FAZ 31.12.2025
10:09 Uhr

Rekordwachstum des KI-Markts: Viel Boom, keine Blasen


Der KI-Boom prägt die Finanzmärkte seit 2025. Nvidia und andere KI-Unternehmen zeigen Substanz, doch Risiken bleiben.

Rekordwachstum des KI-Markts: Viel Boom, keine Blasen

Die nächste Krise kommt immer aus einer Ecke, aus der man sie nicht erwartet. Sollte dieses Krisennarrativ stimmen, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, Aktien aus dem Universum der Künstlichen Intelligenz zu kaufen. Es ist in den vergangenen Monaten so viel über den Absturz ebendieser Aktien diskutiert worden. Eine Krise aus dieser Ecke wäre wahrlich alles andere als unerwartet. Der KI-Boom hat die Finanzmärkte 2025 maßgeblich geprägt. Seitdem KI-Technologien in den Mittelpunkt wirtschaftlicher Innovationen gerückt sind, hat sich eine geradezu unersättliche Nachfrage nach Aktien von Unternehmen in diesem Feld entwickelt. Unternehmen wie Nvidia, OpenAI und diverse Start-ups dominieren das Geschehen und ziehen Milliardeninvestitionen an. Dass Nvidia im Herbst mit einer Marktbewertung von 5000 Milliarden Dollar zum wertvollsten Unternehmen der Welt wurde, ist symbolträchtig. Ist diese Bewertung gerechtfertigt? Anwendungen in Bereichen wie Medizin, Logistik, Energie und Finanzwesen verheißen eine Revolution, die das Potential hat, ganze Industriezweige umzugestalten. Daran wollen viele Investoren mitverdienen, die Gefahr, etwas zu verpassen, ist groß. Es gibt aber keine Rendite ohne Risiko. Finanzielle Puffer sind heute größer Mit den steigenden Bewertungen wächst die Sorge. Wer sich noch an die Jahrtausendwende erinnern kann, zieht natürlich Parallelen zur Dotcom-Blase der frühen 2000er-Jahre. Muss eine Überbewertung nicht unweigerlich zu drastischen Korrekturen, gar zu einem Crash führen? Viele Unternehmen im KI-Sektor operieren mit hohen Schulden und generieren bislang nur geringe oder gar keine Gewinne. Sollten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern oder die technologischen Fortschritte langsamer als erwartet verlaufen, könnte dies das Vertrauen der Investoren schnell untergraben. Aktuell scheinen sich die Börsen jedoch von diesen Warnungen nicht beeindrucken zu lassen. Die Risikobereitschaft ist hoch, und viele Anleger sind der Ansicht, dass die langfristigen Aussichten der KI-Industrie jede kurzfristige Schwächephase überstrahlen. Tatsächlich ist die Gemengelage anders als im Jahr 2000. Es ist sehr viel mehr Substanz im Spiel. Anfang der 2000er war das Internet in seinen Anfängen, es war ein großes Testlabor – mit heftigen Implosionen. Heute sind es teils sehr etablierte Unternehmen wie Google, Microsoft oder Amazon, die mit viel Geld ausgestattet die Entwicklungen vorantreiben. Die Investitionen werden zum Teil aus dem Cashflow finanziert. Das heißt nicht, dass sie nicht auch scheitern können, aber die finanziellen Puffer sind deutlich größer als im Jahr 2000. Rendite lauert nicht nur hinter Rüstung Neben den internen Risiken des KI-Markts sorgen externe Faktoren für Unsicherheit. 2026 wird von geopo­litischen Konflikten, Umweltkrisen und unsicheren konjunkturellen Entwicklungen geprägt sein. Die Spannungen zwischen den USA und China, die sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technologisch gegenüberstehen, nehmen immer weiter zu. Der Kampf um Rohstoffe ist in vollem Gang. Komplexitäten und gegenseitige Abhängigkeiten werden erst dann so richtig sichtbar, wenn ein Teil der Kette fehlt. Aber auch darin liegt ein Renditeschatz für Anleger. Europäische Wehrhaftigkeit bezieht sich längst nicht mehr nur auf Rüstungsprojekte. IT, Pharma, Infrastruktur, Europa besinnt sich auf sich selbst und bringt Unternehmen hervor, die die Abhängigkeit von China und den USA gleichermaßen verringern. Leider sind die konjunkturellen Aussichten – gerade für Deutschland – bescheiden. Das liegt nicht zuletzt an Bürokratie, langen Planungszyklen und der Behäbigkeit von Entscheidungsprozessen. Der positive Geist der Unternehmer muss befreit werden, die Politik muss mit Deregulierung den Korken lösen und so ihren Teil zum Aufschwung beitragen. Aufschwung ist ein Gemeinschaftswerk. Der deutsche Leitindex Dax beendete das Jahr 2024 mit rund 19.900 Punkten. Jede Erwartung, der Dax könnte ein Jahr später bei über 24.000 Punkten liegen, grenzte für die Skeptiker angesichts von Donald Trumps abermaliger Präsidentschaft, dem Krieg in der Ukraine, der heißlaufenden Börsen an Zweckoptimismus – und doch ist es so gekommen. Und 2026? Es ist noch mehr drin. Die Einschätzungen der Analysten pendeln zwischen moderat und optimistisch. Mit den Megatrends Gesundheit, Mobilität, Sicherheit und KI sind die Märkte mit viel Phantasie für steigende Kurse versorgt. Das schließt Kurskorrekturen nicht aus, aber der Crash muss warten. Der Dax bei 27.000 Punkten – das ist alles andere als eine verrückte Idee.