FAZ 05.03.2026
14:57 Uhr

Reisemesse ITB: Das Geschäftsmodell des sorgenfreien Luxus wankt


An den Ständen der Golfstaaten herrscht Schweigen, Israel hat seinen Auftritt abgesagt und Kalifornien will nicht zu den USA gehören: Die Reisemesse ITB in Berlin ist in diesem Jahr ein Spiegel der Weltpolitik.

Reisemesse ITB: Das Geschäftsmodell des sorgenfreien Luxus wankt

Der Stand von Israel ist fertig aufgebaut, bleibt in diesem Jahr aber menschenleer. Wie eine Erinnerung an die getrogene Hoffnung, dass schon bald wieder Touristen im Toten Meer baden und die Grabeskirche besuchen würden, steht er in aseptisch weißem Design völlig unbelebt inmitten des Gewusels in Halle 21b der Berliner Messe. Als Israel am Samstag den Iran angriff und daraufhin am Sonntag seinen Auftritt auf der Internatio­nalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin absagte, war es für einen Abbau des Standes schon zu spät. Nun sitzt ein einzelner Security-Mitarbeiter an einem Tisch, an dem eigentlich Vertreter aus Eilat um Sonnenhungrige werben sollten, und wacht über die Leere, auch wenn es außer Stellwänden nichts zu beschützen gibt. Doch wenn irgendwo Israel draufsteht, sind Attacken und Vandalismus nicht weit, auch wenn es um Kamelreiten in der Negev-Wüste und nicht um Panzer in Gaza geht. Deshalb ist Israel auch das einzige Land, dessen Standort auf der Messe nicht seiner geographischen Lage entspricht. Es wurde in die Afrika-Halle verpflanzt und hat mit Äthiopien und Benin neue Nachbarn bekommen, die ihm freundlicher gesinnt sind als die wirklichen. Dabei halten es selbst Pakistan und Indien sowie China und Taiwan für drei Tage in Berlin-Charlottenburg miteinander aus. Auch Rumänien scheint keine Berührungsängste mit Israel zu haben. Mehrere Hotels aus Bra­şov haben ihre Werbeprospekte auf den verwaisten Flächen des Israel-Standes ausgelegt. Auf der Messe ist jeder Qua-dratzentimeter teuer, und hier bekommt man fremde Ausstellungsfläche in diesem Jahr umsonst. Vielleicht hätten die Golfstaaten dem Beispiel Israels folgen und ihren Messeauftritt auch absagen sollen. Jetzt stehen zwar ein paar vereinzelte Menschen an ihren Ständen, deren „Look and Feel“ derselben sorgenfrei glitzernden Luxuswelt entspricht, die die Influencer bis vor Kurzem via Social Media in alle Welt trugen. Aber ansprechen sollte man diese Ansprechpartner nicht. Am Stand von Dubai, der so trostlos anmutet wie eine Business Class Lounge während der Corona-Epidemie, heißt es selbst auf die Frage nach dem offensichtlichen Umstand, dass einige Mitglieder der Delegation wohl Opfer des gesperrten Luftraums geworden seien: „Darauf darf ich nicht antworten.“ Stattdessen verschickt man kurz darauf ein Statement, in dem zusammengefasst steht: „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen, wir haben alles im Griff.“ Wer wissen will, warum in dieser Halle eine Omertà wie bei der ’ndrangheta herrscht, der muss seinen Blick nur nach oben richten, wo die Imagefilme der Emirate in Endlosschleife über die Bild­schirme flimmern. Sie präsentieren ein Le­ben, das sich ausschließlich um Shopping, Speedbootfahren und Fine Dining zu drehen scheint und in dem das größte Unglück darin besteht, wenn die Hand­tasche nicht in der richtigen Farbe vor­rätig ist. Nun zeigt sich, dass dieses Leben, dessen Basis die Sicherheit ist, zu einem großen Teil aus Illusionen gebaut war. Mit jedem Tag, den der Krieg andauert, gerät das Geschäftsmodell der glamourösen Sorglosigkeit stärker ins Wanken. Urlauber haben ihre Ängste von gestern vergessen Dabei beweist ein Besuch der Messe auch, dass sich Urlauber nicht für ihre Ängste von gestern interessieren, sobald eine neue Krise die Schlagzeilen bestimmt. Am Stand von Guadalajara ist die Stimmung ungetrübt, und die Mariachi singen so unbekümmert, als hätten die Drogenkartelle in Jalisco nicht vor ein paar Tagen noch die Urlauber mit Schüssen und Straßensperren verschreckt. Und von den Grönländern, die im Januar klagten, dass die Touristen sich wegen Trumps Aggression nicht mehr auf ihre In­sel trauen könnten, heißt es heute: Alles vergessen, das Interesse, nach Grönland zu reisen, sei größer als jemals zuvor. Für die Hotels habe die Krise sogar den Vorteil gehabt, dass sie ihnen die Zimmer in der Nebensaison mit Journalisten und Soldaten gefüllt habe. Selbst Syrien wirbt auf der ITB um Besucher, und ein Mitarbeiter versichert treuherzig, er stelle ein steigendes Interesse an Reisen in sein Land fest. Zwar sei es mit den Hotelkapazitäten schwierig, und es sei auch noch vieles zerstört, aber schon bald werde Palmyra wieder aufgebaut sein, und in Latakia würden Urlauber am Mittelmeer flanieren. Nur den Amerikanern scheinen viele Reisende nachhaltig zu verübeln, dass sie Trump ein zweites Mal zum Präsidenten gewählt haben. Der Rückgang von Buchungen aus Europa und Kanada ist sehr deutlich und hält an. Um den Schaden zu minimieren, üben sich Florida und Kalifornien in kognitiver Dissonanz, indem sie in ihrer Werbung um Touristen so tun, als hätten sie mit dem Land eigentlich gar nichts zu tun. Und die USA selbst empfangen die Besucher in der Nordamerika-Halle mit der Aussage, dass bei ihnen alle willkommen seien, verstärkt durch den Nachsatz „Immer“. Es klingt eher nach ei­ner Beschwörung als nach einem Versprechen.