Als die iranische Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi am Freitag in Maschhad bei einer Trauerfeier für den verstorbenen Menschenrechtsanwalt Khosrow Alikordi auftrat, wurden in der Menge auch Parolen für die Wiedereinführung der Monarchie gerufen. Auf einem Video von der Veranstaltung sind Rufe zu hören wie „Lang lebe der Schah“ und „Dies ist der letzte Kampf, Pahlavi wird zurückkommen“. Gemeint ist der frühere Kronprinz Reza Pahlavi, dessen gleichnamiger Großvater die Dynastie vor genau hundert Jahren, am 15. Dezember 1925, begründet hat. Der Enkel verließ Iran 1978 für eine Ausbildung zum Kampfpiloten in den Vereinigten Staaten und ist seither nicht mehr zurückgekehrt, weil sein Vater, der Schah Mohammad Reza Pahlavi, durch die Revolution von 1979 gestürzt wurde. Israel finanzierte Imagekampagne für Kronprinzen Von seinem Wohnort in den USA aus präsentiert sich der frühere Kronprinz seit Jahren als Oppositionsführer für ein „säkulares, demokratisches Iran“. Während der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung bemühte er sich 2022 vergeblich, die zerstrittenen Oppositionsgruppen in der Diaspora zu vereinen. Während des Zwölftagekrieges im Juni, als Israel einen Regimewechsel propagierte, trat er abermals verstärkt in Erscheinung. Eine Imagekampagne für ihn in sozialen Netzwerken wurde nach Recherchen der Zeitung „Haaretz“ von Israel finanziert. 2023 besuchte er Israel. In der Diaspora verfügt Reza Pahlavi über lautstarke Unterstützer. Wie groß der Zuspruch für ihn in Iran selbst ist, ist unklar. Man könnte vermuten, dass seine Gegner versuchen würden, ihn als Spross einer korrupten und repressiven Dynastie zu diskreditieren. Doch er hat sich von den Foltermethoden seines Vaters distanziert. „Sein Problem ist nicht sein Balast, sondern dass er nicht als so entschlossen und charismatisch gesehen wird wie sein Vater und Großvater“, meint der New Yorker Publizist und Historiker Arash Azizi. Irans heutiger Führer Ali Khamenei beschreibt den Begründer der Pahlavi-Dynastie regelmäßig als skrupellosen und vom Westen gesteuerten Diktator, um seine eigene Gewaltherrschaft zu legitimieren. So steht es auch in den Schulbüchern des Regimes. Doch viele Iraner sehen die Pahlavi-Zeit heute in einem milderen Licht. Vor allem unter den Jüngeren gibt es eine regelrechte Nostalgie für die Monarchie, die sie selbst nicht erlebt haben. „Wenn man heute in Iran eine Umfrage machen würde, wäre Reza Shah, der Vater der Pahlavi-Dynastie, wahrscheinlich einer der populärsten, wenn nicht der populärste Iraner“, meint Azizi. „Er wird als jemand gesehen, der die Souveränität Irans errungen und geschützt hat.“ Das hat auch mit dem Einfluss des oppositionellen Londoner Exilsenders Manoto zu tun, der jahrelang per Satellit Dokumentationen mit Originalaufnahmen aus der Pahlavi-Zeit ausstrahlte. Darin wird Reza Schah als entschlossener Modernisierer gefeiert. Vorbild Kemal Atatürk Viele seiner Reformen orientierten sich an seinem Vorbild, dem türkischen Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. So erließ Reza Schah 1936 ein Schleierverbot für Frauen, das er mit Gewalt durchsetzen ließ. Er verordnete Staatsbediensteten westliche Kleidung und säkularisierte Bildung und Gerichtsbarkeit. Er modernisierte das Militär und unterwarf die Stämme. Er gründete die Zentralbank, trieb den Eisenbahn- und Straßenbau voran und schuf die erste Universität in Teheran. Seinem Vorbild Atatürk folgend, strebte Reza Khan zunächst auch die Staatsform der Republik an, als er noch Ministerpräsident war. Die bis dahin herrschende Monarchie der Kadscharen-Herrscher wollte er abschaffen. Vielleicht wäre Irans Geschichte ganz anders verlaufen, wenn er sich mit dieser Idee durchgesetzt hätte. Doch die islamischen Geistlichen in Iran waren aus Sorge vor einem säkularen Staat strikt dagegen. Und so ließ sich Reza Khan mit Unterstützung Großbritanniens selbst zum Monarchen küren, obwohl er kein blaues Blut hatte. Der Bauernsohn, der als Offizier der Kosakenbrigade an die Macht gelangt war, begründete seine eigene Dynastie, der er den Namen Pahlavi gab. Im Laufe seiner Herrschaft wurde er immer paranoider und repressiver. Während des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1941 marschierten britische und sowjetische Truppen in Iran ein und zwangen Reza Schah zum Abdanken, weil er aus ihrer Sicht dem Kriegsgegner Deutschland zu nahestand. Er starb 1944 im südafrikanischen Exil. Sein erst 21 Jahre alter Sohn Mohammad Reza trat seine Nachfolge an. Dessen Herrschaft präsentierte der Exilsender Manoto dem jugendlichen Publikum als eine Zeit der blühenden Popkultur. In Teheran gab es Konzerte und Nachtclubs. Die bis heute von Iranern aller Generationen verehrte Pop-Ikone Googoosh erreichte internationale Berühmtheit. Irans Wirtschaft wuchs zweistellig. Das Land wurde zu einem wichtigen Verbündeten der USA. Diese wirkten 1953 daran mit, den Ministerpräsidenten und Schah-Widersacher Mohammed Mossadegh zu stürzen. 1963 führte Mohammad Reza das Wahlrecht für Frauen ein. Seine dritte Frau Farah Diba wird bis heute in Iran für ihre Förderung der Künste verehrt. Was Manoto nicht zeigte, waren die brutale Unterdrückung der Schah-Gegner und die krasse soziale Ungleichheit jener Zeit. Zum Symbol der Dekadenz des Regimes wurde 1971 die 2500-Jahr-Feier der persischen Monarchie in Persepolis. Der Sturz des Schahs 1979 wurde von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützt. Die Hoffnungen der Revolutionäre wurden aber bitter enttäuscht, weshalb viele Iraner die Vergangenheit inzwischen anders bewerten. Ein Beispiel dafür ist die von Reza Schah geschaffene reguläre Armee, die bis heute hohes Ansehen genießt, während die von Ajatollah Ruhollah Khomeini geschaffene Revolutionsgarde bei vielen Iranern verhasst ist.
