FAZ 08.01.2026
10:03 Uhr

Reproduktionsmedizin: Akademikerin, 36 Jahre, Partner mit gutem Spermiogramm


Für ein Baby sind viele Paare bereit, einiges auf sich zu nehmen. Wenn Natur und Reproduktionsmedizin den Kinderwunsch nicht erfüllen, bleibt vielen nur, Abschied zu nehmen.

Reproduktionsmedizin: Akademikerin, 36 Jahre, Partner mit gutem Spermiogramm
Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt mit ungewohnt deutlichen Worten vor Russlands Versuchen, in Deutschland an modernste Technik für seine Waffenprogramme zu kommen. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Auf der Kinderwunschreise ist nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel. Der Weg zum Baby ist gesäumt von Hoffnung, aber oft auch frustrierend. Paare, die diesen Weg eingeschlagen haben, stehen immer wieder vor der Entscheidung: Versuchen wir es noch einmal? Oder ist jetzt Schluss? Aber der Kinderwunsch ist hartnäckig. Er bleibt oft auch dann, wenn Natur und Reproduktionsmedizin ihn nicht erfüllen wollen. Und selbst wenn mithilfe von Hormonspritzen, Petrischale, Brutschrank und dem eigenen Körper ein Baby zur Welt gekommen ist, erlischt er nicht unbedingt. Auch das unerfüllte Hoffen auf ein weiteres Kind nagt. Anders, aber immer noch kräftig. Das rüttelt an Psyche und Paarbeziehung. Das Wort von der „Kinderwunschreise“ benutzt auch Clarissa Launhardt. Die 44 Jahre alte Bad Homburgerin weiß, wie es ist, das eigene Leben jahrelang auf das eine Ziel auszurichten, Mutter zu werden. Sie hat, wie sie sagt, sämtliche Kinderwunschkliniken in der Metropolregion Rhein-Main von innen gesehen und schließlich auch Zentren in drei weiteren Bundesländern. Kräftezehrend nennt Launhardt das bei einem Matcha Latte in einem Café in ihrer Heimatstadt im Taunus, während ihr Sohn in der Kita ist. Die junge Mutter spricht über das Kind als „mein Wunder“. Zwei unterschiedliche Gruppen für Paare mit Kinderwunsch Seit etwa einem Jahr leitet Launhardt eine Selbsthilfegruppe für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Solche Angebote gibt es in Hessen kaum, wie eine Suche im Internet zeigt und Launhardt bestätigt. Die Teilnehmer der Treffen in Bad Homburg kämen aus der Frankfurter Gegend, aus Süd-, Ost- und Mittelhessen und dem Rheingau. Eigentlich sind es zwei Gruppen, die sich einmal im Monat am Donnerstagabend nacheinander versammeln: Die erste nimmt Abschied vom Kinderwunsch, weil es nicht geklappt hat. Die zweite hofft noch. Stefan Kissler ist so eine Art Reiseleiter. Der Reproduktionsmediziner führt das nach eigener Aussage älteste Frankfurter Kinderwunschzentrum in der Nähe der Bockenheimer Warte seit vielen Jahren. Vor allem in Großstädten sei der Kinderwunsch immens, wie der Arzt berichtet. Auch in Darmstadt, Wiesbaden und Mainz gibt es Zentren, das im mittelhessischen Wetzlar gehört ebenfalls zur weiteren Metropolregion. Viele Paare dort schieben den Kinderwunsch auf oder verspüren ihn erst spät. Zunächst einmal steht anderes im Fokus als eine Familiengründung: Studium, Berufswahl, Mobilität, Flexibilität, finanzielle Sicherheit. Darüber vergehen schnell ein paar Jahre. Der Reproduktionsmediziner beschreibt eine typische Patientin: Akademikerin, gut 36 Jahre alt, sportlich, gesund, vielleicht mit einer Fernbeziehung zu einem 38 Jahre alten Partner mit gutem Spermiogramm. Die beiden probieren es seit anderthalb Jahren, aber es klappt nicht. Oft liegt das daran, dass die Eierstockreserve mit den Jahren deutlich zurückgeht. Auch die Spermien werden weniger beweglich. Bei gut einem Viertel der Paare gibt es keine klare Ursache, sondern eher Mosaiksteine, von denen ein zentraler das aus reproduktionsmedizinischer Sicht grenzwertige Alter der Frau ist. Denn schon im Alter von etwa 30 Jahren sinkt die Fruchtbarkeit deutlich. Andere Frauen haben Erkrankungen, etwa eine Endometriose, die es erst einmal zu heilen gilt. Oder der Grund liegt eindeutig beim Mann, dann kann eine Samenspende