FAZ 30.11.2025
15:40 Uhr

Redaktionsräume gestürmt: Scharfe Kritik an Angriff auf „La Stampa“


Nach dem Angriff propalästinensischer Demonstranten auf die Redaktion von „La Stampa“: Ministerpräsidentin Meloni verurteilt Attacke und Kommentar von Francesca Albaneses scharf.

Redaktionsräume gestürmt: Scharfe Kritik an Angriff auf „La Stampa“

Nach dem Sturm propalästinensischer Demonstranten auf das Redaktionsgebäude der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ vom Freitagnachmittag haben Äußerungen von Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, eine Welle der Empörung ausgelöst. Bei einer Veranstaltung an der Universität Roma Tre, an der auch Greta Thunberg und Thiago Ávila von der „Global Sumud Flotilla“ teilnahmen, kritisierte die italienische Juristin am Samstag zwar den Gewaltakt von Turin. „Aber gleichzeitig soll dies auch eine Warnung an die Presse sein, sich wieder ihrer eigentlichen Arbeit zuzuwenden, die Fakten wieder in den Mittelpunkt zu stellen“, fuhr sie fort. Albanese wirft der Mehrzahl der italienischen Medien vor, in der Berichterstattung über den Nahen Osten eine einseitig proisraelische Haltung einzunehmen. Am Rande einer propalästinensischen Kundgebung in Turin waren am Freitag etwa hundert teils vermummte Demonstranten in das Redaktionsgebäude der „Stampa“ eingedrungen und hatten skandiert: „Giornalista terrorista, sei il primo della lista“ (Terroristischer Journalist, du stehst ganz oben auf der Liste). Die Redaktionsräume waren zu dem Zeitpunkt verwaist, weil am Freitag ein landesweiter Streik der Journalisten für einen neuen Manteltarifvertrag im Nachrichtengewerbe stattfand. Auf Parolen, die auf Fassade und Innenwände der verwüsteten Redaktionsräume gesprüht wurden, wurde das Blatt der Komplizenschaft mit dem israelischen „Genozid“ im Gazastreifen bezichtigt. Zudem sprühten die Demons­tranten „Fuck Stampa“ auf die Wände, was sowohl als gegen das betroffene Blatt wie gegen die Presse insgesamt gerichtet verstanden werden kann. „Beunruhigende Art, Gewalt zu normalisieren“ Der sozialdemokratische Senator Filippo Sensi, Regierungssprecher des früheren Ministerpräsidenten Matteo Renzi, zeigte sich „entsetzt“ angesichts der Wortwahl von Francesca Albanese. Silvia Sardone, stellvertretende Parteichefin der rechtsnationalen Lega, sagte, das Geschehen von Turin als „Warnung“ an die Presse zu bezeichnen, klinge „wie eine versteckte Drohung“ an Journalisten. Davide Faraone, Abgeordneter der linksliberalen Partei Italia Viva, sprach von einer „beunruhigenden Art, Gewalt zu normalisieren“ – nach Art der Parole „Schlage einen, erziehe hundert“. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Vorsitzende der rechtskonservativen Partei Brüder Italiens, bezeichnete es als „äußerst bedenklich, dass angesichts eines Gewaltausbruchs gegen eine Zeitungsredaktion jemand die Presse selbst auch nur teilweise verantwortlich macht“. Das Turiner Blatt „La Stampa“ gilt als liberal-konservativ. Es gehört zum Medienunternehmen GEDI, das unter anderem auch die linke Tageszeitung „La Repubblica“ herausgibt. Mehrheitseigentümer von GEDI ist die Holding der Unternehmerfamilie Agnelli, die einst den Autohersteller Fiat gründete, der vor Jahren in dem internationalen Automobilkonzern Stellantis aufgegangen ist. Andrea Malaguti, Chefredakteur von „La Stampa“, sagte nach dem Sturm auf die Redaktionsräume: „‚Traurig‘ ist das richtige Wort für mein Gefühl. Wir sind eine absolut pluralistische Zeitung. Wir wissen, dass uns jeden Tag jemand sagt: ‚Ihr seid Kommunisten‘, und am nächsten Tag jemand: ‚Ihr seid Faschisten‘. Wir versuchen jeden Tag, unser Bestes zu geben und unsere Arbeit so frei wie möglich und mit größtem Respekt vor allen zu verrichten.“ Malaguti sagte, auf den Aufnahmen der Überwachungskameras sei zu erkennen, dass es sich bei den Randalierern ausnahmslos um sehr junge Leute gehandelt habe. Das lege die Vermutung nahe, dass sie aufgrund von politischer Manipulation zu dem „Akt der blinden Gewalt“ veranlasst worden seien. Führende Vertreter aller Parteien sowie Journalistenverbände hatten sich nach dem Vorfall solidarisch mit der „Stampa“ gezeigt. Francesca Albanese reagierte ihrerseits indigniert auf die Kritik an ihrer Wortwahl. „Es scheint, als wollten sie mich zum Schweigen bringen“, sagte sie am Rande einer weiteren propalästinensischen Demonstration am Samstag in Rom. Sie habe sich keineswegs eines sprachlichen Missgriffs schuldig gemacht. Ihren zahlreichen Kritikern entgegnete sie: „Schämt euch!“