FAZ 22.05.2026
06:00 Uhr

Ride of Silence: Gedenken an tote Radfahrer


Zum siebten Mal sind Frankfurter Radfahrer beim „Ride of Silence“ zu weißen Ghostbikes in der Stadt unterwegs. Sie gedenken Toten und Verletzten und machen sichtbar, wie gefährlich der Alltag auf zwei Rädern noch immer ist.

Ride of Silence: Gedenken an tote Radfahrer

Rund 120 Radfahrerinnen und Radfahrer stehen auf dem Platz vor der Alten Oper. Der Regen hat nachgelassen, der Asphalt glänzt. Es ist der „Ride of Silence“ in Frankfurt, eine Demonstration auf dem Rad, ein stilles Gedenken. Vor dem Start sagt Organisator Ansgar Hegerfeld, verkehrspolitischer Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), worum es ihm geht. Die Stadt gebe sich Mühe, sagt er. „Es gibt deutliche Fortschritte. Trotzdem ist noch sehr viel zu tun. Es braucht mehr sichere Kreuzungen.“ Viele gefährliche Ecken seien Altlasten, dazu komme mangelnde Kontrolle. „Die Verkehrsregeln müssen konsequenter durchgesetzt werden“, fordert Hegerfeld. Mehr Tempokontrollen, weniger Falschparker auf Radwegen. Dass 2025 in Frankfurt kein Radfahrer tödlich verunglückt ist, bewertet Hegerfeld zurückhaltend. „Ich denke, ein wenig Glück war auch dabei, aber es ist auch eine Folge der Maßnahmen.“ „Es gibt deutliche Fortschritte. Trotzdem ist noch sehr viel zu tun.“ Die Gruppe, kündigt Hegerfeld an, werde zu mehreren Ghostbikes fahren, weiß gestrichenen Fahrrädern, die dort stehen, wo tödliche Unfälle passiert sind. „Und wir machen deutlich, wie der Unfall konkret abgelaufen ist.“ Aus Respekt bleibe man bei den offiziellen Berichten: „Wir lesen die polizeilichen Protokolle vor und halten dann eine Schweigeminute ab.“ Neu ist in diesem Jahr, dass die Radfahrer am Ende ihre Räder aus Protest auf die Straße legen. „Wir blockieren symbolisch die Fahrbahn“, sagt Hegerfeld. Man wolle damit sichtbar machen, wie verletzlich Menschen auf dem Rad seien. Die Gründe, warum die Menschen zu dieser Gedenktour gekommen sind, sind persönlich. Petra erzählt von ihrem eigenen Sturz vom Rad, vom Tinnitus, der geblieben sei. Ein Mann aus Rödelheim sagt, er fahre täglich an einem Ghostbike vorbei. „Da merkt man, dass Radfahren unsicher ist“, sagt er. Eine Frau spricht von einer „Mahnung an die Gesellschaft, dass so etwas verhindert werden muss“. Eine Trauerbegleiterin aus einem Hospiz sagt, sie fahre mit, „um zu merken, was ich für ein Glück habe, und um den Hinterbliebenen beizustehen“. Einige Angehörige von verunglückten Radfahrern sind auch dabei. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Kein Sprechchor, keine Musik. Nur das Surren der Reifen und das Klacken der Schaltungen. Die Polizei sperrt Kreuzungen, Passanten bleiben stehen. Manche schauen irritiert, andere nehmen kurz die Kopfhörer ab. Der Zug macht drei Stopps an Ghostbikes. An der Europaallee erinnert ein weißes Rad an Matthias Michel, der 2019 von einem abbiegenden Lastwagen tödlich verletzt wurde. An der Kreuzung Rödelheimer Landstraße/Ludwig-Landmann-Straße gedenken die Radfahrer eines einundvierzigjährigen Pedelec-Fahrers, den ein Autofahrer beim Abbiegen übersah. An der Thudichumstraße in Rödelheim denken sie an einen 85 Jahre alten Radfahrer, der nach einer Kollision mit einer Rollerfahrerin schwer stürzte. Jedes Mal lesen Mitglieder des ADFC den Polizeibericht vor, dann wird es still. Einige gehen zu dem weißen Rad hin und berühren es kurz, bevor sie weiterfahren. Zum Schluss rollt der Zug zur Kreuzung Bockenheimer Landstraße und Zeppelinallee. Hier legen die Teilnehmenden ihre Räder auf die Fahrbahn. Die Straße wird zum Teppich aus Rahmen und Reifen. Noch einmal Schweigen. Die Stadt hält kurz den Atem an. Dann richtet Hegerfeld das Wort ein letztes Mal an die Gruppe. „Es ist ein trauriger Anlass“, sagt er. „Wir erinnern daran, was passieren kann, wenn man nicht aufpasst, wenn Fehler passieren.“ Ganz ohne Hoffnung will er die Menschen nicht nach Hause schicken. „Die positive Nachricht: Es wird immer besser.“ Und doch bleibt der Vorbehalt. „Wir hoffen natürlich, dass diese Demo irgendwann nicht mehr stattfinden muss. Aber wir gehen mal davon aus, dass der Termin nächstes Jahr noch einmal stattfindet.“ Immer am dritten Mittwoch im Mai, so lange, bis aus der stillen Mahnung spürbar mehr Sicherheit auf den Straßen geworden ist.