Vittore Carpaccios „Grabbereitung Christi“ ist eins der rätselhaftesten Gemälde der Renaissance. Um den toten Christus, der im Vordergrund auf einer hölzernen Bahre liegt, sind Personen und Dinge angeordnet, die aus verschiedenen Welten zu stammen scheinen. Rechts hinter dem Leichnam lehnt ein bärtiger Hiob mit nacktem Oberkörper an einem Baum und starrt den Toten an. Links von ihm bereitet ein weiterer, gut gekleideter Bärtiger eine Waschschüssel vor, daneben schieben zwei Turbanträger die Steinplatte vom Eingang des Grabes am Berg Golgatha. Im rechten Bildteil wird die vor Schmerz zu Boden gesunkene Maria von einer Frau im roten Mantel getröstet. Eine weitere Frau in Rot, vielleicht Maria Magdalena, nähert sich auf einem gewundenen Feldweg. Dahinter ziehen orientalisch gekleidete Reiter und Wanderer unbeteiligt an einem See entlang. Auf einem Felsen, der von Grabhöhlen durchlöchert ist, musiziert ein Flötenspieler vor einem sitzenden Mann mit Federhut. Ein Durchgang gibt den Blick auf Wiesen und Bauern frei. Ganz oben auf dem steilen Hügel hängen an ihren Holzbalken die Körper der beiden Schächer, die mit Jesus gekreuzigt wurden. Immer wieder sieht man bei Carpaccio die Signalfarbe Rot Das Bild wurde um 1515 in Venedig gemalt. Aber sein innerer Aufbau und die Dingwelt, die es zeigt, haben nichts Venezianisches. Die Landschaft erinnert an Van Eyck und Patinir, die Symbolik an Bosch und seine Nachfolger. Zu Füßen Christi sind Totenschädel, Oberschenkelknochen, ein Stück Wirbelsäule und ein Vogelkopfskelett zu einem makabren Stillleben vereint. Links ragt ein mumifizierter Toter aus der Erde, im Hintergrund lehnt eine weitere Mumie an den Felsengräbern. Zwischen beiden aber sind antike Fundstücke aufgeschichtet: ein Sockel, ein Säulenstumpf, ein Teil einer Marmorinschrift, ein Rest eines Torbogens mit Reliefschmuck. Und immer wieder die Signalfarbe Rot: Hier ziert sie eine Schale, dort ein Architekturfragment oder den Marmorfuß, auf dem die Bahre mit dem Gottessohn ruht. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat die „Grablegung Christi“, die zum Bestand der Berliner Gemäldegalerie gehört, in vierjähriger Arbeit restauriert. Das Bild, das Wilhelm von Bode 1904 über einen italienischen Agenten erwarb, hatte lange Zeit in einer Privatsammlung in Ferrara gehangen und war dort schon früh Mantegna zugeschrieben worden, dessen postumer Ruhm weit heller strahlte als der des fast vergessenen Carpaccio. Die falsche Signatur „ANDREAS. MANTINEA. F.“ am Stützfuß der Christusbahre wurde ebenso penibel von nachgedunkelten Firnisschichten befreit wie der Himmel, die Figuren und die Landschaftselemente von Carpaccios Großformat. Machtlos war die Restauratorin Babette Hartwieg allerdings gegenüber den Verfallsspuren des Auripigments, einer Arsen-Schwefel-Verbindung, die der Maler an vielen Stellen aufgetragen hat, um die im von links einfallenden Licht schimmernden Gewänder mit Goldglanz zu überziehen. Durch den Zerfall des Minerals wurden die Goldtöne bräunlich, während sich das helle Zinnoberrot, mit dem Carpaccio einzelne Falten der Kleidung hervorhob, schwarz verfärbte. Das Gemälde wird nie mehr so intensiv erstrahlen wie zu der Zeit, als es der gut fünfzigjährige Künstler – möglicherweise als Teil eines heute verlorenen Zyklus – in der frühen Phase seines Alterswerks malte. Und doch bleibt es ein augenöffnendes Wunder. Das beweist die Ausstellung, die die Gemäldegalerie zu Ehren des restaurierten Bildes in ihren Renaissanceräumen eingerichtet hat. Neben der „Grabbereitung“ besitzt die Galerie schon seit gut zweihundert Jahren ein weiteres Hauptwerk von Carpaccio, die „Weihe des heiligen Stephanus“ von 1511, die schon in den Neunzigerjahren im Getty Center restauriert wurde. Hier hat der Maler die Landschaft des Christusbildes in eine Stadtkulisse verwandelt: Rechts wird Stephan von Petrus vor den Mauern Jerusalems zum Diakon geweiht, links deutet ein zerfallender Grabtempel das Ende der Antike an. Das Panorama der Stadt Davids hat Carpaccio aus Elementen von Skaligerburgen, gotischen Kirchtürmen und oberitalienischer Palastarchitektur zusammengesetzt, die Gewänder Stephans und seiner Begleiter bilden den luxuriösen Habit zeitgenössischer Kleriker ab. In Berlin, wo die beiden Gemälde im rechten Winkel zueinander hängen, kann man ihre Erzählungen als Gegenstrophen lesen: Hier das Martyrium und die Askese im Felsendekor, dort die verschwenderische Pracht der Kirche, die sich auf den Gottessohn beruft. Zu den Großformaten Carpaccios hat der Kurator Neville Rowley Werke seiner Vorbilder und Konkurrenten gehängt: Bellini, Mantegna, Palma, Bissolo, Cima da Conegliano. Sie zeigen den einmaligen Reichtum der Renaissance-Bestände der Gemäldegalerie, aber auch, wie sehr sich Carpaccios Malerei von der seiner Zeitgenossen unterschied. So prachtvoll und anekdotisch wie er erzählte kein anderer mit Pinsel und Farbe. Nicht nur in jenem Rot, das gut vier Jahrhunderte später einer Fleischvorspeise seinen Namen gab. Hommage an Vittore Carpaccio. Ein restauriertes Meisterwerk und die Malerei Venedigs um 1500. Gemäldegalerie Berlin, bis zum 6. April 2026. Kein Katalog.
