FAZ 06.10.2026
19:13 Uhr

Rassismus im Netz: Ignoranz ist Kapitulation


Tennisspielerin Coco Gauff muss sich wieder mit rassistischen Kommentaren auseinandersetzen. Wer ihr rät, sie zu ignorieren, hilft ihr nicht. Weil das Problem so bestehen bleibt.

Rassismus im Netz: Ignoranz ist Kapitulation

Wie einfach es wäre, eine Schere in die Hand zu nehmen und all diese rassistischen Kommentare kurz und klein zu schneiden. Coco Gauff hätte viel zu tun. Gerade muss sie sich wieder gegen Rassisten in den sozialen Netzwerken wehren, die sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe angreifen. Boris Becker, der sich regelmäßig gegen Rassismus engagiert, hat aufbauende Worte für die Tennisspielerin gefunden. Er schrieb ihr: „Du bist eine stolze schwarze Frau und wir lieben dich! Kümmere dich nicht um die Kommentare dieser ignoranten, dummen Leute und schau sie dir nicht an.“ Er beendete den Text nicht nur in seinem Namen, sondern mit „Liebe Grüße von der Familie Becker!“. „Meine Gedanken kriegen sie nicht“ Beckers Kinder, seine früheren Ehefrauen und seine heutige haben keine weiße Hautfarbe. Sie erfahren wahrscheinlich, so wie Gauff, regelmäßig, wie sich Rassismus anfühlt und wie aufwendig es ist, sich dagegen zu wehren. Der Rat, sich solche Kommentare nicht anzuschauen, ist offenbar der Weg, den sie für sich als den geeigneten identifiziert haben. Und für den sich auch Jürgen Klopp entschieden hat. Der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat neulich auf rassistische Kommentare gegen seine Spieler reagiert. Er sagte über die Verfasser: „Es gibt keinen Grund, sich über diese Menschen Gedanken zu machen. Meine Gedanken kriegen sie nicht. Ich habe im normalen Leben für Dummheit wenig Zeit – und für die sozialen Medien auch nicht.“ Klopp weiß, wie Sport Menschen verbindet Er sagte auch, dass das Zusammenleben seiner Spieler im Trainingscamp nicht großartiger sein könnte. Klopp muss es wissen, er hat in unzähligen Kabinen erlebt, wie der Sport Menschen unterschiedlicher Hautfarbe verbindet. Es ist wichtig, dass er Stellung bezogen und seine Spieler in Schutz genommen hat. Klopp und Becker zeigen: Auch weiße, in Deutschland geborene Männer können sich differenziert mit Rassismus auseinandersetzen. „Augen zu, Ohren zu“ ist aber keine gute Lösung. Coco Gauff oder der Fußballnationalspieler Jonathan Tah müssen sich regelmäßig mit rassistischen Kommentaren in den sozialen Netzwerken beschäftigen – ob sie sie lesen oder nicht. Sie registrieren sie und müssen entscheiden, ob sie die Nachrichten ignorieren, melden, löschen oder beantworten. Wo die Schere aufgeht „Augen zu, Ohren zu“ darf auch nicht das Signal an Rassisten sein. Sie zu ignorieren, ist eine Kapitulation, die dazu verleitet, die Hände in den Schoß zu legen. Dann bleibt das Problem bestehen: dass Sportlerinnen und Sportler keine Möglichkeit haben, sich vor Rassisten in sozialen Netzwerken zu schützen. Entsprechende Profile, Kommentare und Nachrichten zu melden oder zu blockieren, hilft offensichtlich nicht. Es sind zu viele. Zu viele Rassisten, die eine Schere im Kopf haben: Eine Person hat keine weiße Haut? Dann kann sie keine faire Sportlerin oder überhaupt ein Mensch sein. Diese Schere geht auch auf, wenn schwarzen Spielern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die Deutsche sind, das Recht abgesprochen wird, für eine deutsche Nationalmannschaft Fußball zu spielen. Die Schere in den Köpfen der Rassisten ist das Ergebnis einer Ideologie, die auch Politiker einer Partei teilen, die nun erstmals den Präsidenten eines deutschen Landtages stellt. Auch das kann man ignorieren. Ein Problem verschwindet aber nicht, nur weil man Augen und Ohren davor verschließt.