FAZ 21.11.2025
17:32 Uhr

Regisseur Julian Radlmaier: Umsturz von unten


Jullian Radelmaier: Star des deutschen politischen Kinos

Regisseur Julian Radlmaier: Umsturz von unten

Die Verwalter der Barbarossahöhle in den Felsen des Kyffhäusers betreiben ein wenig Etikettenschwindel. Sie werben mit einem „mystischen Glanz“, die Farbeffekte, die man während der Führung erlebt, wurden aber ganz normal bei einschlägigen Lichtkünstlern in Auftrag gegeben. Dass sich mittelalterliche Sagen bemerkbar machen, während Touristen aus aller Welt durch die Anhydrithöhle stapfen, das wäre natürlich ein ganz anderer Spezialeffekt. Man muss ja nicht gleich über den Bart des legendären Kaisers stolpern. Es reicht auch schon ein Edelstein, der einem unvermutet entgegenfunkelt. Auf Insta könnte man daraus eine Sensation machen. Der Film „Sehnsucht in Sangerhausen“ von Julian Radlmaier weiß um solche Attraktionen. Er findet aber eigene Wege in die Schächte und Verliese des deutschen Imaginären. Im Harz hat die Nation einen Channel in ihr Unbewusstes. Kanal sagt heute niemand mehr, das klingt nach Kläranlage oder Zahnarzt. Die Stadt Sangerhausen ist bekannt wegen ihrer Rosensammlung, wegen der Nähe zum Kyffhäuser und wegen der Hohen Linde, einer Abraumhalde aus Kupferschiefer, die wie ein Monument in der Landschaft liegt. Sie ist nur nicht ganz so heilig wie der leuchtend rote Uluru in Australien. Die Hohe Linde ist grau, und ohne Genehmigung darf niemand sie besteigen. Die Suche nach der blauen Blume In Sangerhausen bringt Radlmaier ein paar Menschen zusammen. Da ist zuerst einmal Ursula (Clara Schwinning), die in einem Möbelgeschäft sauber macht und dann den Tag über in einem Café kellnert. Sie stockt auf, den einen Job mit dem zweiten, eine Erwerbsbiographie der Spitzenklasse zeichnet sich vorerst nicht ab. Ursula ist zusammen mit einem Uwe Ursprung, der Mann mit dem schönen Namen ist aber nicht groß wichtig, denn es taucht eine Frau auf, die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie heißt Zulima, wie eine Figur aus dem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis. Einer Professorentochter kann das schon einmal passieren, dass sie so exotisch nach Lektüre getauft wird. Für Ursula öffnet sich mit Zulima eine neue Welt. Sie spürt, dass ein Kuss auf einem Feldweg alles verändern könnte. Vielleicht könnte sie mit Zulima nach Berlin gehen. Vielleicht könnte sie lesbisch in eine bessere Gesellschaft einheiraten. Ob ihre Gedanken wirklich so weit vorauseilen, bleibt ungewiss, denn Ursula ist – wohl auch für sich selbst – ein Geheimnis. Eine schöne, introvertierte Frau, die in alltäglicher Kluft durch die Gegend läuft. Welche Leidenschaft in ihr steckt, sieht man in dem Moment, in dem sie von ihrem Schwiegeropa einen Autoschlüssel stibitzt und dann mit einem kleinen roten Hyundai nach Zulima sucht. Doch die ist schon wieder weg. Sangerhausen war nur eine Tournee-Station. Einen funkelnden, blauen Stein hat sie achtlos auf einem Mülleimer liegen gelassen. In der Romantik war die Suche nach einer blauen Blume ein zentrales Motiv. Erfunden wurde es von Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, eben jenem Novalis, der aus dem Mansfelder Land stammte, das sich nördlich von Sangerhausen erstreckt. In den Kiosken von Sangerhausen kann man Broschüren mit „Mansfelder Sagen“ erwerben, wenn man sich dafür mit einer barschen