Veronika ist überall: Sie ist die „clevere Kuh“, die „intelligente Kuh“, die „Sensations-Kuh“. Sie ist die Kuh, die „Forscher verblüfft“, sie „ihren Augen nicht trauen“ lässt. Und es stimmt, das Verhalten des Kärntner Rinds fanden Wissenschaftler so beachtenswert, dass es Gegenstand einer Studie wurde, die nun für Schlagzeilen sorgte: „Flexible Nutzung eines Mehrzweckwerkzeugs durch eine Kuh“, erschienen in der Fachzeitschrift „Current Biology“. Auf den online beigefügten Videos sieht man, wie Veronika ihre lange Zunge um einen im Gras liegenden Besenstiel wickelt, ihn anhebt, den Kopf dreht, sodass der Besen auf ihrem Rücken, der Flanke oder in Euternähe zu liegen kommt, und ihn dann durch ruckelnde Bewegungen des Mauls über die ausgewählte Körperstelle schubbern lässt. Siebzig Mal platzierten zwei Biologen der Universität Wien Besen vor dem Hausrind, am Ende war klar: Hier handelt es sich um Werkzeuggebrauch, und nicht nur das. Dass Veronika die zwei Enden des Haushaltsgeräts je nach Bedarf einsetzt, das zarte Euter mit dem stumpfen Holzstiel kratzt und ihren unempfindlicheren Rücken mit der Bürste, katapultierte sie in einen exklusiven Club: Die Nutzung eines Utensils für verschiedene Zwecke war bis jetzt nur von Menschen und Schimpansen bekannt. Eine Ausnahme-Kuh? Veronika zur Ausnahme-Kuh zu erklären, wie es in vielen Berichten über sie geschieht, ist verlockend, erspart es doch eine unbequeme Einsicht: Lebewesen mit derartigen Fähigkeiten in reizarmer Umgebung zu halten, die ganz darauf ausgerichtet ist, es seinem eigentlichen Zweck zuzuführen, der Lieferung von Fleisch, Milch oder Nachwuchs, ist ethisch fragwürdig. Während Beobachtungen an Wildtieren viel Beachtung finden, die die lang verfochtene Annahme einer Alleinstellung des Menschen als intelligenzbegabtes Wesen immer absurder scheinen lässt – Schraubgläser öffnende Oktopusse, trauernde Elefanten, sich im Spiegel erkennende Elstern, ihre Nahrung waschende Makaken –, bleiben die als Nutztiere kategorisierten Arten auffällig unterbelichtet. Dabei liefert die junge Disziplin der Nutztierethologie einen Beweis nach dem anderen, dass auch sie über ein reiches mentales und emotionales Innenleben verfügen. Für Birger Puppe, Leiter des Kompetenzfelds Verhalten und Haltung am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf, ist es darum „nicht überraschend, dass das kognitive Repertoire von Nutztieren den Werkzeuggebrauch“ einschließt. An dem Institut wurde Artgenossen von Veronika beigebracht, was man ihnen ebenfalls nicht zugetraut hätte: Kälber lernten innerhalb kurzer Zeit, eine Art Toilette zu nutzen. Die Evolution hat beim Lauftier Rind nicht vorgesehen, dass es seine Ausscheidungen an bestimmten Stellen platziert. Im Stall verhindert die Trennung von Kot und Harn aber die Bildung von Ammoniak. Ziegen, die Artgenossen helfen Bei anderen Experimenten in Dummerstorf drückten Ziegen mit der Nase Symbole, wenn sie Wasser wollten. Ziegen halfen anderen Ziegen, an Essen zu kommen, das nur aus einer bestimmten Position zu erreichen war. Ferkel befreiten andere Ferkel aus einer Box, umso bereitwilliger, je mehr diese angstvoll quiekten. Schweine bestanden den Marshmallow-Text und zeigten Selbstkontrolle, indem sie lieber auf eine größere Belohnung warteten als eine kleine gleich zu futtern. Bei den Versuchen geht es nicht nur um Erkenntnisse über die kognitiven Fähigkeiten der Tiere, sondern auch um die Frage, wie ein Stallalltag aussähe, der es erlaubte, diese zu nutzen. Wie sehr dies nötig ist zur Steigerung des Wohlbefindens, wird bei der Diskussion ums „Tierwohl“ weitgehend ausgeklammert. Möglicherweise ist weniger Veronikas Verhalten außergewöhnlich als die Tatsache, dass sie es erlernen konnte. Sie ist mehr Haus- als Nutztier, muss keine Milch geben, lebt mit Familienanschluss auf Weide und Hof eines Biobäckers und hat nach dessen Angaben den Beseneinsatz in den vergangenen zehn Jahren perfektioniert. Mit dreizehn Jahren hat sie die Lebensdauer von Milchkühen längst überschritten, diese werden im Durchschnitt mit fünf Jahren geschlachtet. Achtzig Prozent der zehn Millionen Rinder in Deutschland leben in Laufställen, zehn Prozent weiterhin in Anbindehaltung, um deren Ende seit Langem gestritten wird. Nur jedes dritte Rind hat im Sommer Zugang zu einer Weide. In einigen Ställen sind dicke Bürsten installiert, an denen Rinder sich scheuern können. Vielleicht sollte man ein paar Besen danebenlegen.
