FAZ 01.12.2025
19:14 Uhr

Ratlosigkeit beim Weltmeister: Wo ist Lewis Hamiltons Speed geblieben?


Der Rekordweltmeister der Formel 1 bewegte seinen Rennwagen oft schneller, als Ingenieure es für möglich hielten. Nach seinem Wechsel zu Ferrari erlebt er ein Desaster. Das liegt nicht nur an der eklatanten Schwäche des Boliden.

Ratlosigkeit beim Weltmeister: Wo ist Lewis Hamiltons Speed geblieben?

Am Freitag flitzte Lewis Hamilton mit einem Roller durch das Fahrerlager. Ein Beobachter rief ihm halb im Scherz hinterher, er solle sich das Tempo für die Rennstrecke bewahren. Als die Worte verklangen, war der Engländer längst in der Tiefe des langen Fahrerlagers verschwunden. Zurück blieb die Ahnung, Ferraris Superstar der Formel 1 werde auch beim Grand-Prix-Wochenende in Qatar nicht in die Gänge kommen. Inzwischen gelten hintere Plätze für den Rekordweltmeister als so vorhersehbar wie einst sein Zug im Mercedes an die Spitze, was auch immer geschehe: 105 Siege, sieben WM-Titel, keiner war erfolgreicher. Wo ist der Speed von Sir Lewis geblieben? 30 Stunden später zögert Hamilton im Interview mit F1-TV lange, als er um eine Erklärung für die nächste bittere Niederlage gebeten wird. Er scheint sehr angefasst: Drittletzter im Qualifikationstraining für den Großen Preis von Qatar. Schon beim Startplatzrennen für den Sprint am Samstag war er in der ersten Runde ausgeschieden. Eine Woche zuvor, als es in Las Vegas um die Pole-Position ging, fuhr niemand langsamer als Hamilton: 20., 18., 18. Die Zusammenfassung dieser Ziffern ergibt für ihn, so sind seine Kommentare zu interpretieren, eine glatte Null. Als sei da nichts mehr, nur noch Ratlosigkeit, eine Leere. Hamilton wirkt traurig. Er spricht leise. Als eine Reporterin, bewegt von der Seelenlage, betont vorsichtig fragt, ob er denn irgendetwas Positives wahrgenommen habe, antwortet Hamilton: „Das Wetter ist schön.“ Und auf Nachfrage noch einmal: „Das Wetter ist schön.“ Die Bockigkeit des Boliden fällt ins Auge Hamilton steht im Schatten. Das kennt er nicht, der Meister der schnellsten Runde, der Top-Spezialist für das Qualifying. „Hammertime“, riefen sie bei Mercedes, wenn er ausholte zur letzten, ultimativen Runde am Limit und als Lichtgestalt mit Extrapower ins Ziel rauschte. In der Bestenliste liegt er mit weitem Abstand vor Michael Schumacher (68) an der Spitze: einhundertvier Pole-Positionen, 104. Mit dem Ferrari der Gegenwart ist Nummer 105 nicht möglich. Das sah man in Qatar schon aus der Distanz. Die Bockigkeit des Boliden fällt ins Auge, die Probleme der beiden Fahrer, das „Allerheiligste“ vom Ferrari-Stammsitz Maranello in der Spur zu halten. Im Frühjahr schien Hamilton schnell angekommen zu sein in der Scuderia. Mit einem Sprintsieg in China im März. Ein Strohfeuer. Seine Zweikampfbilanz lenkt den Blick weg von Motor, Chassis, Front- und Heckflügel auf die Mitte des Rennwagens, auf das Cockpit, wo bekanntlich der Steuermann retten soll, was zu retten ist. Hamilton konnte das, ein Auto schneller bewegen als es die Ingenieure für möglich hielten. Max Verstappen gelingt es mit dem Red Bull. Aber im schnelleren der beiden Ferrari sitzt meistens ein anderer. Gegen den Teamkollegen Leclerc 5:18 im Rückstand Vor dem letzten Grand Prix am kommenden Wochenende in Abu Dhabi liegt Hamilton in der Qualifikationsstatistik im Vergleich mit dem Teamkollegen Charles Leclerc gewaltig im Rückstand: 5:18. Da ist nichts mehr zu machen. Schon vor dem Rennen in Qatar war das Desaster nicht mehr abzuwenden: abgehängt vom Monegassen über eine Runde und längst auch in der Fahrerwertung. Als sich Hamilton am Donnerstag in der Presserunde nach zunächst wortkargen Antworten doch bemüht, Gründe anzuführen, schließt er den Kreis. Nach seinem Wechsel von Mercedes zu Ferrari hatte er zu Saisonbeginn um Geduld gebeten: neues Team, neue Leute, neue Abläufe. In Qatar kommt er wieder darauf zurück. Sein Teamchef Frédéric Vasseur vertröstete einen Tag später die Ferraristi auf die neue Saison. Mit Blick auf die gewaltige Regelreform sei die Entwicklung des Autos schon im April eingestellt worden. Es winkt also ein ganz neues Auto, ein neues Fahrverhalten, eine neue Technik mit einem wesentlich stärkeren Elektromotor im Hybridantrieb, eine neue Fahrstrategie, die Piloten mit Denkkapazität bei Vollgas gefallen könnte. Vom Alten ist nicht die Rede, vom Altern schon gar nicht. Ein heikles Thema. Weil Fernando Alonso mit 44 Jahren im Aston Martin seinen Teamkollegen Lance Stroll nach Belieben dominiert in den Startplatzrennen (23:0). Am Alter – Hamilton ist vierzig – muss es nicht liegen? Aber Stroll, der Sohn des Milliardärs Lawrence Stroll, Anteilseigner bei Aston Martin, ist nicht Charles Leclerc. Der Vergleich hinkt. Hamilton misst sich, seinem Anspruch entsprechend, mit einem der schnellsten Fahrer. Wer zurückschaut, entdeckt einen Vorläufer dieser Niederlagenserie mit Vernichtungspotenzial, so verloren wie Hamilton in diesen Tagen wirkt. 2024 im Mercedes schlug George Russell die Galionsfigur in dessen Lieblingsdisziplin 19:5. Wenn es aber damals im Mercedes nicht mehr reichte für die Meisterschaft im eigenen Rennstall und heute im Ferrari der Nachbar in der Box das Tempo vorgibt, dann liegt es wohl nicht am Untersatz. Als kurz vor der Saison 2024 überraschend der Wechsel von Hamilton aus seiner Mercedes-Familie zur Scuderia fixiert und bekanntgegeben wurde, verlor der deutsche Rennstall unter Führung des österreichischen Anteilseigners Toto Wolff seinen Weltstar. Der Rennstall hatte Hamilton gehegt und gepflegt, seine Sensibilität gespürt und ihn, Chefpilot hin oder her, lenken können. Dabei sprang die erfolgreichste Karriere in der Geschichte der Formel 1 heraus, eine atemraubende Dominanz verknüpft mit einem strahlenden Comeback von Mercedes in der Königsklasse. Mit dem Abschied Hamiltons ging auch dessen magnetische Wirkung verloren, zum Beispiel auf potente Sponsoren. Aber im Rückblick scheint es, als sei der teuerste Angestellte nicht zu früh gegangen.