Verkäuferin anlegen mag. Radlmaier lässt sich von Novalis leiten, er macht aus der Blume einen Stein, das passt besser zu der ostdeutschen Landschaft, die von der Epoche der Extrahierung noch gezeichnet ist. Ursula wäre demnach eine Romantikerin des 21. Jahrhunderts. Und „Sehnsucht nach Sangerhausen“ könnte man als einen Versuch lesen, einer heutigen politischen Romantik auf die Spur zu kommen. Dann kommt die Reise-Influencerin Der Begriff ist an und für sich besetzt. Carl Schmitt schrieb am Ende des Ersten Weltkriegs ein Buch gleichen Titels, in dem er sich gegen „Ironie und Intrigue“ der Generation Blaue Blume wandte, und die feste Burg des römischen Katholizismus als Rückzugsort empfahl. Den Anspruch seines Titels löste Schmitt dabei nicht wirklich ein. Die Frage, ob eine „Politische Romantik“ denkbar sein könnte, taucht bei Julian Radlmaier somit wieder auf, und zwar von links. Er hat sich im jungen deutschen Kino einen Namen gemacht mit hintersinnigen, spielerischen Versuchen über die Bruchstücke einer einst stolzen Ideologie. In „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ führte er die prekäre Arbeit auf einer Apfelplantage mit der nicht weniger unsicheren Existenz eines jungen Filmemachers zusammen und machte daraus einen sehr klugen Versuch über die Möglichkeit besserer Verhältnisse. In „Blutsauger“ spielt Lilith Stangenberg eine norddeutsche Fabrikbesitzerin namens Octavia Flambow-Jansen, die sich in einen Versprengten der sowjetischen Revolution verguckt und mit diesem Ljowuschka die Träume Eisensteins an der Ostsee wiederzubeleben versucht. Dass in dieser „marxistischen Vampir-Komödie“, wie sie sich selber nennt, ein „Marx-kritischer Marx-Lesekreis“ auftaucht, kann man als programmatisch nehmen. Radlmaier arbeitet mit den Bruchstücken des theoretischen Apparats, der zuletzt ja wieder an Popularität gewann. An vielen Orten in der Gesellschaft zeigt sich eine Hoffnung, die geläufigen Konzepte wie der Klassenkampf, die Dynamik von Basis und Überbau, vielleicht sogar die Dialektik, könnten etwas zur Verbesserung der politischen Verhältnisse beitragen. Marxistische Dogmatik wird zur Ressource in einer Situation, in der vom Geschichtsverlauf in erster Linie Albträume zu erwarten sind. Dann schon lieber Bewegungsgesetze der Gesellschaftsformationen, scheinen sich manche gerade zu denken. Ein gänzlich unerwartete Person Radlmaier geht es nun keineswegs um klassischen Agitprop, im Gegenteil macht er mit „Sehnsucht in Sangerhausen“ einen deutlichen Schritt aus dem Schatten einer Kinomoderne, die das Medium oft recht plan als ein Werkzeug zur Erzeugung von richtigem Bewusstsein verstand. Er bringt die Überschüsse des Romantischen mit den Bruchstücken einer deutschen National-Mythologie zusammen und arbeitet die vielfachen Produktionsverhältnisse eher beiläufig ein. Dass in dem Orwo-Werk in Bitterfeld einst Menschen die Emulsion von Filmstreifen von Hand angerührt haben (und dass das Wissen darum in Sangerhausen noch vorhanden ist), ist ihm ebenso ein Detail wert wie der Anschiss, den sich die Kammermagd Lotte als „faule Gans“ auf dem Anwesen der Familie Hardenberg holt. Sie taucht in einem Prolog auf, der ins 18. Jahrhundert zurückführt und schließlich zu einer originellen Pointe in der Barbarossahöhle führt. Auch das gehört zu der Tradierung der Gedanken von Karl Marx: Sie suchen die Gegenwart als „Gespenster“ heim, und Radl­maier ist als Filmkünstler jemand, der in der flirrenden Landschaft den Unterschied zwischen richtigen Menschen und Wunschbildern porös werden lässt. Ursula muss sich die Gedanken an Zulima wohl aus dem Kopf schlagen. Dass ihr das nicht so schwerfällt, hat mit Neda zu tun, einer jungen Frau, die in Sangerhausen mit der Kamera unterwegs ist. Sie wäre gern Reise-Influencerin, hat sich dafür aber vielleicht nicht den coolsten Ort ausgesucht. Da hilft auch ihre Pointe nicht viel, dass sie sich von „Hartz im Harz“ ein Bild machen will. Die vielen Koalitionen, die Deutschland seit Gerhard Schröders Agenda hatte, haben die unsinnige Etikettierung einer Unterstützungsleistung mit dem Namen eines Politikberaters, Peter Hartz, ja inzwischen abgeräumt und seither auch das Wort „Bürgergeld“ unmöglich gemacht. Neda ist eine jener Figuren, die es bei Radlmaier immer gibt: eine gänzlich unerwartete Person, eine Frau, die hereinschneit von irgendwo, wie auch der Koreaner Sung-Nam, der in Sangerhausen mit einem klimatisierten Kleinbus Touren zu lokalen Destinationen anbietet und dabei seinen Sohn Buk bei Laune halten will. Als Neda auf einem öffentlichen Platz eine Reinigungsarbeiterin findet, in der sie eine Bekannte aus Teheran wiedererkennt, wechselt „Sehnsucht in Sangerhausen“ für eine Weile in die Sprache Farsi, und Radlmaier lässt erkennen, dass er sich von Abbas Kiarostami, dem größten Filmemacher aus Iran, stärker inspirieren lässt als von den Helden des ausdrücklich linken Kinos wie Jean-Luc Godard oder Peter Watkins. Das politische Kino hatte immer schon diese beiden Pole: auf der einen Seite der Diskurs, in Worten und in der Anordnung der Bilder, also in der Montage; auf der anderen Seite eine Poesie, die aus dem Geist der Utopie kommt und die keinen vorgezeichneten Weg in eine bessere Zukunft weist, aber doch deutlich auf eine Differenz zum „beschädigten“ oder sonst wie benannten defizienten Leben abhebt. Julian Radlmaier macht in „Sehnsucht in Sangerhausen“ auch jede Menge Diskurs, er versteckt seine Belesenheit und seine Recherchen, die er in der Gegend zweifellos betrieben hat, in einer Geschichte, die etwas von der Zwanglosigkeit eines Frühlingstags hat. Letztlich müssen alle Revolutionen irgendwie in den Körpern der Menschen ankommen und am besten nicht als Pistolenkugel oder als Fallbeil. Radlmaier dreht die Sache um. Er beginnt mit der physischen Präsenz seiner Schauspieler, die – bis auf Henriette Confurius – noch nicht allzu bekannt sind. Ursula bewegt sich durch die Welt, als wäre sie plötzlich aufgewacht, hätte nun aber erst diese gefährliche Trittsicherheit, die Schlafwandler haben. Der blaue Stein scheint Sangerhausen so verzaubert zu haben, dass Sehnsucht sich zwanglos Geltung verschafft. Damit wird der Film zu einem Exerzitium eines gewaltlosen Umsturzes von unten, bei dem es nicht darum geht, reichen Menschen eine Menge Geld abzuknöpfen oder sie gar zu enthaupten, sondern zuerst einmal nur darum, zusammenzufinden zu einer möglichen Gemeinschaft. In einer Stadt, die einst in der DDR lag, führt ein Weg zu dieser Gemeinschaft über die „Straße der Volkssolidarität“, aber dieser Begriff muss erst noch mit Leben gefüllt werden. Von diesem Leben gibt Julian Radlmaier einen Vorschein. Er tut dies mit den Registern einer romantischen Komödie, die schließlich tatsächlich so etwas wie mystischen Glanz ausstrahlt.