In einem Waldstück in der Nähe von Leipzig liegt der ehemalige Fliegerhorst Brandis-Waldpolenz. Zu NS-Zeiten waren hier Kampfflugzeuge stationiert, zu DDR-Zeiten Hubschrauberregimenter. In den schon lange verfallenen Hangars, Bunkern und Kasernen übten bis vor anderthalb Jahren einige junge Männer den Häuserkampf. Sie trugen Tarnanzüge, schusssichere Westen und Helme. Und dazu oft schwarze Masken, auf denen ein weißer Totenkopf prangte. Sie nannten sich „Sächsische Separatisten“, abgekürzt SS. Und sie verfolgten einen irre erscheinenden Plan. An einem Tag X, so waren sie überzeugt, werde die ihnen verhasste Ordnung, die liberale Demokratie in Deutschland, zusammenbrechen. Dann wollten sie losschlagen. Große Teile Sachsens wollten sie mit Waffengewalt unter ihre Kontrolle bringen, einen eigenen Staat errichten. Der sollte sich von Westdeutschland abspalten und ideologisch am Nationalsozialismus ausgerichtet sein. „Arische Stoßtruppen“ würden die Kontrolle auf den Straßen übernehmen. Vertreter der alten liberalen Ordnung sollten eliminiert, politische Gegner, Juden und Migranten getötet werden, um einen ethnisch homogenen Staat der „weißen Rasse“ zu schaffen. Mit Nacht- und Gewaltmärschen bereitete sich die Gruppe auf den Tag X vor, sie deckte sich mit Munition, Messern, Macheten, Gasmasken und Funkgeräten ein. Bei manchen Trainings in und um den verlassenen Flugplatz trugen die jungen Rechtsextremisten Airsoft-Waffen, aus denen mit Plastikkugeln geschossen wird. Mit scharfen Waffen trainierten sie an Schießständen – in Deutschland, aber auch in Polen und der Tschechischen Republik, wo die Regeln weniger streng sind. Angeklagt sind acht Männer zwischen Anfang und Mitte 20 Was die jungen Männer nicht wussten: Verfassungsschützer und Polizisten hatten sie im Blick. Am 5. November 2024 schlugen die Sicherheitsbehörden zu. Bei einem Einsatz wurden acht Mitglieder der Gruppe festgenommen, in und um Leipzig, Grimma, Brandis und Dresden und im polnischen Zgorzelec, der Nachbarstadt von Görlitz, in der Jörg S. wohnte, der mutmaßliche Rädelsführer der Gruppe. Zudem wurden 20 Objekte durchsucht, davon zwei in Österreich. An diesem Freitag werden sich die acht Männer, die zum Zeitpunkt ihrer Festnahme zwischen 21 und 25 Jahre alt waren und seitdem in Untersuchungshaft sitzen, vor dem Oberlandesgericht Dresden verantworten müssen. Die Bundesanwaltschaft klagt sie an, Mitglieder in einer terroristischen Vereinigung gewesen zu sein und ein „hochverräterisches Unternehmen“ vorbereitet zu haben. Rund zwanzig Personen sollen zur Gruppe gehört haben. Sie vertraten eine rassistische und antisemitische Ideologie, in Chats war vom „weißen Dschihad“ die Rede, die geplante ethnische Säuberung wurde als „Holocaust“ bezeichnet. Im Gruppenchat begrüßte Jörg S. die Mitglieder mit „Heil Hitler“, nach dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel, forderte er: „Alle Juden ins Gas!“ In eine Art Familiennetzwerk eingebettet Der Angeklagte Karl K. schlug vor, Schwule von Häusern zu werfen. „Ihre Mitglieder verband eine tiefe Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland“, schreibt die Bundesanwaltschaft über die Gruppierung. Die Kerngruppe, die sich Anfang 2020 gegründet hatte, bestand aus Jörg S., dem Rädelsführerschaft vorgeworfen wird, und seinem jüngeren Bruder Jörn S. sowie zwei weiteren Angeklagten. Sie kamen aus dem Ort Brandis, mehrere gingen auf das dortige Gymnasium. Man hörte Rechtsrock, ging zu rechtsextremistischen Demonstrationen. Eingebettet war alles in eine Art Familiennetzwerk: Der Vater der beiden Brüder war in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Neonazi in Österreich bekannt, Mitglied der neonazistischen „Volkstreuen außerparlamentarischen Opposition“ (VAPO), organisierte Wehrsportübungen. Er saß wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung vier Jahre in Haft, siedelte dann nach Sachsen über. Ein Onkel ist ein langjähriger FPÖ-Politiker. Im Forsthaus der Familie in Niederösterreich wurden bei einer Durchsuchung gegen die Gruppe ein Lager mit 