Die Lage ist aussichtslos, eigentlich kann man sich gleich die Kugel geben. Die Russen stehen vielleicht bald wieder vor Berlin, Europa ist wehrlos, die NATO eine lame duck, das Klima ist nicht mehr zu retten, die Künstliche Intelligenz wird uns alle noch umbringen, an Weihnachten war das Wetter wieder mies, 30 Tage Urlaub sind ganz schön wenig, der öffentlich-rechtliche Rundfunk war auch schon mal besser, und die Bahn? Immer noch nicht pünktlich! So in etwa klingt gerade der Gemütszustand vieler Deutscher: ein dauerseufzendes Lamento über die unerträgliche Ausweglosigkeit des Seins. Eine Tendenz zum Jammern hatten die Deutschen schon immer, die German Angst ist berüchtigt. Doch zuletzt hat sich der Fatalismus noch einmal deutlich verschärft. Die Identitätskrise des Westens macht noch pessimistischer Wegen des Ukrainekriegs und der Weltlage, die viele verängstigt. Wegen des Reformstaus, der wie eine rostige Patina über den zerbröselnden Brücken liegt. Aber auch wegen der neuen Erfahrung für ein Land, das sich über Jahrzehnte ziemlich unangreifbar wähnte. Vom Wiederaufbau über das Wirtschaftswunder bis zum vermeintlichen „Ende der Geschichte“ nach dem Fall der Mauer hat es nach dem Zweiten Weltkrieg einen bemerkenswerten Aufstieg geschafft. Die Deutschen wurden im Bewusstsein sozialisiert: Uns kann so schnell niemand was. Jetzt aber durchlebt die Republik zum ersten Mal reale Abstiegsängste – und das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch systemisch. Die erstarkenden Autokratien im Westen und Osten setzen die liberalen Demokratien unter Druck. Plötzlich scheint das westliche Gesellschafts- und Politikmodell infrage zu stehen, das viele für so unwiderstehlich hielten, dass es selbst die härtesten Autokratien auf den richtigen Pfad führen würde. „Wandel durch Handel“ hieß das früher mal in der SPD, als „der Westen“ für viele noch wie eine Verheißung klang. Heute, angesichts der globalen Machtverschiebungen, steht infrage, ob sich auch träge, auf Konsens angewiesene liberale Demokratien schnell und radikal genug verändern können. Diese Identitätskrise des Westens hat die German Angst noch verstärkt. Viele haben sich unter dem Druck der sich überlagernden Krisen erst recht in einer Mischung aus Angst, Trotz und Lust an der Panik eingerichtet, die von der AfD erfolgreich bewirtschaftet wird. Der einzige Maßstab in Debatten ist oft nur noch der schlimmstmögliche Ausgang, was wie eine sich selbst verstärkende Panikspirale wirkt: Die Katastrophe wird umso realer, je lauter man sie beschwört. So wie bei der großen Koalition. Die war noch keine paar Wochen im Amt, da hatten es viele schon immer gewusst: Die kann es auch nicht, noch schlimmer als die Ampel! Dabei war der Streit selbst bei der noch kein Zeichen einer Systemkrise, sondern allenfalls von zu großen Egos und zu geringer Kompromissfähigkeit. Oder bei der AfD: Je mehr viele nur über deren Aufstieg redeten statt über die Lösung der drängenden Probleme, umso stärker wurde die AfD tatsächlich, wie eine self-fulfilling prophecy. Oder Russland: Je mehr Experten und Politiker einen drohenden Atomkrieg heraufbeschwören und über die Lücken der westlichen Verteidigung räsonieren, umso mehr erledigen sie Putins Verunsicherungsgeschäft. Das läuft in Deutschland nicht umsonst besser als anderswo. Resilienz ist dringend vonnöten Das heißt nicht, dass man die Lage schönreden soll. Natürlich steht viel auf dem Spiel; die Zukunft des Kontinents, der deutschen Wirtschaft, der Stabilität unserer Demokratie. Defätismus ist in solchen Zeiten aber keine Hilfe, im Gegenteil: Er lähmt nur, weil er den Blick auf die eigenen Stärken verstellt. Und er schafft erst recht keine Resilienz. Die ist aber dringend nötig, wenn Deutschland sich in der künftigen Weltordnung behaupten will. Was Resilienz bedeutet, zeigen die Skandinavier. Die Finnen zum Beispiel werden von Putins Imperialismus noch viel unmittelbarer bedroht als wir. Aber statt nur ständig zu klagen, wie groß die Gefahr sei, bereitet sich die Gesellschaft ohne Panik auf den Ernstfall vor, auch mit Krisenkursen für die Eliten. Hierzulande gibt es schon einen Aufschrei, wenn der Verteidigungsminister sagt, die Bundeswehr müsse „kriegstüchtig“ sein. Höchste Zeit also für ein Ende der Lebenslügen – und der Jammerei: Russland hat noch nicht gewonnen, die Wirtschaft ist noch nicht verloren, die AfD noch nicht an der Macht. Aber die Deutschen müssen bereit sein, sich zu verändern und Zumutungen zu ertragen – bei der Wehrpflicht, beim Renteneintrittsalter, bei der Suche nach schmerzhaften politischen Kompromissen. Vor allem sollten sie nicht den Rattenfängern auf den Leim gehen, deren Geschäftsmodell die Warnung vor dem bevorstehenden Untergang ist: Die Lage ist ernst, aber sie ist nicht aussichtslos. Und dieses Land ist stark, trotz seiner vielfältigen Krisen. Man darf nur nicht aufhören, an es zu glauben.
