FAZ 21.11.2025
13:03 Uhr

Reaktion auf manipulation: Wie sich das Skispringen gegen Betrüger wappnet


Norwegens Anzug-Betrug wirkt nach: Zum Saisonstart gibt es im Skispringen neue Kontrollen. Das Misstrauen aber bleibt.

Reaktion auf manipulation: Wie sich das Skispringen gegen Betrüger wappnet

Die neue Saison beginnt für die Skispringer an diesem Samstag auf dem Lysgardsbakken im Skistadion von Lillehammer in Norwegen. Und somit in dem Land, das für den bisher größten enthüllten Betrug in der Welt der fliegenden Athleten steht. Anfang März wurde 350 Kilometer nördlich, in Trondheim, durch die Veröffentlichung eines anonymen Videos bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften deutlich, dass Team Norwegen seine Anzüge in der Nacht vor dem abschließenden Springen von der Großschanze manipuliert hatte. Der Film zeigte eindeutig, wie ein Betreuer im Beisein des damaligen Nationaltrainers Magnus Brevik eine Stabilisierungsnaht in einen Anzug einnähte. Dieser verbotene Eingriff versteift das Material und ermöglicht größere Weiten. Der spätere WM-Zweite von der Großschanze, Marius Lindvik, und der Fünfte, Johann André Forfang, wurden direkt nach dem Wettkampf von Trondheim disqualifiziert. Überraschend mildes Urteil Im August sprach die Ethikkommission des Weltverbandes FIS schließlich ein Urteil. Doch das fiel mit 2000 Schweizer Franken (etwa 2150 Euro) Bußgeld und drei Monaten Sperre für Lindvik und Forfang überraschend milde aus. Nicht springen durften die beiden Athleten lediglich in den unbedeutenden Sommer-Wettbewerben. Mit einer Ausnahme: Beim Auftakt des Sommer Grand Prix Anfang August in Courchevel lag noch keine Sperre vor. Dort gewann: Lindvik. Und punktgenau zu den ersten beiden Schnee-Wettkämpfen in Lillehammer am Samstag und Sonntag sind Lindvik und Forfang nun wieder startberechtigt. Die Sanktion für Brevik, den Mann an der Nähmaschine, und einen weiteren Verschwörer steht noch aus, erwartet wird eine Sperre von jeweils 15 Monaten. Wellinger findet Aufarbeitung „fragwürdig“ Dass Lindvik und Forfang sich nun bei der Saisoneröffnung in der Heimat zeigen dürfen, akzeptiert längst nicht jeder ihrer Konkurrenten kommentarlos. Andreas Wellinger etwa, einer der Top-Springer des Deutschen Skiverbandes, redet sich schnell in Rage, wenn die Sprache auf den Anzugbetrug von Trondheim kommt. Die Aufarbeitung findet er „fragwürdig“. Er ist sich nicht sicher, ob die ausgesprochenen Sanktionen dazu dienen, „unsere Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen“. Wellinger spürt insgesamt „ein Misstrauen unter den Athleten“ gegenüber Team Norwegen. Wellinger war bei der Trondheimer WM eine Woche vor Bekanntwerden der Anzugschummelei Zweiter im Titelkampf von der Kleinschanze geworden – hinter Lindvik. Unausgesprochen steht weiter im Raum, dass Weltmeister Lindvik und seine Teamkollegen auch bei diesem und allen anderen WM-Wettkämpfen mit manipuliertem Material gesprungen sind, und nicht nur zum WM-Abschluss von der großen Anlage. Beweisen ließ sich das aber auch nach intensiven Recherchen der FIS-Ethikkommission und nach Anhörung der Athleten nicht. Professionalität trifft auf Ehrenamt Als Konsequenz aus dem Skandal von Trondheim wird die Einhaltung der Regeln mit Beginn der Weltcup-Serie in Lillehammer auf völlig neue Weise kontrolliert. Andreas Bauer, der seit Mai 2024 die Materialkommission der FIS leitet, hat sich dazu mit seinem Team sehr viele Gedanken gemacht. Im Gespräch mit der F.A.Z. räumt er ein, „dass wir, die FIS, ein großes Problem hatten, weil bei den Wettkämpfen Professionalität auf Ehrenamt getroffen ist“. Das habe man nun bewusst geändert. In den Tagen vor den beiden Wettkämpfen von Lillehammer werden die Springer aller Nationen von der FIS einbestellt, um exakt zwei Anzüge, die nach Trondheim nun enger geschnitten sein müssen, in einer Art TÜV für die gesamte Saison abnehmen zu lassen. Werden sie akzeptiert, erhalten sie einen elektronischen Chip. Diese technische Abnahme verantwortet ab sofort der ehemalige österreichische Skispringer Matthias Hafele, den Bauer als „absoluten Vollprofi mit dem passenden Blick“ bezeichnet. Die FIS hat Hafele hauptamtlich verpflichtet. Neu sind dreistufige Kontrollen Neu sind verschärfte Kontrollen während des Wettkampfs an den Schanzen im Rahmen von Weltcup-Events. „Da haben wir drei Level eingeführt“, sagt Bauer. Level eins besetzt Hafele im Materialcontainer im Auslauf der Anlagen. Level zwei betrifft die Schrittkontrolle der Anzüge oben auf der Schanze – „die werden nun professionell durchgeführt und nicht mehr larifari“, sagt Bauer. Auch für diesen Job hat die FIS erfahrene Leute engagiert, „die kommen während der gesamten Saison zum Einsatz“, sagt Bauer. Es werde darauf geachtet, dass die Athleten bei der Kontrolle „richtig stehen und dass der Anzug nicht irgendwie hochgedrückt oder sonst wie bewegt wird“, erläutert Bauer. Level drei bestücken schließlich lokale Helfer, dieser Posten ist neu. Diese Kontrolleure, Stammpersonal des jeweiligen Organisationskomitees, erhalten eine Schulung und ein Leibchen mit der Aufschrift „Equipment Control“. Sie sollen nach der Landung hinter den Athleten hergehen, sie beobachten, Auffälligkeiten wie wildes Gezerre am Anzug melden und den Springer bis zum Materialcontainer begleiten, in dem Hafele nach Begutachtung des Sprungs Nachkontrollen anordnen kann. Besteht ein Athlet eine der Level-Kontrollen nicht, wird er vom Wettkampf ausgeschlossen und erhält eine Gelbe Karte. Bei einem weiteren Vergehen verwandelt sich der Gelbe Karton in Gelb-Rot und der Springer ist für die beiden nächsten Springen gesperrt. Die betroffene Nation kann keinen Springer nachnominieren. Kommt es zu einem Verstoß und einer Disqualifikation, wird er transparent unter Nennung des Vergehens veröffentlicht – „im Stadion, im Fernsehen, überall“, sagt Bauer.