Zum Kreislauf des Gelingens gehört für einen Skispringer neben einem pfundigen Absprung in der richtigen Zehntelsekunde eine passende Ausrüstung, das Gespür für die Luft und unaufhaltsames Selbstvertrauen. Wenn diese Mischung vorhanden ist, gehen Flüge auf, erfolgt die Landung spät und sind die Leistungen hervorragend. In einem solchen Kreislauf des Gelingens befindet sich derzeit Phillip Raimund aus Göppingen. Und wie: Nach vier Podestplätzen in neun Weltcup-Veranstaltungen ist er als bester Deutscher Vierter der Gesamtwertung dieser Serie. Was Raimund noch fehlt, ist ein erster Sieg auf Schnee. „Doch der wird schon noch kommen“, sagt Bundestrainer Stefan Horngacher vor der nächsten Station der Skispringer im schweizerischen Engelberg an diesem Wochenende. Dort steigt die Generalprobe für die Vierschanzentournee, die am 29. Dezember in Oberstdorf beginnt. Auf den ersten Sieg warten – das erfordert Geduld. Doch gerade diese Gelassenheit war dem 25 Jahre alten Raimund vor dieser Saison kaum gegeben. Vor einem Jahr in Engelberg war er so verzweifelt, dass er vor den Wettkämpfen kurzerhand die Skier wechselte, was in einer sensiblen Sportart wie dem Skispringen ohne eingehende Tests enorm verwegen ist. Aber Raimund kam zuvor nicht voran, er wollte ins Risiko gehen, denn es war nicht sicher, dass er permanent den zweiten Durchgang der besten 30 Springer erreichte. Verzicht in Planica Die Maßnahme ging aber nicht konstant auf, die vergangene Weltcup-Saison beendete Raimund trotz zweier fünfter Plätzen gegen Saisonende auf Rang 24. Das letzte Wettkampf-Wochenende Ende März 2025 in Planica ließ er aus, es waren zwei Skiflug-Konkurrenzen im slowenischen Tal der Schanzen angesetzt. Doch Raimund verzichtete mit einer verblüffenden Begründung: Höhenangst. „Normalerweise habe ich das unter Kontrolle und beim Skispringen ist das auch kein Problem“, ließ Raimund vor neun Monaten auf Instagram dazu wissen. Ab und zu aber und nur beim Skifliegen, reagiere eben sein Körper. Flugschanzen sind viel gewaltiger als Anlagen für Skispringer, der Anlauf und die Luftfahrt sind länger und die Weiten größer. Manchmal sperrt sich Raimunds Inneres gegen diese Herausforderung. Wenn das wie in Planica so ist, verzichtet er lieber auf einen Wettkampf. Aber nochmal: Ein Skispringer mit Höhenangst? Ist das nicht so, als ob ein Fußballer eine Ballphobie besitzt? „Natürlich habe ich das bei 95 Prozent meiner Sprünge unter Kontrolle“, erklärte Raimund. Und mittlerweile habe er „gut mit jemandem zusammengearbeitet, sodass ich das in den Griff bekommen habe“. Dieser „jemand“ ist ein Mentaltrainer, mit dem Raimund die Wurzeln einer eingeschlichenen Unsicherheit „angegriffen“ habe, wie er erzählt. Diese nun offenbar gekappten Wurzeln scheinen ihm gutzutun. Beim Sommer Grand Prix war Raimund nach elf Wettbewerben, die er gar nicht alle bestritten hat, der Beste. In Hinzenbach gewann er sogar ein Springen. „Im Sommer habe ich eine gewisse Konstanz gespürt. Das hat richtig gut getan“, sagt Raimund. Matten und Material Die Gründe für Raimunds aktuellen Aufschwung hängen mit dem auf Matten aufgebauten Selbstvertrauen und dem für ihn passenden Material zusammen. Nach dem norwegischen Skandal um manipulierte Springeranzüge sind die Kleidungsstücke nun enger geschnitten. „Das hat mir in die Karten gespielt, weil es Leute, die wie ich über einen starken Absprung verfügen, unterstützt“, sagt Raimund. Hinzu komme, dass er sich als Persönlichkeit weiterentwickelt habe. Die konkrete Erkenntnis aus diesem Prozess: „Ich bin entspannter geworden. Bei mir war am Anfang meiner Karriere viel Nervosität dabei.“ Und spürbare Ungeduld. Zuvor gab es Phasen in Raimunds Karriere, „da war mir Vieles egal, wahrscheinlich ein bisschen zu egal“. Er habe einen Prozess durchlaufen, innerhalb dessen ihm bewusst geworden sei, wie er Erwartungen anderer an sich abschütteln könne „und welche Register ich ziehen muss, um zu Hause abschalten zu können“. Konkret: „Männer haben die Möglichkeit, an nichts zu denken. Das kann ich sehr gut.“ Vor allem aber hat er mit seinem Mentaltrainer erarbeitet, „dass ich ein Repertoire besitze, auf das ich mich verlassen kann. Ich habe meinen Werkzeugkasten, dazu gehört der Hammer, und das ist im übertragenen Sinne meine Sprungkraft. Und so weiter.“ Seine Sprungkraft ist in der Tat der Hammer, aus dem Stand schafft er ohne die Knie anzuziehen 69 Zentimeter, diese Fähigkeit katapultiert ihn beim Skispringen nach dem Absprung so sehr in die Luft, dass große Weiten möglich sind. Horngacher hat längst eine Wesensveränderung bei Raimund festgestellt, als Sportler und Mensch: „Er ist gereifter, klarer und stabiler in den Dingen, die er machen muss, damit er gut springt. Und er hat ein bisschen eingebüßt von seiner Euphorie, was nicht unbedingt schadet.“ Diese Euphorie – das war in der Vorsaison seine sichtbare Aufgeregtheit in vielen Bereichen. Raimund weiß, dass er mit seinem aktuellen Paket aus Top-Ergebnissen und dem entsprechenden Selbstvertrauen zu den Favoriten bei der Vierschanzentournee gehören wird. Doch mit seiner neuen Sachlichkeit sagt er dazu: „Wenn ich Tag für Tag mein System abrufen kann und mich gut erhole, wird das bei allen Events gut funktionieren.“
