FAZ 17.12.2025
16:03 Uhr

Reichsbürger-Prozess: Prinz Reuß spricht von „unverzeihlichen Sünden“


Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt versucht Prinz Reuß abermals, eine Erklärung dafür zu finden, warum er vor Gericht steht. Unter anderem soll „Desinformationsterrorismus“ dafür verantwortlich sein.

Reichsbürger-Prozess: Prinz Reuß spricht von „unverzeihlichen Sünden“

Die Art, wie die beiden Männer an diesem Mittwoch vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt aussagen, könnte kaum unterschiedlicher sein. Direkt zu Beginn der Verhandlung nimmt Heinrich XIII. Prinz Reuß auf dem Zeugenstuhl in der Mitte des Saals Platz. Im dunkelblauen Anzug und weißen Hemd liest er langsam und mit ruhiger Stimme den zweiten Teil seiner Einlassung vor, die in der vergangenen Woche begonnen hat. Einiges, was er vorträgt, ist eine reine Wiederholung, etwa wenn er hervorhebt, keinen gewaltsamen Sturm auf das Reichstagsgebäude geplant zu haben. Was in der Einlassung des Vierundsiebzigjährigen aber zum ersten Mal ausgesprochen wird: Die sogenannte Erdallianz, ein vermeintlicher Geheimbund, an den die Gruppe geglaubt hat, habe er als eine Bedrohung angesehen. Zuvor war in diesem Prozess immer wieder die Rede davon, dass man keinen gewaltsamen Umsturz geplant habe. Auf eine grundlegende Veränderung der staatlichen Ordnung habe man schon gehofft – durchgreifen sollte aber die „Allianz“. Prinz Reuß sagt nun: „Ich empfand die Erdallianz und ihr Vorhaben als reine Bedrohung für die Struktur der Bundesrepublik.“ Er habe aber Kontakt zu ihr haben wollen, um sicherzugehen, dass seine bisherigen Restitutionsbemühungen nicht umsonst waren. Reuß fühlt sich von Telegram und Co. indoktriniert Immer wieder habe er in sozialen Medien davon gelesen, wie dieser ominöse Geheimbund „mit uns unbekannten Waffen“ Einfluss auf die Regierung Deutschlands nehmen wolle. Er habe befürchtet, dass eine Diktatur errichtet werde. Er, als Privatperson, hätte jedoch nichts tun können. „Desinformationsterrorismus“ – so bezeichnet er die Flut an Meldungen über angebliche Pläne der Allianz in Telegramkanälen heute. Dass er diese unkritisch übernommen habe, seien „unverzeihliche Sünden“. Man könne auf die Idee kommen, dass jahrelange Desinformation und Indoktrination als Waffe eingesetzt werden. „Ich frage mich, wer hat ein Interesse daran?“ Eine Antwort auf diese Frage gibt Prinz Reuß nicht. Rund eineinhalb Stunden redet Prinz Reuß an diesem Tag. Dann nimmt nach einer kurzen Unterbrechung ein weiterer Angeklagter auf dem Zeugenstuhl Platz: Maximilian Eder, in weinrotem Anzug und rosafarbenem Hemd, äußert sich abermals zu der Anklage. Er bekräftigt Prinz Reuß' Aussage, dass es nie um einen Sturm auf den Bundestag gegangen sei. Eder zufolge ging es allein um „die Aufklärung satanisch ritueller Pädophilie“ und eine Finanzierung dieses Vorhabens. Immer wieder wird Eder aufbrausend und lauter. Zum Beispiel dann, wenn er über die Corona-Maßnahmen spricht oder wenn er Vorwürfe gegen den früheren Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Zusammenhang mit der sogenannten Masken-Affäre erhebt. E-Mails, die Eder im Oktober 2022 geschrieben hat und die an diesem Verhandlungstag ebenfalls besprochen werden, legen nahe, dass Eder häufiger zur Emotionalität neigt. So schreibt er in den Nachrichten, die an zahlreiche Empfänger gleichzeitig gingen – unter anderem an CSU-Politiker Markus Söder und Hubert Aiwanger (Freie Wähler) –, im letzten Absatz direkt an den CDU-Politiker Jens Spahn: „Die Zeit des Verzeihens ist schon lange vorbei – game over. Jetzt naht die Zeit des Auf- und Abrechnens.“ Auf seine Wortwahl vom Vorsitzenden Richter, Jürgen Bonk, angesprochen, sagt Eder: „Ich habe einen Mordsgrant gehabt.“ Seine Aussagen seien seiner Meinung nach aber von der Meinungsfreiheit gedeckt gewesen.