FAZ 23.11.2025
16:23 Uhr

Rechtsstreit in italien: Was geschieht mit den Kindern der „Waldmenschen“ in den Abruzzen?


Kein Strom und Heimunterricht: Eine britisch-australische Familie lebt abgeschottet am Rand eines kleinen Dorfes in Italien. Nun haben die Behörden den Eltern das Sorgerecht für ihre drei Kinder entzogen. Sie wehren sich.

Rechtsstreit in italien: Was geschieht mit den Kindern der „Waldmenschen“ in den Abruzzen?

Der Fall der „Waldmenschen von Palmoli“ bewegt Italien. Am Rande des Abruzzen-Dorfes lebten seit 2021 abgeschieden der 51 Jahre alte Brite Nathan Trevallion und die 45 Jahre alte Australierin Catherine Birmingham sowie deren drei Kinder: die acht Jahre alte Rose Utopia und die sechs Jahre alten Zwillingsgeschwister Bluebell und Galorian. Vom Leben der Einsiedler wussten bis zu diesem Wochenende allenfalls die Leute in der Umgebung. Palmoli hat knapp 8000 Einwohner und liegt in der Provinz Chieti auf rund 700 Meter Meereshöhe. Jetzt ist die Familie im ganzen Land bekannt, ihr Fall beschäftigt die nationale Politik. Denn die Familie wurde von den Behörden auseinandergerissen. Weil der Staat wieder einmal übergriffig war, sagen die einen. Weil es zum Schutz der Kinder so sein musste, sagen die anderen. Trevallion und Birmingham lernten sich nach eigenen Angaben vor Jahren auf Bali kennen. Beide führten ein Leben auf Reisen, verdienten sich in wechselnden Weltgegenden den Lebensunterhalt als Koch und Holzexporteur, als Reitlehrerin und Life Coach. Vor gut vier Jahren entschied sich das Paar, seine nomadische Existenz gegen das sesshafte Leben in den eigenen vier Wänden einzutauschen – in möglichst einfachen Verhältnissen, möglichst nahe an der Natur und möglichst fern von der westlichen Zivilisation, deren Einflüsse sie als überwiegend toxisch betrachten. Ohne Anschluss an Strom und öffentliche Trinkwasserversorgung Sie fanden und kauften ein abgelegenes Bauernhäuschen in den grünen Hügeln der Abruzzen, erreichbar nur über eine Schotterstraße, ohne Anschluss ans Stromnetz und die öffentliche Trinkwasserversorgung. Dort lebten die Eltern und ihre drei Kinder mitten im Wald. Gekocht und geheizt wurde mit Holz. Das Brauchwasser kam aus einem Brunnen, das Trinkwasser aus einer nahen Quelle. Die Trockentoilette befand sich außerhalb des Hauses und hatte ein Strohdach, der Dung wurde im Olivenhain ausgebracht. Zum Haushalt der Familie gehörten außerdem ein Pferd und ein Esel, dazu Hunde, Katzen und Hühner. Alle Tiere auf dem kleinen Hof seien mit Namen gerufen worden, nur die Küken (noch) nicht, erzählen die Nachbarn über die Einsiedler, mit denen es nie Probleme gegeben habe. Was die weitgehend autark lebende Familie nicht selbst anpflanzen oder aus dem Wald holen konnte, besorgte Nathan Trevallion mit seinem in die Jahre gekommen Renault-Transporter im Dorf oder in einer der Städte der dünn besiedelten Gegend. Richter entzog den Eltern nun das Sorgerecht Doch nun ist es vorbei mit dem Leben als Aussteigerfamilie: Auf Geheiß eines Jugendrichters in der Regionalhauptstadt L’Aquila wurde den Eltern das Sorgerecht entzogen. Am Donnerstagabend wurden die drei Kinder von den Carabinieri und von Angestellten des Jugendamts in eine staatliche Einrichtung im rund 30 Kilometer entfernten Vasto an der Adriaküste verbracht. Erst durch die Intervention von Rechtsanwalt Giovanni Angelucci, der vor den Behörden die Interessen der Familie vertritt, wurde es Catherine Birmingham erlaubt, ihre Kinder zu begleiten. Sie darf sich aber nicht ständig im gleichen Gebäude wie ihre unter die Aufsicht des Jugendamts gestellten Kinder aufhalten und auch nicht dort schlafen. Derweil werden die Kinder psychologischen Tests unterzogen und medizinisch untersucht. Sie sollen seit ihrer Übersiedlung nach Palmoli noch nie beim Kinderarzt gewesen sein und auch nicht die üblichen Impfungen erhalten haben. Als maßgeblichen Grund für den Entzug des Sorgerechts nennt das Jugendamt, dass den Kindern das „Recht auf soziale Beziehungen“ verweigert worden sei, weil sie nicht frei mit Gleichaltrigen spielen (und lernen) konnten. Nathan Trevallion lebt seither allein in dem Häuschen der Familie. Gegenüber italienischen Medien äußerte er sich am Wochenende bestürzt über den Zugriff des italienischen Staates auf seine Kinder: „Es war die traurigste Nacht meines Lebens. Ich war plötzlich allein auf dem Bauernhof, ohne meine Familie. Es war ein Schock. Aber ich muss handeln, damit meine Familie bald wieder nach Hause kommen kann.