsache, dass die DFG dieses Projekt fördert, ist für die Leiterin des Frankfurter Denkmalamts Andrea Hampel ein außerordentliches Ereignis. „Dafür sind wir endlos dankbar.“