FAZ 20.02.2026
13:19 Uhr

Regionalflughafen Kassel: „Im Dezember hat Calden nicht einen Fluggast gesehen“


Die Grünen im Hessischen Landtag haben untersuchen lassen, wie stichhaltig das positive Gutachten der Landesregierung zum Flughafen Kassel-Calden ist. Das Ergebnis ist aus Sicht der Partei für den Airport desaströs.

Regionalflughafen Kassel: „Im Dezember hat Calden nicht einen Fluggast gesehen“

Für die Grünen passt nicht zusammen, dass der Kassel Airport zwar den Status eines Verkehrsflughafens hat, aber kaum Flugverkehr. Dass er Jahr für Jahr Millionenverluste erwirtschafte, aber von der Landesregierung nach wie vor als „volkswirtschaftlicher Gewinn für die Region“ betrachtet werde. Deshalb haben sie den Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Thießen von der TU Chemnitz beauftragt, eine Studie kritisch zu prüfen, die 2024 von einem „Zentrum für Recht und Wirtschaft des Luftverkehrs“ angefertigt worden war. Als dessen Vorstand und Sprecher fungiert Richard Klophaus von der Hochschule Worms. Das „Zentrum“ selbst ist nicht Teil der Hochschule. Wagner: Schönrechnerei muss aufhören Diese Studie bescheinigt dem Kassel Airport beste wirtschaftliche Effekte, obwohl nach Angaben der Grünen im vergangenen Jahr nur mehr 25.000 Passagiere Calden zum Verreisen nutzten. Im Dezember habe der Flughafen nicht einen Fluggast gesehen. Ursprünglich waren jährlich 500.000 bis 600.000 Passagiere schon von 2020 an prognostiziert worden. Das Gutachten von Thießen kommt nicht nur zu gänzlich anderen Ergebnissen als Klophaus, es sieht zudem Unschärfen und Mängel in der Studie, die zu Fehleinschätzungen führten. Mathias Wagner, Fraktionschef der Grünen im Hessischen Landtag, sieht in Thießens Analyse den Beleg dafür, dass die Landesregierung weiterhin  „Schönrechnerei“ in Sachen Kassel Airport betreibe. Katy Walther, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, sagte, es sei in Zeiten leerer Kassen „höchst unvernünftig“, Steuergeld in einen Verkehrsflughafen zu pumpen, von dem aus kaum jemand fliege. „20 Millionen statt fünf Millionen Euro Verlust im Jahr“ Die Untersuchung im Auftrag der Grünen kommt unter anderem zum Ergebnis, dass die verlautbarten Verluste des Flughafens von fünf Millionen Euro im Jahr nicht einmal die halbe Wahrheit seien. Hinzu kommen demnach rund drei Millionen Euro für die kontinuierliche Bereitstellung der Flughafenfeuerwehr sowie Flug- und Luftsicherheitskosten, die der Status als Verkehrsflughafen erzwingt. Aber auch diese acht Millionen Euro beziffern der Thießen-Studie zufolge noch nicht die gesamten Verluste. Hinzu kämen noch zwölf Millionen abgeschriebene Investitionsmittel. Thießen sieht eine „unübliche Anpassung der Bilanz“, was ziemlich offensichtlich „der Verschleierung der tatsächlichen Verluste“ diene, die mit Steuergeld ausgeglichen würden. Unter dem Strich müsse man von einem Verlust von rund 20 Millionen Euro im Jahr ausgehen, bei einem jährlichen Umsatz von 2,5 Millionen. Das werde nur weder in der Bilanz noch in dem Gutachten von Klophaus ausgewiesen, heißt es weiter in der Thießen-Untersuchung. Ein Erbe des früheren Ministerpräsidenten Koch In keiner Weise belegt ist Thießen zufolge auch die Behauptung, dass die nahe gelegenen Gewerbegebiete, die für Steuereinnahmen sorgten, ohne den Flughafen gar nicht da wären. Tatsächlich seien in Kassel lediglich zwölf Prozent der positiven Effekte dem Flughafen selbst zuzuordnen. Klophaus erwecke jedoch in dieser und anderen Studien zu Regionalflughäfen immer wieder den Eindruck, dass sie die Entwicklung von prosperierenden Gewerbegebieten erst ermöglichten. Ein Nachweis werde aber nicht geführt. Was die Grünen nun aus der Opposition heraus fordern, ist ihnen als Regierungspartei nicht gelungen. In der schwarz-grünen Koalition unter den CDU-Ministerpräsidenten Volker Bouffier und später Boris Rhein habe man aber immerhin erreicht, dass weniger Subventionen in den Airport geflossen seien, äußerte Wagner. Vorangetrieben wurde der Ausbau des Flughafens Kassel-Calden maßgeblich vom früheren Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) als Teil einer Infrastruktur-Offensive für Nordhessen. Herabstufung zum Verkehrslandeplatz würde Kosten senken Die Grünen fordern eine überfällige unabhängige Bewertung des Kassel Airports sowie eine vollständige buchhalterische Entflechtung von Gewerbepark und Flughafenbetrieb. Auch eine Privatisierung des Flughafens müsse man erwägen. Dieser gehört zu 68 Prozent dem Land, Stadt und Kreis Kassel halten jeweils 14,5 Prozent, die Gemeinde Calden besitzt drei Prozent. Zu prüfen ist den Grünen zufolge vor allem eine Rückstufung zu einem Verkehrslandeplatz. Das hätte den Vorteil, dass die besagten Kosten von rund drei Millionen Euro für die stetige Bereitstellung der Flughafenfeuerwehr sowie Flug- und Luftsicherheitskosten verringert würden. Bei einem Verkehrslandeplatz kann das nach Bedarf geregelt werden. Für die Unternehmen der Luftverkehrsindustrie, die dort ansässig sind und eher mit kleineren Flugzeugen und Helikoptern zu tun haben, würde der Status keine Einschränkung bedeuten. In jedem Fall sollten dann die beim Airport eingesparten Subventionen vollständig in die nordhessische Wirtschaft fließen, fordern die Grünen weiter.  Deren Ansicht nach sollten auch eine Umnutzung des Flughafens und ein Ende des Flugbetriebs nicht von vornherein ausgeschlossen werden. In jedem Fall müsse die Landesregierung dafür sorgen, dass eine gute Bahnverbindung zum Frankfurter Flughafen sichergestellt werde. So hätten die Einwohner Nordhessens dann auch Zugriff auf zahlreiche Flugverbindungen. Das zuständige Finanzministerium äußerte zum Vorstoß der Grünen, dass „konstruktive Beiträge und Ideen zur Weiterentwicklung des Kassel Airport“ stets willkommen seien. Man müsse sich aber erst genauer mit dem neuen Gutachten befassen. Grundsätzlich sei der Kassel Airport „ein wichtiges Infrastrukturprojekt für Nordhessen“. Volkswirtschaftlich sei der Flughafen ein Gewinn für die Region. Er schaffe Arbeitsplätze und generiere Steuereinnahmen.