“ Am Wochenende brachte er seiner Frau und seinen Kindern zwei Taschen mit Kleidungsstücken und etwas eigenes Obst „ins Gefängnis“, wie er sagt: „Ich habe meinen Kindern gesagt, sie sollen stark sein, in vier oder fünf Tagen wären sie frei. Sie sind verängstigt, aber bald werden wir wieder so glücklich sein wie früher.“ Behörden wurden nach Pilzvergiftung auf die Familie aufmerksam In Bewegung kam das Räderwerk der Behörden vor gut einem halben Jahr. Wegen des Verzehrs giftiger Pilze, die die Eltern irrtümlich gesammelt und zubereitet hatten, mussten die Kinder im April mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Bei dem Rettungseinsatz inspizierten die Carabinieri das Haus und stellten „unzureichende Lebensbedingungen“ für die Kinder fest, namentlich das Fehlen einer Toilette im Haus, mangelnde Kontakte zu anderen Kindern und prekäre hygienische Verhältnisse. Die Familie schläft gemeinsam in einem Raum, die Zwillingsgeschwister in einem selbst gebauten Stockbett. Auch das mit dem Fall befasste Jugendamt stellte die Gefahr von „Vernachlässigung“ und fehlender schulischer Bildung fest. Die Behörden teilten nach der Inobhutnahme der Kinder mit, diese sprächen nur gebrochen Italienisch. Der Anwalt der Familie argumentiert, die Eltern hätten die erforderlichen Genehmigungen fürs eigene Unterrichten der Kinder in deren Muttersprache Englisch eingeholt, zudem hätten die Kinder die einschlägigen Kontrolltests des örtlichen Schulamts immer bestanden. Inzwischen haben rund 15.000 Menschen eine Onlinepetition zur sofortigen „Wiedervereinigung“ der Familie unterzeichnet. Konservative Familienverbände beklagen einen „schändlichen Eingriff des Staates“ in das Selbstbestimmungsrecht einer Familie. Der stellvertretende Ministerpräsident Matteo Salvini von der rechtsnationalen Partei Lega bezeichnete es als „beschämend, dass es sich der Staat erlaubt, in die Erziehung und die persönlichen Lebensentscheidungen eines Elternpaares einzugreifen, das in Italien ein gastfreundliches Land gefunden hat“. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, auf Reisen beim G-20-Gipfel in Südafrika, hat den Fall am Wochenende mit Justizminister Carlo Nordio besprochen. Medienberichten zufolge erwägt die Regierung in Rom die Entsendung von Inspektoren nach L’Aquila um zu überprüfen, ob das dortige Jugendgericht im Rahmen des Gesetzes entschieden habe. Familie wird Entscheidung des Gerichts wohl anfechten Der regionale Richterbund in L’Aquila warnte davor, den „Fall aufgrund von dessen Einzigartigkeit“ zu politischen Zwecken zu instrumentalisieren. Die Familie und ihr Anwalt haben zehn Tage Zeit, den Entscheid des Jugendgerichts in L’Aquila anzufechten. Der Einspruch wird für Anfang dieser Woche erwartet. In den Verhandlungen mit dem Jugendamt haben die Eltern nach Angaben ihres Anwalts stets bekräftigt, dass ihre einfachen Lebensumstände nicht als Vernachlässigung des Kindeswohls ausgelegt werden könnten, sondern als Ergebnis einer bewussten Lebensentscheidung. Ein unmittelbarer Nachbar der „Waldfamilie“ bezeichnete die Eltern einem Reporter des „Corriere della Sera“ gegenüber als „gebildete und anständige Leute“, während es deren Kindern „an nichts fehlt, außer an überflüssigem Zeug“. Nathan Trevallion sagt, dass die Familie gerne in ihrem Haus bei Palmoli bleiben würde: „Wir mögen unser Zuhause hier. Aber wir haben eine andere Möglichkeit: Wir nehmen unsere Pässe, meine Frau und die Kinder kehren nach Australien zurück, und ich bleibe vorerst hier, um mich um die Tiere zu kümmern. Wir hoffen nicht, dass es so weit kommt.“