FAZ 26.01.2026
06:25 Uhr

Reise durch Südostasien: Ferien für Fortgeschrittene


Wer in diesen Tagen versucht, in die Vergangenheit Indochinas und Siams einzutauchen, erwacht schnell im 21. Jahrhundert. Auf Front-Vermeidungstour durch Vietnam, Laos, Kambodscha und Thailand.

Reise durch Südostasien: Ferien für Fortgeschrittene

Am Anfang der Reise ist der Krieg weit weg. Ho Chi Minh City alias HCM alias Saigon ist durch einen Krieg weltberühmt geworden, aber heute eine Stadt des Friedens. Und von einer wirtschaftlichen Dynamik, die fürs Business schon lange keine Kriegs­fol­klore mehr braucht. Nur einmal sehen wir einen betagten Amerikaner steif aus einem alten US-Army-Jeep steigen, ein schlecht gefedertes Tourenangebot für Veteranen auf der Suche nach der eigenen Jugend. Und gleich neben dem „Saigon Center“ mit seinen teuren Marken­geschäften findet sich bei „Saigon Kitsch“ ein günstiges Mitbringsel für die im deutschen Winter Zurückgebliebenen: Schneekugeln mit Vietcong-Panzer. Wir nehmen lieber die mit dem Tuktuk. Vietnam stand nicht auf dem Reiseplan, der im deutschen Sommer entstand. Sondern Thailand und Kambodscha. Dann aber war plötzlich Krieg zwischen den Nachbarn, fünf Tage, 40 Tote und ein Grenzübertritt auf dem Landweg fortan unmöglich. So kam die Idee von Thailand nach Kambodscha über Vietnam zu reisen und von Kambodscha nach Thailand über Laos. Eine Art Rundkurs durch Südostasien. In der planerischen Phantasie, die ja vor dem Kontakt mit der Realität einer Reise immer am schönsten blüht, entstand vor dem inneren Auge auch eine Zeitreise – durch die märchenhafte Historie der Khmer und Thais und die steingewordenen Geheimnisse Indochinas und Siams. Ein Trip, der dann in der Realität des 21. Jahrhunderts auch eine Tour rund um die Front eines der überraschendsten Konflikte der Gegenwart werden sollte. Kampf auf dem T-Shirt Kurz vor unserer Landung in Vietnam war er im November neu aufgeflammt, der Konflikt, den Donald Trump im Juli noch mit ein paar Telefonaten befriedet haben wollte (weswegen er sich Anfang 2026 in Mar-a-Lago ungewohnt bescheiden nur mit „achteinviertel“ beendeten Kriegen brüstete). Per Bus und Boot durchs Delta des Mekong nach Phnom Penh gekommen, der Hauptstadt Kambodschas, entdecken wir dort das T-Shirt eines Tuktuk-Fahrers: „Ich kämpfe für mein Land“. In Thailand ein paar Wochen später die textile Antwort: „Wir Thais lieben den Frieden. Aber wir haben keine Angst vor dem Krieg“ – eine Zeile aus der thailändischen Nationalhymne, die vor knapp hundert Jahren Phra Jenduriyang komponiert hat, geboren als Peter Veit, Sohn eines deutschen Einwanderers. Es werden die einzigen patriotischen Parolen dieser Art bei Begegnungen mit Menschen auf der gesamten Reise bleiben. Als Europäer spürt man, dass Politik, gerade in diesen Zeiten, ein Thema ist, über das die einfachen Menschen Südostasiens lieber schweigen. Man hat genug mit dem eigenen Leben zu tun. Und erfährt die Wahrheit, wie immer im Krieg, sowieso nicht. Oder wenn, dann doppelt. In der „Cambodia Times“ lesen wir die Version der einen (ein angeblich von den Thais getöteter General wird quicklebendig präsentiert und das Nachbarland generell als verlogener Aggressor beschimpft), in der „Bangkok Times“ dann die spiegelbildliche der anderen Seite (Kambodscha als Kriegstreiber und heimtückischer Minenleger auf thailändischem Territorium). Die Menschen in beiden Ländern, so