30 Kilogramm Munition entdeckt. Jörg S., ein gelernter Obstbauer, soll als Anführer die paramilitärischen Trainings und die Kommunikation unter den Mitgliedern organisiert haben. Drei „Sächsische Separatisten“ waren in der AfD Spätestens im August 2022 sollen sich drei weitere Mitglieder der Gruppe angeschlossen haben: Kurt H., Kevin R. und Hans-Georg P. Sie alle waren Mitglieder der AfD. Hans-Georg P. war zeitweise für die Partei in Leipzig aktiv, Kevin R. engagierte sich in der Jungen Alternative und als Lokalpolitiker in Grimma. Ihm überwies der ehemalige Berliner CDU-Politiker Peter Kurth 100.000 Euro – ein Darlehen, um ein Gebäude in Grimma zu renovieren. R. will er aus der Schülerverbindung Iuvenis Gothia gekannt haben, von den „Sächsischen Separatisten“ und deren Gedankengut habe er nichts gewusst, so Kurth, der einmal Finanzsenator in Berlin war. Eine besondere Rolle spielte in der Gruppe Kurt H. Der gelernte Metallbauer saß über Jahre im Kreisvorstand der AfD im Landkreis Leipzig und war für die rechtsextreme Partei Stadtrat in Grimma. Er lernte Jörg S. kennen, als er ihm einen Bundeswehrhelm abkaufte, denn S. handelte mit Militärausrüstung und NS-Literatur. H. hatte sich als Zeitsoldat bei der Bundeswehr verpflichtet, wurde aber 2021 entlassen, weil er erklärt haben soll, das Deutsche Reich bestehe weiter fort. Als H. in Grimma verhaftet werden sollte, trat er den Beamten mit einem geladenen und entsicherten Gewehr gegenüber, das er auf einen Bundespolizisten richtete. Der Beamte gab zwei Schüsse ab, die H. im Bereich der Schulter und des Gesichts trafen, ein Projektil verletzte ihn am Kiefer. Die Staatsanwaltschaft Leipzig stellte ein Ermittlungsverfahren gegen den Beamten ein, da er aus Notwehr gehandelt habe. Kurt H. hingegen wird versuchter Mord aus niedrigen Beweggründen, tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Der entscheidende Hinweis kam aus den USA Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, der die Frau von Kurt H. getroffen hatte, sprach im Sommer 2025 von einer „anständigen Familie“ und stellte die Festnahme als inszeniert dar. Der AfD-Kreisverband Leipzig hatte unmittelbar nach der Festnahme noch zu einer Solidaritätskundgebung für Kurt H. und Kevin R. aufgerufen unter dem Motto „Schluss mit der linken Gesinnungsjustiz!“. Doch die Kundgebung wurde von der Partei kurzfristig abgesagt. Die sächsische AfD-Führung und auch die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla erklärten rasch, dass die Festgenommenen aus der Partei ausgeschlossen würden. Kurt H. und Kevin R. waren zudem für den sächsischen AfD-Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner tätig. Wiesner sagte, er habe von ihrer Tätigkeit bei den „Sächsischen Separatisten“ nichts gewusst. Der Landtag in Dresden beschloss gegen die Stimmen der AfD-Fraktion im März 2025, Wiesner als Vorsitzenden des Justizausschusses abzuberufen. Auf die Spur kamen die Ermittler der Gruppierung durch einen Hinweis aus den USA. Denn Jörg S. äußerte sich in einer rechtsextremistischen Chatgruppe im Messengerdienst Telegram. Er nannte sich dort „Hunter M.“, berichtete von Kampfzellen und postete ein Foto von einem Training mit Waffen im Wald. Einer der Mitglieder der Chatgruppe war ein FBI-Agent. Die amerikanische Sicherheitsbehörde leitete die Erkenntnisse an die deutschen Dienste weiter. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bekam im Frühjahr 2023 heraus, wer sich hinter „Hunter M.“ verbarg, das BKA begann zu ermitteln. Es setzte eine Person auf die Gruppe an. Jörg S. traf sich mit ihr und berichtete von den Plänen der Gruppe. Zudem wurden Telefone überwacht, das Auto von Jörg S. verwanzt und Trainings der Gruppe mit einer Drohne gefilmt. Für den Prozess vor dem Oberlandesgericht sind zunächst fast 70 Tage angesetzt. Fünf der Angeklagten sollen teilweise als Jugendliche und Heranwachsende gehandelt haben, weshalb Jugendstrafrecht angewendet wird. Gegen mindestens sieben andere Mitglieder oder Unterstützer der „Sächsischen Separatisten“ wird weiter ermittelt.
