FAZ 13.12.2025
20:17 Uhr

Retrospektive in Oldenburg: In Niemanns Land


Nicht nur das ikonische Fukushima-Cover des „New Yorker“ stammt von ihm: Christoph Niemanns Retrospektive im Oldenburger Horst-Janssen-Museum

Retrospektive in Oldenburg: In Niemanns Land

Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg gönnt sich zu seinem 25. Geburtstag eine Ausstellung von Christoph Niemann, dessen Arbeiten mit denen des Namenspatrons wenig gemein haben. Auf einer gedachten Linie der Zeichenkunst zwischen den Punkten „Zuwenig“ und „Zuviel“ könnten diese beiden kaum weiter voneinander entfernt stehen. Mit der Strichmenge einer einzigen Janssen-Zeichnung füllt Niemann Dutzende Blätter. Niemann sieht sich als Erzähler; das heißt, er möchte dem Publikum etwas mitteilen. Er tut das nicht mit Worten, er übersetzt Sprache in Bilder, die für sich selbst sprechen sollen. Seine Bildsprache passt er dem jeweiligen Adressaten an: Erscheint seine Arbeit in einer Kunstzeitschrift, geht er von einem bestimmten Bildungs- und Bilderhintergrund aus, der es ihm erlaubt, sich auf Vorbilder aus der Kunstgeschichte zu beziehen; arbeitet er für den „New Yorker“, setzt er das Thema des Heftes eher plakativ für New Yorker Leser um; sind seine Illustrationen für Kinder gedacht, muss er eine ganz neue Syntax verwenden – und all das kann er. Natürlich geht diese Multistilistik auf Kosten der raschen Wiedererkennbarkeit. Eine Manier wie die klassischen Cartoonisten und Comiczeichner von Saul Steinberg bis Robert Crumb ent­wickelt Niemann nicht; ebenso wenig ein Markenzeichen wie Loriot mit seinen Knollennasen oder Otto Waalkes mit seinen Ottifanten. Einen echten Niemann erkennt man aber an der extrem gewitzten Form der Umsetzung. Das macht die Ausstellung abwechslungsreich. Vom briefmarkengroßen Schnipsel bis zum wandfüllenden Piktogramm, von der Collage bis zum Aquarell, von der malerisch bereicherten Fotografie bis zum strengen Holzschnitt – Niemann beherrscht alle gängigen Techniken, und er nutzt sie fast immer perfekt. Als er 2001 die Ehre hatte, das Cover des zwanzigsten Jahrbuchs „American­ ­Illustration“ zu gestalten, ­löcherte er den Herausgeber, bis der „Why not ­something pornographic?“ vorschlug. Worauf Niemann eine Portion Zahnpasta zeigt bei ihrem verzweifelten Versuch, die Zahnbürste zu penetrieren. Vom japanischen Minimalismus bis zum Surrealismus Was Niemann, der bis 2008 in New York arbeitete und seitdem in Berlin lebt, über die Ausstellung in Oldenburg sagt, gilt auch für seine Arbeitsweise: Die Mühe, die man sich auf dem Weg dorthin gemacht habe, sollte man dem Ergebnis nicht ansehen. Er beschreibt sich selbst als ehrgeizig und eitel, seine Bescheidenheit wirkt bisweilen fast ein wenig kokett. All das bleibt unter der polierten Oberfläche. Wollte man ihn in der Kunstgeschichte verorten, mag man zunächst an Magritte denken, findet aber ähnlichere Sujets bei Félix Vallotton, der wie so viele vor ihm vom Minimalismus japanischer Vorbilder beeinflusst war. Persönlicher wird es im oberen Stock des Museums, wo eine große Wand Niemanns Reiseimpressionen gewidmet ist, in deren Spektrum er die ganze Band­breite seiner technischen Möglichkeiten demonstriert, von der fast akademischen Bleistiftzeichnung bis zum lockeren Aquarell. Ein Kapitel für sich. „Randnotizen“ hat er seine aktuelle Ausstellung genannt, „Zwischenräume“ wäre auch ein möglicher Titel gewesen, denn die Flächen zwischen den dargestellten Realien sind fast ebenso wichtig wie diese selbst. Niemann weiß, wie man das menschliche Auge lenkt. Will er sich rückversichern, muss er nur fragen: „Was siehst du?“ Gefällt ihm die Antwort, ist er am Ziel: Der erste Blick des Betrachters ist in die Richtung gelenkt, die er nehmen sollte. Oft liefert dann erst der zweite die Pointe, denn einige seiner grafischen Blätter sind Kippphänomene – als ein Wort mit dreimal aufeinanderfolgendem P ähnlich irritierend wie Niemanns Vexierbilder. Christoph Niemann sieht mehr als die meisten, vor allem optische Analogien wie etwa zwischen zwei un­geschälten Bananen und einem Pferdehintern. Oder, schon etwas poetischer, zwischen dem Orange-Ton der Clemen­tinen in einer Schale auf seinem Zeichentisch und dem der Staten-Island-Fähre, die zwischen Manhattan und der Freiheitsstatue verkehrt. Die Umsetzung war indes schwieriger als gedacht, da das kantige Boot nicht zu der rundlichen Clementine passen wollte. Erst als Niemann aus der Frucht eine Sonne machte, die hinter dem Sprossenfenster seines Ateliers in Brooklyn unterging, wurde die Korrespondenz augenfällig. Dass der Zeichner den Hintergrund in verschiedenen Bleistiftstärken ausgeführt hat, kann man auf seinem „New Yorker“-Titel vom 10. März 2025 erahnen. Dreierlei mag Niemann, der so vielerlei mag, und von dem Daniel Kehlmann sagt, „dass es sich bei ihm vielleicht um den einzigen großen Karikaturisten ohne einen Schatten von Bosheit handelt“, gar nicht: Blaubeerkuchen, ­Nackenkissen und Chagall. Wer durch eine Einzelausstellung der Werke des Letzteren gegangen ist, wird dieser schwebenden und schrägen Figuren – Gaukler, Fiedler, Engel, Liebespaare – irgendwann überdrüssig; im besten Falle wird er sich langweilen. In Christoph Niemanns Ausstellung kann ihm das nicht passieren. Christoph Niemann – Randnotizen. Im Horst-Janssen-Museum, Oldenburg; bis zum 17. März 2026. Kein Katalog.