erleben wir es, scheinen die schleichende Eskalation in den entlegenen Grenzregionen stoisch zur Kenntnis zu nehmen. Oder gleich ganz zu ignorieren. Ausgenommen davon sind die ihre Ware fast schon flehentlich anbietenden Händler rund um Angkor Wat. Die einst große Masse chinesischer Touristen ist ausgeblieben, und seit dem Grenzkonflikt kommen auch viele andere nicht mehr. Zudem macht später, verbreitet von einem obskuren indischen TV-Sender, das Gerücht die Runde, Angkor Wat sei von Thailand bombardiert worden. Angegriffen wurden aber nur Randbezirke der Provinz Siem Reap, weit weg von der gleichnamigen Provinzhauptstadt in der Nähe der Tempelstadt im Dschungel. Der Name von Siem Reap könnte, wie wir dort lernen, auch als aktuelle Propagandaparole taugen. Er heißt angeblich so viel wie: „Siam besiegt“ – was wohl auf die jahrhundertelangen Kriege zwischen den aus China nach Südostasien vertriebenen Thai-Völkern und den dort schon vorher ansässigen Khmer verweist, jedoch schon lange an der Realität vorbeigeht. Das Reich von Angkor wurde 1431 von den Thais erobert. Und auch heute scheinen die Kambodschaner dem größeren Nachbarn ökonomisch und militärisch nicht gewachsen. In und um Siem Reap kann man Schmuck aus Patronenhülsen erwerben, ein Landminenmuseum besuchen und Riesenhamsterratten als „HeroRats“ bei der Arbeit beobachten: der Suche nach Minen, von denen aus Zeiten des Vietnamkriegs und des Bürgerkriegs noch Tausende in kambodschanischem Boden liegen. Frage an uns selbst: Ausgerechnet das minengeplagte Kambodscha soll heimlich Minen auf thailändischem Territorium vergraben haben? Gegenfrage: Ausgerechnet Thailand, ein Land mit über 40.000 Tempeln, soll wegen zwei Tempeln Krieg führen gegen eines der ärmsten Länder Asiens? Verstecke für Juwelen Ein Land, das vor knapp tausend Jahren allerdings die größte und reichste Stadt der Welt besaß und deshalb heute die größte und großartigste Tempelanlage der Welt hat. Die kleinen Löcher in vielen Ruinen des riesigen Areals von Angkor Wat erklären uns die einheimischen Guides mit ernsthafter Miene als Verstecke – für Juwelen, die die Khmer vor Eindringlingen verbergen wollten. Also vor den Thais, was sich bei genauerem Nachforschen als amüsanter Mix aus Geschichtsverdrehung und aktueller Kriegspropaganda erweist. In Wahrheit handelt es sich um Transportlöcher für Holzpflöcke und Stangen zum Anheben der schweren Sandsteinquader. Im Haupttempel von Angkor Wat mit seinen berühmten fünf Türmen in Form von Lotosknospen und den von grandiosen Flachreliefs gesäumten Gängen ertappen wir uns dann beim Gedanken, dass man dieses Weltwunder mit dem etwas verstörten Gemüt eines friedliebenden Reisenden in Kriegszeiten auch ganz neu lesen kann: als steingewordene Kriegs­erzählung. Diese berühmten Reliefs, 540 Meter lang, mehr als tausend Qua­dratmeter in Stein gemeißelte Darstellungen aus der hinduistischen Mythologie – sind es nicht vor allem Bilder von Kriegen und Schlachten? Kriege zwischen Menschen und Menschen, Menschen und Dämonen, Göttern und Dämonen, Göttern und Göttern. Heute haben wir es wohl etwas besser. Wenigstens die Dämonen und Götter lassen uns in Frieden. Wir freuen uns bald wieder auf ein Land ohne Krieg, einen Ort der Friedlichkeit. Auf Luang Prabang also, die alte Königsstadt von Laos, dessen letzten Monarchen die kommunistischen Partisanen der Pathet Lao im Lager sterben ließen. Heute herrscht