Es ist nicht das erste Mal, dass Heinrich XIII. Prinz Reuß auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt. In dem Prozess am Frankfurter Oberlandesgericht, der im Mai 2024 begonnen hat, hatte er bereits „zur Person“ ausgesagt. Im Juni vergangenen Jahres schilderte er da seine Familiengeschichte. Wer ihn dabei erlebt hat, sah einen Mann, dem es an diesem Tag schwerfiel, zu sprechen. Unter Tränen und mit brüchiger, fast heiserer Stimme trug er vor, was er sich zuvor auf einem Zettel notiert hatte. Mehr als eineinhalb Jahre später fällt es dem Vierundsiebzigjährigen immer noch schwer, vor dem Gericht auszusagen. Bereits nach einem Satz bricht ihm die Stimme, immer wieder muss er Pausen machen, wenn er spricht. „Ich weiß nicht, was das soll mit dieser Emotionalität“, sagt er nach wenigen Sätzen. „Das ist mir selbst fremd.“ Schniefend und teilweise unter Tränen äußert sich der Mann, der als zentrale Figur in diesem Prozess gilt, an diesem Mittwochvormittag zum ersten Mal öffentlich zu den Anklagevorwürfen. „Ich habe nie davon gesprochen, das Reichstagsgebäude oder den Bundestag zu erstürmen“, sagt Prinz Reuß. Im Gegenteil: Ein solches Vorhaben hätte er damals für „idiotisch“ gehalten. „Es ging nur um die Rettung von Kindern“ Vieles, was die Anklage ihm vorwirft, leugnet Prinz Reuß oder relativiert es. In seiner Einlassung zeichnet er das Bild eines alleinerziehenden Vaters, der auf eine Verschwörungsgeschichte hereingefallen ist, weil es in ihr um Kinder ging. Er habe immer in den sozialen Medien von sogenannten DUMBS (Deep Underground Military Bases) gelesen, in denen angeblich Kinder gefangen gehalten und missbraucht werden. Diese Annahme ist Teil von Verschwörungstheorien, wonach es einen weltweit operierenden Pädophilenring gibt, dem auch Prominente und Politiker angehören. Es sei richtig, dass er zwei Brüdern aus der Schweiz 50.000 Euro gegeben habe, sagt Prinz Reuß. Anders als die Bundesanwaltschaft behauptet, sei dieses Geld aber für den Kampf gegen den vermeintlichen Pädophilenring gedacht gewesen – und nicht für einen gewaltsamen Umsturz. „Es ging nur um die Rettung von Kindern, nichts anderes war kommuniziert.“ Wie bereits die Mitangeklagte Birgit Malsack-Winkemann sagte, soll daneben der Glaube an eine vermeintliche Erdallianz für ihn eine zentrale Rolle gespielt haben. Prinz Reuß habe geglaubt, dass diese Allianz einen Umsturz herbeiführe und die Rechtsverhältnisse in Deutschland danach neu gestaltet hätten werden müssen. Eine genaue Vorstellung davon, was ein solches Eingreifen bedeutet hätte und wie die Verhältnisse in Deutschland danach ausgesehen hätten, habe er nicht gehabt. „Ich räume ein, dass es realitätsfern war, an sowas überhaupt zu denken.“ Dass diese Allianz nicht existiert, sei ihm bereits vor seiner Festnahme klar geworden. Es war aber nicht nur der Kampf gegen die DUMBS, die Prinz Reuß dazu gebracht haben sollen, auf ein Eingreifen der Allianz zu hoffen. Seit dem Mauerfall im Jahr 1989 hatte er nach eigenen Angaben versucht, frühere Besitztümer seiner Familie zurückzuerlangen. Er habe nicht an eine Souveränität Deutschlands geglaubt. Ein Reichsbürger zu sein, bestreitet er jedoch. Erster Kontakt zu Mitangeklagtem im Oktober 2021 In seiner Aussage wird deutlich, dass er glaubte, dass eine Neuordnung der Verhältnisse in Deutschland ihm dies erleichtert hätte. Prinz Reuß hebt hervor, dass es ihm dabei immer um einen friedlichen Weg gegangen sei. Mehrfach sagt er an diesem Tag, dass er Gewalt ablehne. „Ich bin kein Terrorist, ich war kein Terrorist und ich werde auch kein Terrorist werden.“ Seine Suche nach dieser ominösen Allianz soll auch ausschlaggebend für den Erstkontakt zu den Mitangeklagten gewesen sein. Am 18. Oktober 2021 sei er „bei einem geschäftlichen Termin“ – die Anklage geht von einem Reichsbürgertreffen aus – von einem Mann angesprochen worden, der in der Reichsbürgerszene bekannt ist. Dieser habe ihm von einem hohen Militärangehörigen erzählt, der eine Verbindung zur Allianz habe und der in der Stadt sei. Aus Neugier habe er einem Treffen zugestimmt. Der Mann sei dann mit ihm in eine Gartenkolonie nahe Dresden gefahren. Dort habe sich der ebenfalls angeklagte Maximilian Eder als die ihm angekündigte Person herausgestellt. „So saß ich einem Militär von Rang gegenüber, der mit mir über pädophilen Missbrauch in Untergrundbasen sprach.“ Danach habe es mehrere Treffen, auch mit weiteren Personen und Mitangeklagten, gegeben, bei denen über die DUMBS und die Allianz gesprochen worden sei. Prinz Reuß beendet seine Einlassung an diesem Tag mit den Worten „Ende des Kapitels“. Nach Aussage seines Verteidigers, Roman von Alvensleben, will er sich in den nächsten Wochen unter anderem zu den Ratstreffen und dazu, „wie er in diese Situation hineingeraten ist“, äußern.
