FAZ 16.12.2025
16:53 Uhr

Rechtsextremer Code im Fußball: Der Wille zur Botschaft bei der Rückennummer 88


Der Berliner Fußballverband verpasst es, mit einem Verbot der Rückennummer, die Rechtsextremen als Code dient, ein wertvolles Zeichen zu setzen. Zeit für den DFB, für eine einheitliche Regelung zu sorgen.

Rechtsextremer Code im Fußball: Der Wille zur Botschaft bei der Rückennummer 88

Es wäre ein leichter Weg gewesen, um ein wertvolles Zeichen zu setzen: Im November hatte der Berliner Fußball-Verband (BFV) darüber zu befinden, ob er in seiner Spielordnung die „88“ als Rückennummer nicht mehr zulässt. Jene Ziffernkombination also, von der hinlänglich bekannt ist, dass sie in rechtsextremen Kreisen als Code für den jeweils achten Buchstaben des Alphabets und somit konkret für „Heil Hitler“ verwendet wird. Und gerade weil dieses Zeichen so leicht zu haben gewesen wäre, weil sehr leicht etwas zu gewinnen war, ohne dass etwas Wichtiges verloren gegangen wäre, war es nicht nur ein fahrlässiger, sondern schon ein grober Fehlschuss auf dem Verbandstag: Den Antrag des Vizepräsidenten für gesellschaftliche Verantwortung, Özgür Özvatan, mit 52:48 Stimmen abzuschmettern. Ausdruck einer besonderen persönlichen Resilienz Özvatan ist selbst nie den leichten Weg gegangen. Als türkischstämmiger, in Berlin geborener Fußballspieler (der es bis in die U-15-Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes geschafft hat) hat er so ziemlich alle Spielarten des Ressentiments am eigenen Leib erlebt. Dass er sich in seiner aktiven Karriere trotzdem für Spielfelder entschied, die auch in dieser Hinsicht zu den problematischeren gehören, die Oberliga Nordost bei der TSG Neustrelitz und später den BFC Dynamo in Berlin, kann man als Ausdruck einer besonderen persönlichen Resilienz begreifen. Seine Auseinandersetzung mit dem Thema als (inzwischen promovierter) Sozialwissenschaftler und Podcaster wiederum muss man als gesellschaftliches Anliegen betrachten: über all das nicht in Sprachlosigkeit zu verfallen – auch unter gegensätzlichen Positionen. In seiner jetzigen Funktion hatte Özvatan offenbar nicht erwartet, dass es ihm sein eigener Verband so schwer machen würde – anders als etwa Bayern, Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt, die diesen Hass-Code schon gesperrt haben. Horizont über die Grasnarbe erweitern Gegen den Antrag lobbyiert hatte vor allem der Verein Germania 1888, der älteste noch bestehende Fußballverein des Landes, der unter anderem mit der Identifikation seiner Spieler argumentierte. Selbst wenn dem so ist: Es wäre ja, wenn man seinen Horizont etwas über die Grasnarbe hinaus erweitert, trotzdem eine gute Gelegenheit gewesen, sich mit etwas Wichtigerem zu identifizieren, während sich für die Vereinsliebe auch andere Ausdrucksformen finden ließen. Gewiss kann man die Frage stellen, wo man bei so etwas anfängt und wo man aufhört, zumal jede Regulierung ihrerseits die Gefahr birgt, ein bestimmtes Narrativ zu bedienen. Während allerdings die ebenfalls als Code gebräuchliche „18“, die auf A.H., also Adolf Hitler, verweist, eine alltägliche Verankerung in der fortlaufenden Nummerierung besitzt, gehört bei der „88“ der Wille zur Botschaft schon dazu. Und wer wirklich glaubt, dass es sich dabei vorrangig um die eigene Hausnummer, das Alter des Opas oder auch das Herz für den eigenen Verein geht, kann ja einmal bei jener Abteilung des DFB nachfragen, die in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft das Netz nach Hasskommentaren durchforstet. Es ist deshalb gut, dass Özvatan es seinem Verband nicht leicht macht und den Ball wieder auf den Elfmeterpunkt legen will, in Form eines neuerlichen Antrags. Noch besser allerdings wäre es, wenn ihn sich ein anderer schnappen würde: der DFB, mit einer einheitlichen Regelung, wie es sie etwa in Italien schon gibt.