ein weniger brutales, die Armut jedoch betonierendes Einparteiensystem. Fast physisch spürbar ist die wachsende Abhängigkeit vom riesigen Nachbarn China, der das kleine Laos mit einer teuren Schnellzugstrecke nach Luang Prabang an sich gebunden hat. Noch wirkt das Städtchen am Mekong fast museal, eine friedliche Zeitinsel inmitten einer rabiater werdenden Welt. Buddhistische Besinnlichkeit im Einklang mit touristischer Jagd nach Fotomotiven liefert um 5.45 Uhr das allmorgendliche Ritual des Defilees der Bettelmönche, die ihre Almosen im Spalier der meist chinesischen Reisegruppen abholen. Daneben ist das französische Erbe architektonisch und kulinarisch spürbar. Das amerikanische allerdings auch. Auf dem täglichen Nachtmarkt von Luang Prabang wird hübscher Schmuck aus Bombenresten feilgeboten. Von 1964 bis 1973 war Laos Ziel und Opfer des „Secret War“ der CIA, in dem die US-Luftwaffe, um die Nachschubwege des Vietcong zu zerstören, über dem am Vietnamkrieg unbeteiligten Land mehr Bomben abwarf als im gesamten Zweiten Weltkrieg. All das geschah ohne Kenntnis des Senats, ein kriegerischer Akt ohne Legitimation selbst im eigenen Land, wie er auch 2026 wieder dem Verständnis amerikanischer Allmacht zu entsprechen scheint. Dann schiffen wir uns ein für die zweitägige Reise auf dem Mekong bis zur thailändischen Grenze. Passieren die gewaltige Baustelle eines Staudamms, den Thailand in Laos baut, um von 2030 an Strom fürs eigene Land abzuzweigen. Sehen weiter flussaufwärts Hunderte Goldgräber entlang dem schwer zugänglichen Ufer hocken. Ganze Familien hausen dort in kärglichen Zelten auf dem nackten Fels, um ein paar gelb funkelnde Körnchen aus den Sedimenten des braunen, trüben Stroms zu sieben. Dann die Einreise nach Thailand, dessen Goldgrube der Tourismus ist. Erleichtert darüber, dass der Reiseplan bisher aufgegangen ist, die Idee, das Frontgebiet zu umrunden, tun wir dort, was Thailand-Reisende eben so tun. Genießen Streetfood und Mango-Shakes, fahren Tuktuk, bestaunen Tempel, amüsieren uns aber in Chiang Rai auch über den von Touristenschlangen umlagerten „White Temple“, ein Gebäude wie eine buddhistische Interpretation von Disneyworld (das nun auch ganz ernsthaft einen Ableger in Thailand plant). Besuchen in Chiang Mai das wunderbare Kulturzentrum Kalm, das Kunst und Kunsthandwerk Thailands feiert. Rumpeln mit dem Nachtzug zweiter Klasse spartanisch vergnügt nach Bangkok. Und bekommen dann doch späte Zweifel, ob der letzte Teil des Reiseplans aufgeht. Ob er doch noch am Kleinkrieg der Thais und Khmer scheitert, der so klein inzwischen nicht mehr ist. Täglich im Dezember liest man von Bombardements, später von vielen Toten und einer halben Million Flüchtlingen. Und wie andere Länder hat Deutschland kurz vor den Feiertagen eine Reisewarnung ausgesprochen, die erstmals auch eine touristisch populäre Grenzregion betrifft, die Inseln von Trat, allen voran Koh Chang, unser Weihnachts- und Neujahrsziel. Keine fünfzig Kilometer von der Grenze entfernt und deshalb als Gefahrenzone eingestuft. Hinfahren oder stornieren? Ein, zwei Tage Zweifel, dann die Entscheidung. Wir fahren, Abfahrt Heiligabend, so wie viele andere, die wir am Abfahrtspunkt treffen. Die meisten haben kurzfristig gebucht. „Erst mal die Eltern beruhigt“, so ein junges Paar aus Berlin, dann nach den Stornierungen vieler Frühbucher die Vakanzen an den zuvor ausgebuchten Feiertagen genutzt und ein schönes Strandresort für kleines Geld gefunden. Der Bus nach Koh Chang ist also rappelvoll, ebenso, nach fünf Stunden Fahrt, die Fähre auf die Insel. Und dort? Alles friedlich. Gewarnt wird nur vor den Affen. Und vor den gefährlichen Strömungen der Regenzeit, die lange vorbei ist. 160 stornierte Übernachtungen in einem Monat, klagt Peter, unser Gastgeber, hatte er binnen eines Monats. „Sonst bin ich von Ende Oktober bis in den März immer ausgebucht.