infrage kommen. Immer aber gilt: Der Kinderwunsch sei ein archaisches Bedürfnis, wie Kissler sagt. Grundsätzlich bietet das Kinderwunsch- und Hormonzentrum wie viele seiner Art drei Methoden an. Die sanfteste ist die Insemination. Dabei überwachen die Ärzte den Zyklus, am Tag des Eisprungs gibt der Mann Samen ab. Der wird aufbereitet, um höher konzentriert und besonders beweglich direkt in die Gebärmutter eingebracht zu werden. Aber nur bei jeder zehnten Insemination wird die Frau schwanger. Danach geht die Reise oft weiter. Ein Versuch kostet gut 3000 Euro Die anderen beiden Verfahren sind erfolgreicher. Kissler nennt die aktuellen Zahlen: Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) und der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (Icsi) beträgt die mittlere Schwangerschaftsrate in Deutschland inzwischen 30 Prozent je Zyklus. Nach drei Versuchen sind knapp zwei Drittel schwanger. So viele künstliche Befruchtungen unterstützen die Krankenkassen in der Regel mit der Hälfte der Kosten, wenn das Paar verheiratet ist, die Frau unter 40 und der Mann unter 50 Jahre alt. Das Land Hessen fördert auch einen vierten Versuch, übrigens auch für lesbische Paare. Als Preis je Versuch nennt Kissler gut 3000 Euro. Kliniken verdienen vor allem an ledigen und älteren Paaren, die selbst zahlen müssen – und an allen, die es ein fünftes oder sechstes Mal probieren. Im Jahr entstehen mithilfe des Frankfurter Zentrums etwa 300 Schwangerschaften, von denen ungefähr 220 mit der Geburt eines Säuglings enden. In Deutschland sind, seit es die In-vitro-Fertilisation gibt, 400.000 Kinder auf diese Weise zur Welt gekommen. Weil sich die Medizin verbessert hat, können inzwischen weniger Embryonen eingesetzt werden, sodass es seltener zu Zwillingsschwangerschaften kommt. Aber es gibt auch jene Frauen, die auch nach etlichen Zyklen nicht schwanger werden. Dann führen die Ärzte ein sogenanntes Exit-Gespräch. Sie versuchen, einfühlsam zu sein, trotz des 20-Minuten-Takts, in dem die unterschiedlichen Termine im Klinikalltag stattfinden müssen. Durch vier gleichzeitige Sprechstunden und das Operationszimmer wandern täglich bis zu 150 Patienten. Bei Clarissa Launhardt hat es schließlich mit sehr viel Eigeninitiative geklappt, wie sie sagt. Sie sei, auch mithilfe eines darauf ausgerichteten Zentrums, auf einen natürlicheren Weg abgebogen ohne hohe Hormondosen, habe ihren Körper besser kennengelernt, mehr auf Ernährung und das Immunsystem geachtet. Ein Schritt ins Ausland, den manche Paare gehen, weil dort mehr erlaubt ist, und eine Adoption kamen für sie und ihren Mann nicht infrage. Unerfüllter Kinderwunsch als Tabuthema Wie Kissler spricht auch die junge Mutter von einem Tabuthema. Der Arzt meint, es sei auch gar nicht zu enttabuisieren, gehe es doch um Intimität und Sexualität. Launhardt berichtet, dass viele Paare nach einer Weile keine gut gemeinten Ratschläge aus dem Umfeld mehr hören könnten, etwa: „Entspannt euch, fahrt doch mal in Urlaub.“ Das werde der Komplexität des Kinderwunschs nicht gerecht. Sie selbst konnte den Anblick von Schwangeren und kleinen Kindern zeitweise kaum ertragen. Gleichzeitig sei da das Bedürfnis nach Austausch gewesen. Sie fand eine Gruppe von Betroffenen in Darmstadt. Das war 2019, kurz vor dem ersten Lockdown. In der Pandemie gab es jahrelang keine Treffen. Nachdem Launhardt schließlich ihr Kind hatte, nahm sie sich der Sache an, organisierte den Raum in einer Kirchengemeinde in einem Bad Homburger Stadtteil. Vor etwa einem Jahr lebte die Gruppe unter dem Dach eines Darmstädter Selbsthilfevereins dort neu auf. Gleichzeitig hatte sich die junge Mutter als Beraterin fortgebildet, um Betroffenen außer mit der ehrenamtlichen Selbsthilfegruppe auch auf diese Weise zu helfen. Hauptberuflich arbeitet sie bei einem Unternehmen im Marketing. Viele aus der Gruppe haben die Adresse kinderwunsch-rhein-main@web.de im Internet gefunden und sich bei Launhardt