Eine grüne Pflanzenwelt umgibt die Bühne der Frankfurter Batschkapp. Ovale, mindestens tellergroße Blätter hängen von den Ästen herab, vor denen sich Rapper Tkandz bewegt. Mühelos wirbelt der junge Brite in seiner silbernen Glitzerjacke von der einen auf die andere Seite, entlang des kleinen Dschungels, während er seinen größten Hit „Now or Never“ performt. Es sind nur wenige Minuten, die Tkandz auf der Bühne steht. Denn obwohl er an diesem Abend sein Deutschlanddebüt feiert, ist er nur einer von mehr als einem Dutzend Künstlern. Die aus Berlin stammende Reihe „Unreleased“ ist auf ihrer Tour jetzt erstmals in Frankfurt aufgetreten. Seit 2023 gibt es das Format, das jungen Künstlern aus der Hip-Hop-Szene eine Bühne bieten will. Aber auch etablierte Namen wie Nina Chuba sind dort schon aufgetreten. Doch die Liste der teilnehmenden Rapper ist geheim. Die Zuschauer im Publikum kaufen die Tickets also in der Hoffnung, neben Talenten die Stars zu sehen. Außerdem präsentiert jeder Act, auch das ist Teil des Konzeptes, einen bislang unveröffentlichten Song. Videoaufnahmen sind daher während der zwei Stunden langen Konzerte untersagt. Zudem soll das Handyverbot die Intensität erhöhen, kein Bildschirm die Spannung zwischen Publikum und Künstler stören. So richtet sich der Fokus auf die Bühne und die Dschungelwelt, Markenzeichen von „Unreleased“. Diese steht für Wachstum und das kreative Potential der Hip-Hop-Szene, wie der 30 Jahre alte Frankfurter Walmir Hong Thomé de Moura erläutert. Im Sommer 2023 hat der junge Politikwissenschaftler gemeinsam mit Memo Kücük und Fede Battaglia das Format ins Leben gerufen. Eine Idee dahinter: „Wir möchten Newcomern die gleiche Aufmerksamkeit bieten wie etablierten Acts“, sagt Mitgründer Battaglia. Den besten Flex in Frankfurt Dicht drängen sich die Besucher nun in der ausverkauften Batschkapp vor der Bühne. Eine Gruppe junger Männer in Trainingsanzügen wippt vor Beginn des Konzertes lässig mit dem Oberkörper zu den Beats, die aus den Boxen schallen. Dann geht es los. Die Texte an diesem Abend entsprechen dem bekannten Hip-Hop-Duktus, sie leben von Selbstbewusstsein und deftiger Wortwahl. „Ich habe immer noch den besten Flex in Frankfurt“, rappen zum Beispiel Mo Douzi und Manuellsen, die beiden Stars der Szene. Rabiater ist zuvor schon Locaine Binks. Als die Frankfurterin zu ihrer Musik ins Publikum ruft, dass Bundeskanzler Friedrich Merz „das ganze System“ ruiniere, und den Mittelfinger hebt, branden Jubelrufe auf. Nicht immer ist es so laut. Denn kurz vor dem 19. Februar, dem Tag vor sechs Jahren, als ein Rechtsextremer in Hanau neun Menschen mit Migrationsgeschichte getötet hat, ist die Stimmung auch ernster. Jemand im Publikum hält einen Beutel mit den Namen der Mordopfer hoch. Auf einer Videoleinwand sprechen die Geschwister von Ferhat Unvar, der damals im Alter von 23 Jahren ermordet wurde. „Hätte ich mich nur getraut, dich noch einmal zu umarmen“, sagt die Schwester. Dann erzählt sie ihrem Bruder im Himmel, was in den vergangenen sechs Jahren passiert ist, berichtet von ihrer Hochzeit und wie der zweite Bruder nun groß wird. Vereinzeltes Schluchzen geht durchs Publikum, ein junger Mann legt seinen Arm um seinen Freund und tröstet ihn. Voller Gefühl ist auch der Auftritt von Indiemusiker Ivo Martin, der von den sonst kraftvollen Beats des Konzertes abweicht. Zu seinem Lied „Küss mich“ begleitet er sich selbst an der Gitarre, singt Zeilen wie: „Ich will bei dir sein für alle Ewigkeit.“ Währenddessen halten die Besucher ihre Feuerzeuge in die Höhe. Zwar sind es die letzten sanften Klänge des Abends, für das Format „Unreleased“ ist der Ausflug nach Frankfurt jedoch erst der Auftakt. Denn wenige Minuten später künden die Veranstalter de Moura, Battaglia und Kücük an, dass es im Sommer ein Festival in Berlin geben wird. Open Air, noch größer, noch spektakulärer. Vom kleinen Frankfurter Dschungel geht es dann hinaus in die weite Welt.