“ Besonders sauer ist er auf die Zeitungen in seiner schwedischen Heimat. „Alle fliehen aus Koh Chang“, zitiert er die Schlagzeile eines Boulevardblatts, das dazu ein Bild mit Massenandrang an der Fähre zum Festland stellte. „Das Foto ist von 2024, als es mal einen Engpass bei den Fähren gab“, erklärt Peter und schiebt sich zur Beruhigung hinter die Backenzähne eine Ladung Snus, den im Rest der EU verbotenen schwedischen Oraltabak. Und kann sich dann sogar ein wenig amüsieren, vor allem über die Meldung, Thailand habe seine „Militärpräsenz auf Koh Chang verdoppelt“. „Das stimmt“, sagt Peter. „Bisher war es ein Soldat, jetzt sind es zwei.“ Ihr Job ist es vor allem, sich um die militärische Gedenkstätte zu kümmern, die es tatsächlich auf der Insel gibt. Dort fand 1941 die „Schlacht von Koh Chang“ statt, in der die französische Marine die thailändische überrumpelte. Unsere Hoffnungen, keine zweite zu erleben, erfüllen sich, was niemanden überrascht. Die kambodschanische Marine verfügt nur über Patrouillenboote und Kanus. Am zweiten Weihnachtstag gibt es einen Waffenstillstand, dem Peter zwar noch nicht traut, doch der „Krieg“ bekommt immerhin ein offizielles Down­grade zum „Konflikt“, 18 kriegsgefangene Kambodschaner dürfen nach Hause, und an Silvester stauen sich an der Inselfähre die Autos nun tatsächlich über mehr als einen Kilometer – allerdings auf der Landseite. Alle wollen nach Koh Chang, wo wir am überfüllten „Lonely Beach“ um Mitternacht ein prächtiges Raketenfeuerwerk erleben. Und tags darauf am benachbarten Kaibae Beach das tägliche Bad der Elefanten vom örtlichen Camp im Meer verfolgen. Manchmal sind sie allerdings von so vielen Selfie-Touristen umzingelt, dass man den Elefant vor lauter Mensch kaum sieht. Und doch kein schlechtes Schicksal, finden wir beim Gedanken an die Khmer-Krieger mit ihren Schlachtelefanten auf den Reliefs von Angkor Wat. Heute muss kein Elefant mehr in den Krieg, das ist doch schon mal ein Fortschritt. Am Ende der Reise, nach zwei sonnigen Wochen auf Koh Chang und Koh Kood, sind wir in Bangkok. Es ist morgens, kurz vor halb sieben vor dem Starbucks an der Khaosan Road, wo mit Schlauch und Mob der Müll der Partynacht weggewischt wird, trinken ein paar, die noch wach sind, den ersten Kaffee. Wir trinken mit – und klauben neugierig ein Fundstück vom Boden. Ein DIN-A4-Blatt, darauf die Silhouette eines männlichen Torsos, grafisch aufgeteilt in die Zahlenbereiche einer Schießscheibe. Kopf und Herz bringen zehn Punkte. Der anonyme Schütze, der das Blatt vom „Fun Shooting Khaosan Rd.“ mitgebracht hat, war von seiner Performance, ein Loch in der Neun, eins in der Acht, dazu ein paar Streifschüsse, wohl nicht begeistert genug, um sich das Dokument seines Killerinstinkts daheim einzurahmen. Das werden auch wir nicht tun. Aber es landet doch als kleines Souvenir im Reisegepäck nach Hause. Näher sind wir Einschusslöchern zum Glück nicht gekommen bei unserer Frontumrundung.