FAZ 03.02.2026
20:50 Uhr

„Remigration“: Wie Martin Sellner die AfD in Verlegenheit bringt


Die Parteiführung sucht Distanz zu dem „Remigrations“-Aktivisten. Doch der ist bei vielen Anhängern an der Basis sehr beliebt.

„Remigration“: Wie Martin Sellner die AfD in Verlegenheit bringt

Die AfD will sich von Martin Sellner abgrenzen – aber nicht zu weit. Das Dilemma drückte sich am Montag in einem Beschluss des Bundesvorstandes aus. Der entschied einstimmig, von Treffen mit dem österreichischen Rechtsextremisten abzuraten. Was das heißt, muss man aber noch schriftlich ausarbeiten. Der parlamentarische Geschäftsführer der AfD im Bundestag, Bernd Baumann, sagte der F.A.Z. am Dienstag, der Bundesvorstand konzipiere „gerade ein Schreiben an alle Parteigliederungen, dass es keine Veranstaltungen der AfD mit Martin Sellner mehr geben soll“. Warum das knifflig werden könnte, hatte Sellner am Wochenende selbst skizziert. Wo genau würde die Partei die Grenze ziehen? „Darf man auf Einladungen von mir antworten? Wenn nein, was ist, wenn die Einladung von jemand anderem erfolgt und ich auch bei der Veranstaltung bin“, sinnierte Sellner auf Telegram, nachdem ihn „Gerüchte über Beschlüsse“ erreicht hatten. „Darf man mir die Hand geben? Sind Selfies erlaubt oder verboten?“ Drei Tage zuvor hatte der Aktivist noch triumphiert. In einem Video ließ er eine Woche Revue passieren, in der er mehrere AfD-Landespolitiker getroffen hatte. Eine Begegnung hatte besonders viel Aufsehen erregt: Die Brandenburger AfD-Landtagsabgeordnete Lena Kotré war einer Einladung von Sellner gefolgt, nachdem die Bundes- und Landesspitze der Partei verhindert hatten, dass sie Sellner ihrerseits in einem AfD-Büro empfing. Kotré habe einen „Damm und Bann gleichermaßen gebrochen“, lobte Sellner die „mutige Frau“. Und fand auch anerkennende Worte für Alice Weidel: Die Parteichefin habe sich nicht von den Medien in die Enge treiben lassen. Brandmauern im eigenen Lager? Das kommt schlecht an Tatsächlich hatte Weidel Kotré bei einer Pressekonferenz verteidigt. Diese habe sich an die Vorgaben der Parteiführung gehalten. Es sei „keine AfD-Veranstaltung“ gewesen. Das ließ allerdings offen, ob Weidel wirklich einverstanden war mit dem Treffen, das schließlich in einem Autohaus stattgefunden hatte, oder ob sie es nur für das kleinere Übel hielt. Denn ihr musste klar sein: Kontaktverbote kommen in der AfD ganz schlecht an. Keine Brandmauern im eigenen Lager!, heißt es dann. Auch Sellner schlug in diese Kerbe. Sein Posting, das den Bundesvorstandsbeschluss vorab kommentierte, garnierte er mit Clown-Emojis. Der „Zirkus“ amüsiere ihn. Doch er sei „unangebracht angesichts der Bedrohungslage“. Man sei in der „Endphase des Bevölkerungsaustauschs“. Also: keine Zeit für Flügelkämpfe. Dass Sellner das fordert, ist klar. Er will seine Macht in die Partei hinein ausbauen. Doch was hat die Partei davon, wenn der Aktivist sie prägt? Hinter der Debatte um Sellner steht eine größere, nämlich die darüber, wie gefährlich Rechtsextremisten für die AfD sind. Sellner ist ein herausgehobener; auf ihn geht das Konzept der „Remigration“ zurück. Es hat in der Partei viele Anhänger. Sie finden, dass die AfD diesen Plan umsetzen müsse und Sellner insofern wichtige Arbeit als Vordenker und Aktivist leiste. Umstritten ist, was „Remigration“ genau umfassen soll; Sellner will auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund unter Druck setzen, in ihre Herkunftsländer zurückzugehen. AfD-Politiker Baumann sieht darin ein Problem. „Herr Sellner vertritt ein Remigrationskonzept, das vom Bundesverwaltungsgericht zuletzt als verfassungswidrig bewertet wurde. Die AfD steht für eine andere Position: Wir fordern die Abschiebung aller ausreisepflichtigen Ausländer nach Recht und Gesetz.“ Das sei verfassungsgemäß. „Um nicht den in weiten Teilen der Medien und von unseren politischen Gegnern fälschlich beförderten Eindruck zu verstärken, die AfD würde das Konzept von Herrn Sellner begrüßen oder gar teilen“, habe der Bundesvorstand seinen Beschluss gefasst. Kotré hält Vorfeld-Aktivisten für besonders „progressiv“ Kotré sagte allerdings bei ihrem Auftritt mit Sellner, es gebe Unterschiede in den Konzepten von „Remigration“, doch es sei gut, dass manche im Vorfeld „progressiver“ dächten. Schulterschluss statt Abrücken. Zunehmend verbreitet ist in der AfD, vor allem im Osten, die Idee, dass die Partei sich vor niemandem mehr rechtfertigen müsse. Das heißt: keine Abgrenzung von Rechtsextremisten, keine Verbürgerlichung. Auch möglichst keine Koalition mit der CDU, selbst wenn die wollte. Lieber allein durchziehen. Entsprechend forderte ein Kommentator unter Sellners Klage: „Die AfD sollte darüber nachdenken, ob man sich nicht lieber von den Unions-Boomern in der Partei trennen sollte.“ Der „Mangel an Solidarität“ sei beklagenswert. Er hat vor allem taktische Gründe. Die AfD-Führung fürchtet, dass sich die Einstufung als gesichert rechtsextremistische Bestrebung durch den Verfassungsschutz bestätigt. Das hätte Folgen für die Frage, wie aussichtsreich die Prüfung eines Verbotsverfahrens wäre. Das stünde dem Ziel im Wege, als ganz normale Partei betrachtet zu werden, auch im Westen. Daher bemüht sich die Parteiführung zumindest formal um Abstand. Im Kontrast dazu steht allerdings das auffällige Bedürfnis von AfD-Politikern, Sellners Arbeit zu preisen, ihn zu treffen und zu verteidigen. Kotré hält jedenfalls weiter zu ihm. Am Montag verbreitete sie ein Video, in dem sie die Bedeutung des Vorfelds lobt. Die Partei könne von dort Ideen übernehmen. „Und da ist ja die Idee von Martin Sellner zur ,Remigration‘ auch ein ganz, ganz wichtiges Thema.“