FAZ 11.02.2026
15:26 Uhr

Rechtsextremer Aktivist: An Sellner kommt die AfD-Spitze nicht vorbei


Weidel und Chrupalla können kein wirkliches Kontaktverbot zum Rechtsextremisten durchsetzen. Das zeigt, wie geschwächt sie dastehen. Die Partei verwehrt ihnen die Gefolgschaft.

Rechtsextremer Aktivist: An Sellner kommt die AfD-Spitze nicht vorbei

Die AfD-Spitze hat ein Problem: Die Partei will nicht spuren. Und das bei einem der heikelsten Themen überhaupt, dem Umgang mit verfassungsfeindlichen Positionen. Am Montag stellte der Bundesvorstand klar, was seine Position ist: Er forderte alle Verbände und Mitglieder der AfD auf, keine Parteiveranstaltungen mit dem rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner durchzuführen. Das „keine“ war unterstrichen, so, als könnte es sonst überlesen werden. In dem Beschluss, der der F.A.Z. vorliegt, wurden außerdem zwei AfD-Positionspapiere verlinkt; das eine zum Thema Remigration, das andere zu Staatsvolk und deutscher Identität. Die Parteispitze dokumentierte: So sehen wir das. Mitgemeint war: Ihr bitte auch. Doch von wegen. Wie aus der Partei zu erfahren ist, handelt es sich bei dem Beschluss um eine deutlich entschärfte Version. Die Parteispitze habe die Grenze zu Sellner viel deutlicher ziehen wollen. Das aber schien zu riskant. Leute aus den eigenen Reihen waren dagegen, und Aktivisten machten ebenfalls keinen Hehl daraus, was dann zu erwarten wäre. Der Beschluss ist windelweich Ein Exempel statuierten sie im Fall Stephan Protschka. Der bayerische Landesvorsitzende hatte vergangene Woche erklären müssen, warum der Sprecher der Identitären Bewegung, Maximiliam Märkl, Mitglied seines Landesverbandes sei. Das hatte die Zeitung „Welt“ aufgedeckt. Protschka sagte, nichts davon gewusst zu haben. Das „Remigrationskonzept“ der Identitären sei „extrem“, ihre Ansichten nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Das ist Parteilinie; deshalb stehen die Aktivisten auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Doch Sellner, früher selbst Sprecher der Identitären, setzte Protschka öffentlich massiv unter Druck. Er drohte mit „weiteren Schritten“, nähme der AfD-Mann seine Aussage nicht zurück, und stellte in Aussicht, dass er seinen Followern dessen Namen sonst noch „sehr, sehr häufig“ nennen werde. Eine kaum verhohlene Erpressung. Protschka reagierte. Und zwar genau wie verlangt. Die Identitäre Bewegung sei „weder extrem, noch steht sie nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Kommunikationsprobleme hätten einen falschen Eindruck entstehen lassen, stellte er am Sonntag auf der Plattform X klar. „Löblich“, kommentierte der Account der Identitären. Sellner dankte an selber Stelle und hob hervor, sein Amtsnachfolger Märkl sei ein „echter Idealist“ und „keineswegs extrem“. Einen Tag später folgte der Beschluss der AfD-Spitze. Darin kein Wort von den Identitären. Nur Sellner wurde erwähnt. Aber was umfasst „Parteiveranstaltungen“, auf denen dieser nicht willkommen sei – und was nicht? Einladungen wie jene in den Thüringer Landtag, wo AfD-Abgeordnete Sellner empfangen hatten, wären weiter möglich. Juristisch betrachtet sei eine Fraktionsveranstaltung etwas anderes als eine Parteiveranstaltung, heißt es aus Bundes-AfD-Kreisen. Zähneknirschend, denn damit ist der Beschluss windelweich. Auch ein Treffen wie zwischen Sellner und der Brandenburger AfD-Abgeordneten Lena Kotré könnte in Zukunft abgehalten werden – wenn es, so wie im Januar, nicht auf Einladung der AfD stattfindet, sondern Sellner den Veranstalter gibt. Der Parteispitze muss die Debatte Sorgen bereiten Obwohl der Beschluss so schwach ist, kritisierten einflussreiche AfD-Politiker ihn öffentlich. Er finde ihn falsch, sagte der Fraktionsvorsitzende der AfD im Brandenburger Landtag, Christoph Berndt, am Dienstag in Potsdam. Er halte die Identitären nicht für extremistisch. Was „diese jungen Leute“ in der Vergangenheit getan hätten, sei „friedlicher Protest gegen eine Politik der Grenzöffnung und der massenhaften Migration“, sagte der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Politiker. Auch sein Landesverband wird als gesichert rechtsextremistisch geführt. Berndt ging sogar so weit, seinen Aufruf an SPD-Innenminister René Wilke, mit Sellner über dessen Konzept zu diskutieren, zu erneuern. „Das könnten wir auch gerne hier organisieren im Landtag Brandenburg.“ Die AfD-Fraktion als Gastgeber, Sellner als Gast – nicht gerade das, was man sich im Bundesvorstand unter Abgrenzung vorstellt. Andere positionieren sich vorsichtiger – aber nicht ohne Sellner als Verbündeten darzustellen. Der Vorsitzende der AfD-Jugend „Generation Deutschland“, Jean-Pascal Hohm, sagte der F.A.Z. am Mittwoch, Veranstaltungen wie die von Sellner und Kotré seien von der Parteijugend nicht geplant. Auch er als Brandenburger Landtagsabgeordneter habe Vergleichbares nicht vor. Als Grund nannte er aber nicht, dass er Sellner oder dessen Begriff von „Remigration“ für problematisch halte. „Mit Projekthygiene können wir Patrioten mehr erreichen“, findet er. „Partei und Vorfeld haben im patriotischen Mosaik unterschiedliche Aufgaben, die sie erfüllen müssen.“ Das ist eine gängige Einschätzung, wie sie auch weite Teile des Vorfeldes vertreten. Demnach können Aktivisten die Grenzen des Sagbaren radikaler überschreiten als Parteifunktionäre; damit bereiten sie den Weg, den die Partei dann beschreiten kann. Eine Art Arbeitsteilung. Sellner zu meiden, findet Hohm abwegig. Wichtig sei, dass AfD-Leute weiter mit dem Aktivisten auf Podien sitzen und Debatten führen könnten, „etwa auf Einladung Dritter“. Ein Kontaktverbot hält er für falsch. „Es ließe sich kaum durchhalten und auch nicht durchsetzen.“ Auch Hohm gilt als gesichert rechtsextrem – mit guten Kontakten ins Vorfeld. Der Parteispitze muss die Debatte Sorgen bereiten. Der Verfassungsschutz gewinnt neue Einsichten. Und die AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla stehen geschwächt da.