gemeldet, wie sie sagt. Sie beginnt jedes Treffen im Stuhlkreis mit einem Blitzlicht: Wo steht jede und jeder aktuell? Anschließend gehe es um die Frage: Wie komme ich durch diese Zeit? In den Kliniken sprächen Patientinnen kaum miteinander. Launhardt moderiert die Treffen, macht aber deutlich: Eine Therapeutin ist sie nicht. Zehn Eizellentnahmen an einem Tag Stefan Kisslers Arbeitstag beginnt an einem Wintermorgen im OP. Vier Punktionen wird der Professor selbst an diesem Montag machen, insgesamt stehen zehn solcher Eizellentnahmen an. Wie das abläuft, erklärt Kissler so: Er saugt Patientinnen, die sich am Wochenende zu genauen Uhrzeiten Hormone gespritzt haben, Eizellen aus den Eierstöcken. Dazu führt er eine lange Nadel in die Vagina ein, die Follikel sieht er als Punkte auf dem Ultraschallbild. Eine Anästhesistin überwacht die Narkose, eine Biologin nimmt die Follikelflüssigkeit aus der Kanüle entgegen und bringt sie ins Labor nebenan, sobald ein paar Reagenzgläser gefüllt sind. Dort leert eine Kollegin die Flüssigkeit in eine Petrischale in der Hoffnung, unter dem Mikroskop viele reife Eizellen zu entdecken. Die werden mit einer Pipette entnommen, nach Vier-Augen-Prinzip dokumentiert und aufbewahrt, bis sie am Nachmittag für eine IVF oder Icsi gebraucht werden. Kissler punktiert derweil weiter. Ist eine Patientin aus der Narkose aufgewacht, begleitet das Personal sie zum Ausruhen in eine Kabine. Sobald der Mann das Sperma abgegeben hat, kommt er dazu. Später wird das Paar zur Besprechung bei einem der Ärzte gerufen. Dann erfährt es, was nun im Labor passiert. Dort ist Reproduktionsbiologin Alexandra Wlodarski die Chefin. Vormittags bereiten sie und die Kolleginnen die Ei- und Spermazellen vor, nachmittags werden beide Zellarten zusammengeführt. Dafür sitzen die Mitarbeiterinnen an Mikroskopen. Zwei Geräte sind nur für die Icsi-Methode. Auf einem Bildschirm ist zu sehen, was die Biologin selbst durch das Okular betrachtet: Sie schiebt eine Eizelle mit einer Nadel in Position, um sie vor einer gegenüberliegenden Nadel zu fixieren. Dann nimmt sie mit der ersten Nadel ein Spermium ins Visier. Der winzige Punkt peitscht sich mit dem dünnen Schwanz scheinbar ziellos durch die Flüssigkeit. Die Biologin saugt die Samenzelle in die Nadel ein, die einer Kanüle ähnelt. Damit sticht sie in die Eizelle, drückt das Spermium hinein, zieht die Nadel wieder heraus. Dann fängt sie eine weitere Samenzelle ein und wiederholt dasselbe mit einer weiteren Eizelle. Für die IVF gibt es Schälchen mit fünf Vertiefungen. In jede kommen drei, vier Eizellen und etwa 100.000 Spermien je Eizelle. Bei 37 Grad Celsius verbringen die IVF- und die Icsi-Zellen die Nacht in einem der drei Brutschränke. Im besten Fall ist am nächsten Tag zu erkennen, ob die Befruchtung funktioniert hat. Und am Tag danach, ob sich die Zellen teilen. Wlodarski friert derweil portionsweise Eizellen ein. Eine Patientin will sie konservieren, um sie nutzen zu können, wenn der Zeitpunkt für eine Schwangerschaft besser passt. Das Social Freezing, eine teure und aufwendige Methode, wird in dem Frankfurter Zentrum fast jeden Tag mindestens einmal nachgefragt, wie die Laborleiterin sagt. Die Frau, deren Eizellen Wlodarski präzise auf grüne Kunststoffhalme setzt, hat die Eierstöcke ebenfalls am Wochenende mit Hormonspritzen stimuliert und sich am Morgen einer Punktion unterzogen. Minus 196 Grad kalter Stickstoff dampft aus den Boxen auf dem Rollwagen. Am Schluss bringt die Biologin die Zellen in das Kryolager mit den etwa acht Stickstofftanks. An den Brutschränken stehen Angaben zum Alter der Eizellen und somit auch der Frauen: „Egg Age 38 years“. Am nächsten Tag werden die Patientinnen angerufen. Sie erfahren, ob die Befruchtung geklappt hat – und noch ein paar Tage später, ob ein Embryo eingesetzt werden kann. An diesem Tag stehen sechs solcher Transfers an. Danach geht die Kinderwunschreise in der Gebärmutter weiter.